20.01.2004 · Es war auch fast zu schön, um wahr zu sein. Der Privatsekretär des Papstes bestätigte jetzt zwar, Johannes Paul II. habe eine Videofassung von Mel Gibsons „The Passion“ gesehen. Er habe aber nie gesagt, Film und Bibel stimmten überein.
Von Heinrich WefingEinen beruferenen Filmkritiker hätte sich Mel Gibson nicht wünschen können, um seinen Film "The Passion" anzupreisen. Niemand Geringerer als der Papst höchstselbst habe das blutige Opus über die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu während einer Privataufführung gesehen, hieß es aus Gibsons Werbeabteilung, und der Heilige Vater habe anschließend bemerkt, der Film zeige die Leidensgeschichte so, "wie es war" ("It is as it was").
Ein Publicity-Traum. Wie sonst nur Oscar-Nominierungen wurde das vatikanische Gütesiegel vermarktet, obwohl der Sprecher des Papstes es offiziell nicht bestätigen mochte. Zeitungen und Fernsehstationen in aller Welt verbreiteten das Zitat. Tatsächlich schien es das bislang eindrucksvollste Votum in einer gleichermaßen lebhaften wie gespenstischen Diskussion zu sein, die seit Monaten über ein Werk geführt wird, das der Öffentlichkeit noch unbekannt ist. Einstweilen durften den Film nur Auserwählte sehen, erst Ende Februar soll er in die amerikanischen Kinos kommen, pünktlich zu Aschermittwoch.
Die Welten zwischen Hollywood und dem Vatikan
Gleichwohl ist schon während der Dreharbeiten eine Debatte darüber entbrannt, ob Gibsons Darstellung der Qualen am Kreuz einen antisemitischen Subtext enthalte. Theologen und Bürgerrechtler hatten dem Schauspieler vorgeworfen, in seinem Film den Juden die Schuld am Tod Christi zuzuschreiben oder jedenfalls eine solche Interpretation der Dinge zu befördern. Gibson, Mitglied einer traditionalistischen katholischen Gemeinde, die die Reformlehren des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt, hat diese Anschuldigungen stets bestritten und heftig zurückgeschlagen. Seinen Gegnern unterstellte er "antichristliche" Absichten, woraufhin ihn die "New York Times" des "spirituellen McCarthyismus" bezichtigte.
In dieser Atmosphäre der Verdächtigungen und Diffamierungen schien das Wort des Papstes wie eine Friedensbotschaft. Wer könnte mit größerer Autorität als Johannes Paul II. bestätigen, biblische Textstellen stützten die Filmversion der Passionsgeschichte? Daß zwischen Hollywood und der Vatikanstadt gewöhnlich Welten liegen; daß Filmemacher sonst eher zu ignorieren pflegen, was der Papst von ihren Hervorbringungen denkt; und vor allem: daß das Oberhaupt der katholischen Kirche üblicherweise keine Werturteile über Spielfilme aus seinen Privatgemächern an die Öffentlichkeit dringen läßt - all das irritierte niemanden, am wenigsten natürlich Mel Gibson und seine Pressetrommler, die über ihr römisches Zitat so glücklich waren.
Welch wundersame Weise
Das wird sich ändern. Denn am Montag veröffentlichte der "Catholic News Service", die Nachrichtenagentur der katholischen Kirche der Vereinigten Staaten, ein erstaunliches Interview mit dem Privatsekretär des Papstes, das dem Wirbel um "The Passion" einen neuen, eigenwilligen Dreh verleiht. Erzbischof Stanislaw Dziwisz bestätigte zwar, Johannes Paul II. habe Anfang Dezember eine Videofassung des Filmes gesehen. Der Papst habe aber nie gesagt, Film und Bibel stimmten überein. Er habe schon gar nicht gesagt: "It is as it was." Er gebe überhaupt keine Urteile über "Kunst dieser Art" ab, sondern überlasse das "den Experten". Die werden nun herausfinden müssen, auf welch wundersame Weise Johannes Paul II. zum Werbesprecher eines Hollywood-Schauspielers werden konnte. Und sie dürfen sich weiter streiten über den Wahrheitsbegriff im Werk von Mel Gibson.