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Filmkritik „Der letzte Zug“: Schoa nach Kinoregeln

10.11.2006 ·  688 Juden gehören zum letzten Transport, der 1943 Berlin Richtung Auschwitz verläßt. Joseph Vilsmaier macht daraus in „Der letzte Zug“ irritierenderweise einen Publikumsfilm mit allem, was dazugehört - mit Stars, Action und eindimensionalen Bösewichtern.

Von Bert Rebhandel
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Ein „judenreines“ Berlin wollen die Bürokraten ihrem Führer schenken. Es ist das Jahr 1943, nur noch wenige Vertreter des bedrängten Volkes befinden sich in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Reichs. Nun werden auch sie noch aus ihren Betten, Verstecken, Wohnungen gerissen und zum Bahnhof Grunewald gebracht, von wo sie „an einen sicheren Ort“ gebracht werden sollen. 688 Menschen gehören zum letzten Transport, der Berlin verläßt.

Auf einen Waggon konzentrieren sich Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová in ihrem Drama „Der letzte Zug“. Rund hundert Menschen sind hier auf engstem Raum zusammengepfercht. Ein Eimer ist mit Wasser gefüllt, ein weiterer dient als Toilette. Sechs Tage dauert die Fahrt nach Osten. Henry Neumann (Gedeon Burkhard) erwacht zuerst aus der Schockstarre: „Wir müssen uns organisieren, sonst bringen wir uns gegenseitig um.“ Die Gruppe einigt sich darauf, daß zwei Frauen, die ihre Kinder noch stillen, bevorzugt Wasser bekommen. Und während der monotone Rhythmus vom Gleiskörper die Ungewißheit verstärkt, beginnt die Notgemeinschaft, ihre wenigen Möglichkeiten zu nutzen. Ein Mutiger hat Werkzeug in den Zug geschmuggelt. Wann immer sie unbeobachtet sind, sägen die Männer nun an den Gitterstäben vor dem kleinen Fenster, durch das ein wenig Licht ins Wageninnere dringt.

Eindeutig ein Publikumsfilm

„Der letzte Zug“ beruht auf einer Initiative des Berliner Produzenten Artur Brauner und einem Drehbuch von Stephen Glantz, der versucht hat, die Balance zu halten zwischen dem entwürdigenden Schicksal, das die Juden erleiden müssen, und dem Glück, das sie in Deutschland auch erlebt haben. Immer wieder unterbrechen Vilsmaier und Vávrová die Geschichte für kurze Rückblenden, in denen das Mädchen Nina sich an die ersten Schritte des Ballettunterrichts erinnert oder der alte Komiker an einen Waldspaziergang mit seiner Frau, die sich weigerte, nach Amerika zu fliehen, und an seiner Seite blieb. Henry Neumann, Ninas Vater, wird zur Integrationsfigur einer zunehmend in Verzweiflung und Apathie zerfallenden Gemeinschaft. „Der letzte Zug“ ist eindeutig ein Publikumsfilm, mit Stars und Action, mit Nazis, deren Eindimensionalität manchmal wie eine Karikatur wirkt.

Die Bilder eines durch die Wälder Polens fahrenden Zugs haben sich dem kollektiven Gedächtnis inzwischen aus anderen Filmen und zeithistorischen Fernsehserien so weit eingeprägt, daß Vilsmaier und Vávrová vielfach mit Klischees auf Klischees reagieren. Je länger die Fahrt dauert, desto stärker ähneln die Menschen schon den Insassen der Todeslager: halb nackt, ausgemergelt und kaum noch bei Bewußtsein. Alles das, was es von der Vernichtungspolitik über diese einprägsamen Bilder hinaus zu wissen gäbe, legen Vilsmaier und Vávrová in eine Einstellung mit klappernden Schreibmaschinen. Ihr Film beginnt mit einer Gedenktafel in Grunewald und endet mit dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Diesen Schritt vom Besonderen zum Allgemeinen vollzieht der Film aber nicht mit. Denn die 688 Juden, von denen hier erzählt wird, stehen zwar für das ganze Volk. Die Bilder aber zeigen von der Schoa nur, was einem bestimmten Verständnis von Kino entspricht. „Der letzte Zug“, der Betroffenheit auslösen möchte, bietet in erster Linie Unterhaltung.

Quelle: F.A.Z., 09.11.2006, Nr. 261 / Seite 38
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