19.12.2006 · So manchem New Yorker hat es die Sprache verschlagen, als der neue Film „Dreamgirls“ anlief: Satte 25 Dollar kostete der Eintritt für den Streifen, der in Amerika nur in drei Kinos startete. Eine ausgeklügelte Strategie. Die draußen gebliebenen Massen sollten so richtig neugierig auf den Film werden.
Von Roland Lindner, New YorkNew Yorker sind daran gewöhnt, daß in ihrer Stadt alles teurer ist als anderswo in Amerika. Egal ob Wohnungsmieten oder Preise im Restaurant: In New York muß man besonders tief in die Tasche greifen. Das gilt auch für den Kinobesuch. In den meisten New Yorker Kinos kostet das Ticket im Moment 11 Dollar. Das ist weit über dem Landesdurchschnitt von 6,58 Dollar. In schöner Regelmäßigkeit werden die Preise in 25-Cent-Schritten erhöht.
Manchem hartgesottenen New Yorker hat es am Wochenende aber doch die Sprache verschlagen, als der neue Film „Dreamgirls“ anlief, zu dessen Stars die Sängerin Beyoncé sowie die bekannten Schauspieler Eddie Murphy und Jamie Foxx gehören. Das zum Medienkonzern Viacom gehörende Filmstudio Paramount hat sich für den in Amerika mit Spannung erwarteten Streifen eine besonders exklusive Vermarktungsstrategie einfallen lassen. Paramount brachte „Dreamgirls“ zunächst limitiert und dafür äußerst teuer auf die amerikanischen Leinwände. Das Ticket kostet satte 25 Dollar.
Buntes Programmheft als Souvenir
In New York läuft der Film nur in einem einzigen Kino, dem glamourösen Ziegfeld-Theater, wo große Premieren stattfinden und Starschauspieler aufmarschieren. Daneben ist „Dreamgirls“ noch auf jeweils einer Leinwand in Los Angeles und San Francisco gestartet. Für das stattliche Eintrittsgeld bekommen Besucher einen reservierten Sitzplatz und ein buntes Programmheft als Souvenir. Am 25. Dezember kommt der Streifen landesweit in die Kinos - dann zu regulären Preisen. In Deutschland läuft der Film am 1. Februar 2007 an.
Die Verknappungsstrategie von Paramount scheint aufzugehen. „Dreamgirls“ lief am Wochenende vor ausverkauften Häusern. Für die Vorstellungen im New Yorker Ziegfeld, das immerhin 1134 Sitzplätze hat, waren schon Tage vorher keine Karten mehr zu haben. Paramount meldete für das erste Wochenende einen Umsatz je Leinwand von 120.000 Dollar - ein gigantischer Betrag. Der ebenfalls nur in wenigen Kinos gestartete Film „The Good German“ mit George Clooney brachte es je Leinwand nur auf 15.720 Dollar.
Eigentlich ein Kandidat für einen landesweiten Start
In Amerika laufen viele Filme, deren Zugkraft beim Massenpublikum als unsicher gilt, zunächst einmal nur in einer begrenzten Zahl von Kinos an. Die Filmstudios hoffen, durch gute Resonanz beim Publikum und entsprechende Mund-zu-Mund-Propaganda danach den Vertrieb auf mehr Leinwände ausweiten zu können.
„Dreamgirls“ ist dagegen eigentlich ein Kandidat für einen sofortigen landesweiten Start. Der Streifen über den Aufstieg einer aus drei Frauen bestehenden Popgruppe basiert auf einem populären Broadway-Musical aus dem Jahr 1981, das vielen Amerikanern ein Begriff ist. Der Film ist außerdem gespickt mit Superstars und hat gute Kritiken bekommen. Er wurde in der vergangenen Woche fünfmal für den Filmpreis „Golden Globe“ nominiert und gilt als einer der Favoriten im Rennen um die „Oscars“.
Kinobranche hofft auf einen Paukenschlag
Ziel des teuren Starts von „Dreamgirls“ war es dagegen, den Film noch mehr zu einem Großereignis hochzustilisieren. Damit knüpft Paramount an eine alte Tradition im Filmgeschäft an, die Roadshows, die in den fünfziger und sechziger Jahren populär waren. Bei ihnen wurden ebenfalls Filme, auf die in der Öffentlichkeit mit Spannung gewartet wurde, zunächst nur in einer sehr begrenzten Zahl von Kinos gezeigt. Oft handelte es sich um dreistündige epische Streifen, und die Vorstellung wurde wie in einem Theater von einer Pause unterbrochen. Im Rahmen solcher Roadshows wurden die Filme „Die zehn Gebote“ (1956) und „Ben Hur“ (1959) gezeigt. Den letzten Roadshow-Film vor „Dreamgirls“ gab es im Jahr 1972 („Der Mann von La Mancha“).
Wenn „Dreamgirls“ am 25. Dezember landesweit startet, hofft die Kinobranche auf einen Paukenschlag zum Abschluß eines erfolgreichen Jahres. Einschließlich des Geschäfts vom vergangenen Wochenende hat die Branche in diesem Jahr nach Erhebungen der Filmseite Boxofficemojo.com einen Umsatz von 8,6 Milliarden Dollar eingespielt. Das ist ein Zuwachs von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Vorgaben waren allerdings nicht allzuhoch, denn das Jahr 2005 war miserabel und hatte der Branche ein Minus von mehr als 6 Prozent beschert. Auch im laufenden Jahr liegen die Kinoumsätze unter dem Wert von 2004.
Erfolgreichster Film in diesem Jahr war „Fluch der Karibik 2“. Der Piratenstreifen mit Johnny Depp in der Hauptrolle sorgte für den besten Kinostart aller Zeiten in Amerika und spielte am ersten Wochenende den Rekordbetrag von 135 Millionen Dollar ein. Insgesamt schaffte „Fluch der Karibik 2“ einen Umsatz von 423 Millionen Dollar in Amerika und international von mehr als eine Milliarde Dollar.