http://www.faz.net/-gqz-o77k

Filmgeschichte : Der Regisseur und seine Heimatstadt: Rimini hat endlich ein Fellini-Museum

  • -Aktualisiert am

Mit achtzehn Jahren kehrte, wie in seinem Film „I vitelloni“ gezeigt, Federico Fellini seiner Heimatstadt Rimini den Rücken. Erst nach seinem Tod kehrt der größte Sohn der Stadt nun zurück. Rimini, der Bettenbunker an der Adria, ist endlich reich genug für ein Fellini-Museum.

          Die Stadt an der Adria ist nicht mehr dieselbe, die Federico Fellini in seinen "Vitelloni" als Ort seiner Jugend geschildert hat. Nicht mehr die im Winter ausgestorbenen Strände, die dunklen Landstraßen entlang der Eisenbahn, die nachts mit Dampf und Pfiff entfloh in belebtere Zonen des Landes. Heute ist Riminis Strand sogar im Winter mit Pizzabaracken, Spielhallen und Hotels verstellt; die skurrilen Aufbauten der Bars ragen mit Betonantennen in den Himmel, früh verrentete Jogger und Kongreßteilnehmer ziehen die Wasserlinie entlang. Keine Welt, die dem Regisseur des absurden Alltags, der häßlichen Warenwelt und der tiefen Melancholie mißfallen hätte. Und kein Zweifel auch, dieses Rimini, der Bettenbunker an der Adria, ist jetzt endlich reich und reif genug geworden für ein Fellini-Museum.

          Der größte Sohn der Stadt ging, wie am Ende der "Vitelloni" gezeigt, mit achtzehn nach Rom, und er kehrte erst als Toter zurück in die Heimat. Nie ist eine Sequenz von Fellinis Filmen in Rimini entstanden, sogar "Amarcord", eine der schönsten Kindheitsgeschichten unserer Kunst, hat er in Cinecitta nachgestellt. Und doch verlor dieser Gegenrealist, dieser Vergrößerer von Alltagsdefekten, seine Stadt nie aus den Augen. Regelmäßig logierte er, so künstlich und übergangsweise wie nur möglich, im pompös-verstaubten Grand Hotel am Meer. Hier zeigt man immer noch stolz die antiken Möbeln und die Marmorbäder der Fellini-Suite, in welcher der Meister im August 1993 vom Schlag getroffen wurde, der ihn ein Vierteljahr darauf dahinraffte. Zum zehnten Todestag Anfang November gab es eine wissenschaftliche Tagung in der Fellini-Stiftung, dazu zwei Ausstellungen im mittelalterlichen Stadtpalast. Absurd blinkende Kardinalskostüme aus "Roma", eingegipste Schleier, muffige Kostüme und Kopfputze des "Casanova" - sie alle stehen im leeren Raum wie Untote aus der vergänglichen Welt des Zelluloids.

          Auch diese Inszenierung hätte einem Regisseur gewiß behagt, der vor der Wirklichkeit einen gesunden Respekt hegte, der zuweilen bis zur Abneigung reichte. Eine Fotoschau im Erdgeschoß des Palastes zeigt Fellini bei den Dreharbeiten zu "Amarcord", verzückt von der nachgebauten Hauptstraße aus der Faschistenzeit, von Schwarzhemden-Komparsen, von den riesig modellierten Hintern seiner Nuttendarstellerinnen. In Form einer Kulisse konnte er dem eigenen Leben begegnen, wie er ja auch immer wieder betont hatte: Wenn ein Film abgedreht sei, falle er in tiefe Depression, weil ihn nun wieder seine Dauersorgen erwarteten.

          Jetzt ist sein faltbarer, doch nicht unbequemer Regiestuhl seit einer Dekade leer, und es gibt im italienischen Kino niemanden, der hier mit Fug Platz nehmen dürfte. Etwas verloren steht der beige Sessel im neuen Fellini-Museum herum, weil hier die Einrichtung streckenweise noch fehlt. Zwar hat die Fondazione Fellini mit Zuschüssen von Stadt, Region und Cinecitta nun im elterlichen Haus die Räume herrichten und eröffnen lassen. Doch mit der endgültigen Möblierung läßt man sich noch bis nächsten Sommer Zeit, wenn sich Rimini zur Millionenstadt bläht. Auch der große Regisseur hat seine Szenografien nie übers Knie gebrochen und lange mit allem Für und Wider abgewogen.

          Weitere Themen

          Das verlorene Paradies

          Brände in Kalifornien : Das verlorene Paradies

          In Kalifornien sind die Brände erst zu vierzig Prozent eingedämmt. Mehr als sechzig Menschen verloren bisher ihr Leben, Hunderte werden vermisst. Dem Besuch von Präsident Trump sehen die vor den Flammen Geflohenen mit gemischten Gefühlen entgegen.

          Wie es mir gefällt

          Spezialhotels im Trend : Wie es mir gefällt

          Nur für Hundebesitzer, nur für Kinderlose, nur für Mittelalterfans: In der individualisierten Gesellschaft geht der Trend zum Spezialhotel. Manche Zielgruppen klingen allerdings erfunden.

          Topmeldungen

          Am Boden – vorerst: Junge Spieler wie Leroy Sané haben trotzdem die Phantasie geweckt, wie es schnell wieder aufwärts gehen könnte.

          Abstieg in Nations League : Die Nullstunde der Nationalmannschaft

          Der Bundestrainer relativiert den Abstieg aus der Nations League und sogar die WM-Enttäuschung – als sei alles eine normale Entwicklung. Auf die teils heftige Kritik gibt es eine scharfe Replik von Joachim Löw.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.