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Filmkritik: „Buongiorno Notte“ Vier Terroristen und ein Todeskandidat

14.06.2007 ·  1978 kidnappten Terroristen der italienischen Roten Brigaden den Politiker Aldo Moro. Nach einer Gefangenschaft von zwei Monaten wurde er tot im Kofferraum eines Autos gefunden. Marco Bellocchio hat daraus einen überragenden Film gemacht.

Von Bert Rebhandl
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Die ideale konspirative Wohnung ist weitläufig und eng zugleich, sie hat einen Balkon für den Blick nach draußen und den Gruß an die Nachbarn, und eine begehbare Garderobe, hinter der noch ein Verschlag ist, den niemand vermuten würde. Mit der Besichtigung einer Wohnung, die ideal als Versteck für einen entführten Politiker geeignet ist, beginnt Marco Bellocchios Film „Buongiorno Notte - Der Fall Aldo Moro“. Die Geschichte, die hier, ausgehend von dem Roman „Der Gefangene“ von Anna Laura Braghetti, noch einmal erzählt wird, ist im Wesentlichen bekannt. 1978 kidnappten Terroristen der italienischen Roten Brigaden den christdemokratischen Politiker Aldo Moro. Nach einer Gefangenschaft von knapp zwei Monaten wurde er tot im Kofferraum eines Autos gefunden.

Was in Deutschland der Fall Schleyer war, war in Italien der Fall Moro - mit dem Unterschied, dass sich um den italienischen Politiker im Lauf der Jahre eine die ideologischen Lager übergreifende Trauermythologie entwickelt hat, die Bellocchio nun in einem grandiosen Stück politischen Kinos noch einmal auf der Ebene der individuellen Motivation wie der politischen Konstellation durcharbeitet.

Kanarienvogel im Käfig

„Buongiorno Notte“ erzählt vor allem von Chiara, einer jungen Frau, die tagsüber als Bibliothekarin arbeitet. Sie gibt sich verschlossen und ernst, kein Wunder, denn sie steht unter höchster Spannung. Jeden Abend kehrt sie in die Wohnung zurück, wo Aldo Moro von zwei Kämpfern bewacht wird, während Chiara mit dem dritten Brigadisten den Anschein eines jungen Ehepaars gibt. Sie hängen den Käfig mit dem Kanarienvogel nach draußen, und wenn die Nachbarin ihr Baby kurz abgeben möchte, dann willigen sie ein.

Die Außenwelt, das politische Italien, ist bei Bellocchio vor allem in Form von Fernsehbildern präsent. Er stellt sein Bild von den linken Terroristen den allgemein bekannten Bildern von Giulio Andreotti bis Bettino Craxi gegenüber, also von der politischen Klasse, zu der Aldo Moro zu diesem Zeitpunkt innerlich schon auf Distanz gegangen war. Roberto Herlitzka spielt Moro bei Bellocchio als asketischen Charismatiker, der darauf hofft, dass die Terroristen selbst die Aporien ihres Tuns allmählich begreifen würden. Und von diesen Aporien handelt „Buongiorno Notte“ mit zunehmender Schärfe, ohne dabei jemals den kühlen Duktus eines Spannungsfilms aufzugeben, der die Ereignisse nicht zuspitzen muss. Es reicht, sie im Bewusstsein einer Protagonistin wie Chiara (Maya Sansa) zu spiegeln.

Trauerarbeit

Chiara ist die Figur, der Bellocchio bis in die Träume folgt, und immer stärker gewinnt der gefangene Politiker in ihrem Unbewussten an Macht, während er in der politischen Welt schon längst abgeschrieben ist. Mit wenigen, präzise orchestrierten Szenen weitet Bellocchio die Vorgeschichte von Chiara zu einem Panorama der italienischen Linken nach dem Krieg mit ihrer Romantik des Partisanenkampfs, der schwierigen Ablösung vom Stalinismus und der Radikalisierung eines Teils der Nachkriegsjugend. Die Entführer von Aldo Moro begreifen schnell, dass sie nicht nur keine Basis im Volk haben, sondern dass der Staat auch deswegen nicht erpressbar ist, weil Moro für seine eigene Klasse ein Ärgernis geworden war. Sie ziehen daraus aber keine gemeinsame Konsequenz.

Mehrmals führt Bellocchio die vier Terroristen in der engen Kammer zusammen, in der sie durch eine schmale Tür hindurch mit Moro sprechen, der ihnen dabei den Rücken zukehren muss. An einer Stelle liest der Gefangene einen Brief vor, den er an den Papst richten will, um ihn um Vermittlung zu bitten. Chiara ist da schon kaum mehr Herrin ihrer selbst, aber selbst hier geht es dem Regisseur - der die Ereignisse ja nicht umschreiben kann - noch darum, nicht einfach den „Abfall“ oder die „Bekehrung“ einer Terroristin zu zeigen, sondern die gesamte politische Lage auf einen zutiefst persönlichen Moment der Ausweglosigkeit zu verdichten. Als sich der Anführer schließlich mit dem Beschluss der Tötung durchsetzt, ist Bellocchio mit seinem Film schon so weit, dass dieser Akt zugleich schuldhaft und tragisch erscheinen muss. Zwischen diesen Polen changiert subjektiv und objektiv das radikale politische Handeln.

„Buongiorno Notte“ gehört selbst noch zur Geschichte der italienischen Linken. Marco Bellocchio, der in den sechziger Jahren mit „I Pugni in tasca“ schon nach den Motiven für politische Gewalt forschte, betreibt mit seinem Film in jeder Hinsicht Trauerarbeit. Auch das Kino kann tote Menschen nicht mehr lebendig machen, aber es ist von allen Medien dasjenige, in dem dieser Wunsch am ehesten lebendig bleibt. Von dieser Phantasie lässt Bellocchio sich auch leiten, wenn er „Buongiorno Notte“ im Grunde dreimal enden lässt - einmal als eine Fiktion, in der die ganze Wirkmacht des Kinos allgemein und dieses überragenden Films im Besonderen sich entfaltet; einmal als ein Fiktionsbild, das nahe an der historischen Faktizität liegen dürfte; und schließlich einmal mit den Fernsehbildern der politischen Elite Italiens, die beim Begräbnis Aldo Moros über einem leeren Sarg weinten. Der lange Schwenk über die Gesichter endet bei einem Mann, der viel später zur Verkörperung der Korruption werden sollte, gegen die sich der italienische Rechtsstaat immer nur punktuell, selten aber systemisch durchsetzen kann: Bettino Craxi. Wenn demnächst die jungen Stars des deutschen Kinos in die Rollen von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof schlüpfen werden, dann ist „Buongiorno Notte“, der mit fast vier Jahren Verspätung jetzt noch einen kleinen Start in Deutschland hat, ein Film, an dem sie zu messen sind.

Quelle: F.A.Z., 14.06.2007, Nr. 135 / Seite 44
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