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Filmfestspiele Zerschlissene Familienbande

16.05.2005 ·  Pfingsten war nicht nur auf den Straßen Cannes' das Fest der Familie. In nahezu jedem Film, der am Wochenende im offiziellen Programm zu sehen war, stand eine Familie im Mittelpunkt.

Von Verena Lueken, Cannes
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Pfingsten war in Cannes das Fest der Familie. Geduldig schoben sich Kinderreiche durch die engen Gassen, sorgten für Traumumsätze an den Eisständen, füllten die Drahtmülleimer mit angebissenen Pizzastücken und ließen, wie sich nachts zeigte, noch einiges in die Rinnsteine fallen, das ihnen zwischendurch lästig geworden war. Wahrscheinlich lag das am endgültig letzten Teil von „Star Wars“, dessen Premiere außer Konkurrenz am Sonntag abend einige Generationen entgegenfieberten und dessen Regisseur, Produzent und Darsteller selbstverständlich über den roten Teppich marschierten.

Den halben Tag und einen Teil der Nacht standen die Eltern mit ihren Kindern hinter Gittern, umweht von den galaktischen Fanfaren, die ein Orchester auf der großen Freitreppe stundenlang immer wieder intonierte, bevor schließlich der gefährliche Atem des Darth Vader aus seiner hohlen Stahlmaske die Croisette tausendfach verstärkt akustisch überzog. „Star Wars - Revenge of the Sith“ wird mehr Geld einspielen als alle anderen Filme zusammen, die in Cannes vorgestellt werden. Sogar das trockene Branchenblatt „Variety“ kam darüber ins Grübeln.

Die Familie im Mittelpunkt

Während sich vor dem Festivalpalast die Familien trafen, um gemeinsam zu jubeln, fielen sie auf den Leinwänden auseinander, mit mehr oder weniger Getöse. In nahezu jedem Film, der am Wochenende im offiziellen Programm zu sehen war, stand eine Familie im Mittelpunkt, doch über keine, selbst wenn es anfangs manchmal noch so aussah, läßt sich etwas anderes erzählen als die Geschichte ihres Zerwürfnisses. Die Gründe dafür sind nicht so vielfältig, wie man vielleicht denken könnte.

Bei Marco Tullio Giordana, der mit seinem „Quando sei nato, non puoi piu nasconderti“ (etwa „Wenn du einmal geboren bist“) im Wettbewerb konkurriert, ist es die Konfrontation mit der Dritten Welt, die ein norditalienisches Idyll reicher Leute zum Einsturz bringt, bei Michael Haneke in „Cache“ (Versteckt), ebenfalls im Wettbewerb, in gewisser Weise auch. David Cronenberg läßt es ganz klassisch die Vergangenheit sein, die einer Familie den Boden wegzieht (“History of Violence“), und der Mexikaner Carlos Reygadas zeigte von Anfang an in „Batalla en el cielo“ (Kampf im Himmel) nur Vereinzelte, die miteinander verwandt waren. Außer bei Haneke war überall sehr viel Sex zu sehen und außer bei Giordana auch sehr viel Blut.

Wirre Gemengelage

Carlos Reygadas eröffnet seinen Film mit einer Fellatio. Viel war zuvor über den skandalösen Charakter seiner Sexszenen geredet worden. Skandalös wegen ihrer grafischen Deutlichkeit, wegen der unschönen Körper, die der Film zeigt, und wegen des sozialen Gefälles, ist es doch hier eine Generalstochter, die dem Chauffeur ihres Vaters durchaus freiwillig zu Diensten ist. Doch ein Skandal wurde es dann doch nicht. Eher machte sich eine gewisse Hilflosigkeit breit angesichts dieser teilweise äußerst wirren Gemengelage aus mexikanischem Sittenbild, Stadtansichten, einer Geschichte um eine Kindsentführung mit Todesfolge und der Suche nach Erlösung.

Dazwischen, wie gesagt, viele Kopulationen und ein so blutiger Mord, daß das Bild abzusaufen drohte. Spätestens, wenn sich einige Stunden darauf in David Cronenbergs „History of Violence“ Viggo Mortensen und Maria Bello wiederholt leidenschaftlich ineinander verkeilen, läßt sich der Gedanke nicht mehr vertreiben, wie viel Zeit sich sparen ließe, gingen wir zurück zum prüden production code.

Blut, Hirn und Gewebefetzen

Auch wenn's blutig wird, kann man sich bei Cronenberg auf eine gewisse Deutlichkeit verlassen, und hier, in einem seiner schwächeren Filme, besudeln sich die Figuren wieder einmal ausgiebig mit Blut, Hirn und Gewebefetzen. Trotz der komplizierten Nichts-ist-wie-es-scheint-Geschichte verhindern nur die Darsteller, vor allem Ashton Holmes, der den halbwüchsigen Sohn der Familie spielt, die hier auseinanderfliegt, daß das Interesse an ihrem Tun allzu frühzeitig erlahmt. Michael Haneke hingegen hat mit „Cache“ eine hochkonzentrierte, kalte Geschichte nach Cannes gebracht, über der ein gar nicht so unbestimmtes Gefühl der Bedrohung liegt, die von an sich ganz harmlosen Videobändern ausgeht, die einer bildungsbürgerlichen Familie zugeschickt werden.

Von wem, wird bis zum Ende nicht ganz klar, aber was in der Zwischenzeit mit der Familie geschieht und wie Daniel Auteuil und Juliette Binoche es spielen, wie sie beginnen, einander zu belauern, einander zu mißtrauen, das hebt den Film aus dem Wochenendprogramm heraus. Wir wissen nicht immer, was wir gerade sehen, wenn wir etwa auf das Haus der Familie blicken oder auf den Eingang der Schule des Sohns. Blicken wir mit dem Erzähler des Films oder mit dem Produzenten der geheimnisvollen Bänder auf die Szene? Diese Verunsicherung des Blicks war immer Hanekes großes Thema, und hier hat er es noch einmal in einer überraschenden Variation bearbeitet: europäisches Autorenkino in reiner, bester Form.

Zweiter Teil von „Dogville“

Am Montag war Pfingsten in Frankreich vorbei, und damit verschwanden auch die Familien aus dem Ort und, vorübergehend wenigstens, von den Leinwänden. Dort dominierte der Däne Lars von Trier. Er hatte den zweiten Teil seiner Amerika-Trilogie mitgebracht, deren erster, „Dogville“, den Europäischen Filmpreis erhielt. In „Manderlay“ kommen die Figuren, die Dogville am Ende des ersten Films verlassen hatten - Grace, ihr Vater und seine Gangsterbande -, in Alabama an, genauer auf einer Baumwollplantage in den dreißiger Jahren, die eine Sklavenplantage ist, als sei die Sklaverei nicht seit siebzig Jahren abgeschafft. Grace befreit die Schwarzen, setzt alles daran, sie Demokratie zu lehren, und scheitert.

Form und Struktur sind die gleichen wie in „Dogville“: eine fast leere Bühne mit einem Eisenzaun, einem antikisierenden Torbogen und einer Treppe, ansonsten nur mit Markierungen für „Magnolien“ oder „Sklavenunterkunft“ versehen, dient als Spielfeld; die Geschichte wird aus dem Off erzählt. In acht Kapiteln entfaltet sich ein Drama notwendigen Scheiterns, dem wir interessiert, aber ohne emotionale Anteilnahme folgen, wie es das filmgewordene epische Theater verlangt. Die Schlußtitel laufen dann über eine Abfolge von Fotografien, die das Unrecht gegen die Schwarzen in Amerika abbilden - die Leiche Martin Luther Kings und Rodney King am Boden, Drogenopfer und Demonstranten, Lynchgemordete, Verwahrloste, traurige Kinder, Black Panther. Niemand wird sagen können, Lars von Trier halte damit hinter dem Berg, was er von Amerika hält.

Kritik an den Vereinigten Staaten

„Mister Bush is an a...hole“, sagte er dann auf der Pressekonferenz, als führe eine direkte Linie von Manderlay in den Irak, was auf einer Bühne, wie der Regisseur sie für sein Amerika benutzt, wahrscheinlich machbar wäre. Es ist der Vorteil dieses hochartifiziellen Filmemachens, daß der Raum, den andere Filme noch durchqueren müssen, auf Zimmergröße zusammenschrumpft, die Wege kurz werden und die Argumentationslinien auch.

Die brutale und für jeden intelligenten Amerikaner beschämende Geschichte der Rassenbeziehungen in den vergangenen dreihundertfünfzig Jahren allerdings hat inzwischen eine Komplexität erreicht, die auf Lars von Triers Prospekten keinen Platz findet. Man gewann den Eindruck, daß sie ihn auch nicht wirklich interessiert. Die Zuschauer jedenfalls waren begeistert, ohne große Anstrengung wieder einmal auf der richtigen Seite zum Stehen zu kommen. Da, wo Amerika nicht ist.

Quelle: F.A.Z., 17.05.2005, Nr. 112 / Seite 43
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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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