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Filmkritik „Birkenau und Rosenfeld“: Die Schale der Erinnerung

 ·  Regisseurin Marceline Loridan-Ivens rekonstruiert die Geschichte ihrer eigenen Auschwitz-Deportation und schafft etwas Seltenes: Sie läßt ihren Spielfilm wie einen Dokumentarfilm aussehen und umgekehrt.

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„Ihr seid keine Gespenster, Françoise!“ Im Halbdunkel der Baracken des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau steht Myriam. Sie geht an den Verschlägen vorbei und nennt die Namen ihrer Gefährtinnen, Rachel, Claudine, hört ihre Stimmen und ruft ihre Gesichter wach.

Der leere Raum belebt  sich für einen Augenblick, und alle sind wieder da, um sie herum, Myriam. Nah an der Wand verschmilzt sie mit dem Schwarz der Baracke, als sich zwei andere Besucher darin flüchtig umschauen und bemerken, es sei ja gar nichts mehr da, alles leer, gerade so, als hätten sie Grund, beleidigt zu sein, daß die Geschichte ihnen das Grauen nicht besser vorzuführen versteht. Wenn sie wüßten.

Jüdische Cafés nur für Touristen der Erinnerung

Myriam, die auf dem jährlichen Treffen der Deportierten in Paris eine Reise nach Krakau gewonnen hat und nun zum ersten Mal nach fünfzig Jahren wieder nach Polen, nach Auschwitz, kommt, hat zuvor in den Straßen der Krakauer Altstadt ein altes jüdisches Café entdeckt, das Alef. Zögernd, ergriffen - man glaubt, ihr Herz schlagen zu hören - betritt sie das Café. Fragt den Kellner, ob dies ein jüdisches Café sei. Ja, sicher. Und ob er selbst, wenn sie fragen dürfe, auch Jude sei? Nein, Pole. Und Katholik, bellt er. Es gebe keine Juden hier. Das Café sei für die Juden, die aus Amerika hierherkämen.

Ist das genug Grauen, Touristen der Erinnerung? Aber über die Straße, da gebe es noch ein weiteres jüdisches Café „Alef“. Da sitze immer ein wirklicher Jude, Godek, den solle sie doch fragen. Godek, einer der wenigen Juden in Krakau, hat sich auf die Genealogie der ermordeten jüdischen Familien spezialisiert und verdient sich als Fremdenführer in die Vergangenheiten der Familien seinen Lebensunterhalt.

„Und wenn ich mich nicht erinnern will?“

Godek weiß, wo Myriams Familie wohnte, bevor sie nach Paris auswanderte. Sie läuten an der Tür der Wohnung - nein, es geht nicht um Entschädigungsansprüche, nur, die Familie hat hier gewohnt, ihr Großvater Isaac Rosenfeld. Ein Foto zeigt ihn im Wohnzimmer, neben ihm eine Vase auf dem Buffet.

Diese Vase steht noch da - solche Vasen werden in Polen viel hergestellt. Die neue Hausbesitzerin schaut zur Vase, und für zwei Sekunden glaubt man, sie wolle Myriam die Vase schenken. Sie tut es nicht. Es gibt keine Geste, die hinüberreicht über diesen Abgrund, der das eine vom anderen Leben trennt. Und trotzdem wird beides noch zusammen gelebt, noch.

Die Erinnerungen werden heimatlos, ortlos, auch wenn Historiker genau sagen können, wo sich dies oder jenes abgespielt hat. Myriam, die Überlebende, wird bald von einem jungen Deutschen auf ihren Gängen durch das Lager begleitet, der manches besser weiß, aber nicht versteht, wenn Myriam sagt: Und wenn ich mich nicht erinnern will?

Seltenheit: Spielfilm und Dokumentarfilm zugleich

„Birkenau und Rosenfeld“, der beeindruckende Film von Marceline Loridan-Ivens, der im vergangenen Jahr auf verschiedenen Festivals zu sehen war und mit dem Friedenspreis des deutschen Films 2003 ausgezeichnet wurde, kommt nun in die deutschen Kinos. Er ist ein Glücksfall.

Wie eine große Seifenblase hält er, was vom Gestern übrigblieb, so lange, bis es zerplatzt. Man sieht, wieviel Kraft es kostet, diese hauchdünne Schale zu tragen und zu ertragen, wie sie immer durchsichtiger wird. Es gibt kaum eine präzisere und zugleich ergreifendere Darstellung davon, wie die fragile Erinnerung der einen zur robusten Geschichte der anderen wird.

Der Regisseurin Marceline Loridan-Ivens, die selbst nach Auschwitz deportiert wurde,  ist mit ihrem Film etwas Seltenes gelungen: Sie hat die zwei Welten der Geschichte und der Erinnerung zerlegt und doch ineinandergefügt, indem sie ihren Spielfilm wie einen Dokumentarfilm aussehen läßt. Oder umgekehrt: Ihr Dokumentarfilm sieht wie ein Spielfilm aus. Man scheut sich deshalb fast zu sagen, daß Myriam von Anouk Aimée und der junge Deutsche von August Diehl gespielt werden.

Denn was heißt hier: gespielt? Beide verkörpern in dem Film, was sie spielen. Man braucht das Können Anouk Aimées sicher nicht mehr eigens hervorzuheben, aber es ist doch einzigartig, wie sie hier auf unaufdringliche Weise den Zuschauer erfaßt und mit sich nimmt und ahnen läßt, daß man nicht von Erinnerung reden sollte, wenn man keine hat. Es ist viel, wenn man gedenken kann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2004, Nr. 88 / Seite 33
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