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Ennio Morricone im Gespräch : Komponier mir das Lied vom Tod

  • -Aktualisiert am

Wer die Szene aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ sieht, hat sofort wieder die Filmmusik im Ohr. Sie stammt von Ennio Morricone. Bild: Picture-Alliance

Er möchte mit „Maestro“ angesprochen werden: Ein Gespräch mit dem großen Filmkomponisten Ennio Morricone, der dem Western seinen Klang gegeben und auch die Musik für den neuen Film von Quentin Tarantino geschrieben hat.

          Ennio Morricone hat die Filmmusiken für Klassiker des Italowesterns wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Leichen pflastern seinen Weg“ geschrieben. Wir treffen den 87 Jahre alten Komponisten in Rom. Er möchte mit „Maestro“ angesprochen werden. Das ist jedoch die einzige Extravaganz, die er sich erlaubt.

          Maestro, ist Filmkomponist ein einsamer Beruf, oder tauschen Sie sich auch mal mit Kollegen aus?

          Ich komponiere tatsächlich am liebsten im stillen Kämmerlein. Mit anderen Filmkomponisten rede ich selten über Musik. Eine sehr freundschaftliche Beziehung hatte ich zu Maurice Jarre, der 2009 verstorben ist. Ich bewundere seine monumentalen Filmmusiken für die David-Lean-Filme „Lawrence von Arabien“, „Doktor Schiwago“ und „Reise nach Indien“. Den engsten Komponistenkontakt habe ich zu meinem Sohn Andrea, der seine Karriere an meiner Seite mit der Filmmusik zu „Cinema Paradiso“ begann.

          Gerade haben Sie die Filmmusik für Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ geschrieben, der im Januar in die Kinos kommt. Tarantino wollte Sie schon für „Django Unchained“ engagieren, Sie stellten ihm aber nur ein einziges neu komponiertes Stück zur Verfügung. Wie konnte er Sie diesmal überzeugen?

          Er ließ einfach nicht locker. Tarantino suchte mich in Rom auf, sein Enthusiasmus hat mich überzeugt.

          Der Maestro: Ennio Morricone

          Haben Sie versucht, sich an seinen Stil anzupassen? Oder war die Vorgabe, einen klassischen Western-Soundtrack zu schreiben?

          Ich habe mich weder an den Kanon der Italo-Western gehalten, noch habe ich versucht, mich Tarantinos Stil anzupassen. Ich wollte eine Musik schreiben, die ganz anders ist, als man es vielleicht von mir erwartet. Es ist mir gelungen. Tarantino sagte: „Damit hätte ich nie gerechnet, aber es ist phantastisch!“

          Sie haben als erster Filmkomponist E-Gitarre, Mundharmonika und Maultrommel in den Orchesterklang integriert. Auch diesmal wieder?

          Lassen Sie sich überraschen. Ich verrate Ihnen aber schon jetzt, dass es einige grotesk-dramatische Elemente gibt. Aber ich setze dazu auch Kontrapunkte.

          Die Zusammenarbeit mit Tarantino überrascht etwas. Sie waren enttäuscht, wie Ihre Musik in „Django Unchained“ verwendet wurde.

          Ich wurde damals falsch zitiert. „Django Unchained“ war mir, der ja schon die Musik für einige härtere Filme, wie etwa „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Die 120 Tage von Sodom“, komponiert hatte, mitunter zu brutal. Gewalt um ihrer selbst willen schreckt mich ab. Dennoch habe ich allergrößten Respekt vor Tarantino und fühle mich geehrt, dass er meine Musik immer wieder einsetzen will. Ich hätte fast die komplette Musik für „Inglourious Basterds“ geschrieben. Aber ich saß damals an Kompositionen für Giuseppe Tornatores „Baarìa“ und hätte nur wenig Zeit gehabt. Tarantino ist ein Großer des Kinos. Trotzdem stehe ich zu meiner Aussage, dass sein Ansatz, Musikstücke verschiedener Komponisten und Popgruppen in einem Film zu vereinen, mitunter nicht passend für den Gesamteindruck ist. Das beherrschte nur Stanley Kubrick perfekt.

          Ursprünglich sollten Sie den Soundtrack zu „Clockwork Orange“ schreiben. Hatten Sie damals denn schon begonnen, etwas zu komponieren?

          Ich hatte viele Ideen, aber eine alternative „Clockwork Orange“-Komposition gibt es nicht in meinem Safe. Sogar die Höhe der Gage war schon festgelegt. Und dann lehnte Kubrick plötzlich aus einer Art Höflichkeit heraus ab. Er hatte Sergio Leone angerufen und gefragt: „Meinst du, Morricone wird gut mit mir zurechtkommen?“ Ich verstand nicht, warum er gerade ihn anrufen musste. Und Sergio sagte auch noch wahrheitsgemäß: „Natürlich, obwohl er ziemlich überlastet ist, da er gerade an der Musik zu meinem neuen Film ,Todesmelodie‘ schreibt.“ Das war der Todesstoß für meine Zusammenarbeit mit Kubrick, was ich immer noch bedaure. „Clockwork Orange“ ist, wie Luis Buñuel treffend sagte, „der einzig wahre Film über unsere moderne Welt“. Auch die Auswahl der Musik - von den synthetischen Henry-Purcell-Referenzen eines Walter Carlos bis zum klassischen Repertoire aus Beethoven, Rimskij-Korssakow und Elgar war äußerst intelligent.

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