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Filmfestspiele Was ist nur mit den Italienern los?

04.09.2008 ·  Familie im Zeitalter des Individualismus ist zunehmend gleichbedeutend mit Katastrophe: Gute Filme gab es bisher wenige im Wettbewerb am Lido, die italienischen enttäuschten besonders. Bis auf eine kleine Komödie über Alte im Sommer.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Die Vorfreude auf einen goldenen Kinoherbst sieht anders aus: Während bei den Festspielen am Lido die Besucherzahlen kollabieren und sich Italiens Medien über den Niedergang des nationalen Films beklagen, rätselt nicht nur der Künstlerische Direktor Marco Müller, warum er das wohl schlechteste Festival seit vielen Jahren verantworten muss. Nur eines ist sicher: Die Gründe sind komplex. Der Niedergang des Autorenfilms, der mit dem Morgenrot einer assoziativen und austauschbaren Internet-Ästhetik einhergeht, mag zur Schreckstarre vieler Regisseure beitragen. Müller erwähnte einigermaßen hilflos den Streik der Drehbuchautoren in Hollywood, doch wird der nicht per Fernansteckung auch gleich die Kollegen in Italien, Frankreich, Deutschland infiziert haben.

Der entscheidende Faktor für das Ausbleiben großer Filme und Weltstars am Lido ist wohl hausgemacht. Seit vor zwei Jahren Roms - inzwischen mit endlosen Schulden abgewählter - Bürgermeister Walter Veltroni die Schnapsidee hatte, in der Hauptstadt ein herbstliches Filmfestival mit viel Glamour und noch mehr Steuergeld aus der Taufe zu heben, muss Venedig um seinen Rang hinter Cannes und Berlin verzweifelt kämpfen. Die üblich kurzsichtige Kirchturmpolitik der eitlen, in diesem Fall linken Politikerkaste könnte dem Land schwer geschadet haben: Statt eines international beachteten Festivals hat Italien derzeit zwei provinzielle. Dass Kulturminister Bondi nun endlich den Grundstein für den lange erwarteten Filmpalast legte und dass Roms neuer Bürgermeister Alemanno die Totgeburt des Hauptstadtfestivals bald beerdigen könnte, sind wenigstens zwei kleine Hoffnungsstreifen am Lido.

„Perfekter Tag“ mit Gemetzel

Die italienischen Festivalbeiträge wirkten so, als sollten sie die desaströse Bilanz von 2008 fett unterstreichen. „Un giorno perfetto“ von Ferzan Özpetek wirbt auf dem Plakat mit einer glücklichen Vorzeigefamilie. Doch der „perfekte Tag“ endet mit einem Gemetzel: Der verlassene Ehemann erschießt erst den schlauen Sohnemann, dann die niedlich pubertierende Tochter und schließlich sich selbst. Dass es so kommen würde, hatte der Regisseur schon im ersten Bild verraten. Dazwischen schildert Özpetek mit einer kitschigen Tristesse, gegen die ein Theaterstück von Strindberg wie Comedy wirkt, die Ruine einer großen Liebe: Die Mutter (mit eindrucksvoll zerstörtem Blick: Isabella Ferrari) musste bei der Oma einziehen, schleppt ihre Kinder mit einem Job in einem Callcenter durch, doch der wird ihr am perfekten Tag naturgemäß gekündigt.

Wir erleben am Rand die ebenfalls gescheiterte Ehe eines ebenfalls gescheiterten Senators; einen brutalen Vergewaltigungsversuch des Exmannes und eine ebenfalls vom Partner schnöde verlassene Lehrerin der am Ende abgeknallten Tochter. In der Schlusseinstellung hat sich die abgehärmte Mamma ein Eis gekauft, als es an ihrem Mobilfon klingelt. Sie weiß noch nicht, was wir wissen: Ihr Leben ist jetzt komplett kaputt. Nicht jeder Film soll seinem Publikum ja gute Laune bereiten. Aber irgendeine winzige Variante des Unausweichlichen in seiner römischen Sozialkatastrophe hätte Özpetek, der seit Jahren ohne zureichenden Grund als Hoffnung des italienischen Kinos gilt, vielleicht schon einfallen dürfen.

Streit um den Klassenschönling

Um brutales Abschlachten geht es auch bei Pupi Avatis „Il papà di Giovanna“. Hier ist es nicht der Vater, sondern die Tochter, die durchdreht. Im Bologna der späten dreißiger Jahre schneidet die siebzehnjährige Giovanna ihrer besten Freundin aus Eifersucht die Kehle durch - Streit um den Klassenschönling. Während sich die schwere geistige Verwirrung des Mädchens bei der Beweisaufnahme manifestiert, wächst ihr verzweifelter Vater in die Rolle des Beschützers hinein. Er besucht das irre Kind in Untersuchungshaft, begleitet sie beim Prozess und zieht schließlich, als in den Kriegswirren und Bombardements seine traurige Ehe endgültig in Trümmer fällt, unter schlimmsten Bedingungen in die Nähe der Kriminalpsychiatrie.

Der Film lebt vor allem vom beeindruckenden Verlierergesicht Silvio Orlandos, der in einigen Meisterwerken Nanni Morettis zu Recht zu Ruhm gelangte. Die melancholische Größe des Scheiterns, die Kraft einer unmöglichen Liebe und eine unendliche Barmherzigkeit - das alles liegt von Anfang bis Ende im Blick und den Falten von Orlandos süditalienischem Backpfeifengesicht, dessen Würde kein Faschismus, keine Misere und kein Irrsinn der eigenen Brut etwas anhaben kann. Warum aber nach so viel Detailschilderung von Vaterliebe am Ende die ruinierte Familie partout wieder zusammenkommen muss, während diverse Nebendarsteller ihr pathetisches Ende im Bombenkeller oder im Kugelhagel der Resistenza ereilt, wird auf ewig Avatis Geheimnis bleiben. Dieser Regisseur fühlt sich eben besonders wohl, wenn um ihn herum Oldtimer rumpeln, wenn aus alten Radios Duce-Ansprachen bellen und alle Komparsen die schönen, breiten Klamotten und Uniformen der Vorkriegszeit auftragen.

Jubelszenen am Ende

Dass Familie im Zeitalter des Individualismus zunehmend gleichbedeutend ist mit Katastrophe, beleuchtet auch ein dritter italienischer Beitrag, doch diesmal bezeichnenderweise als Komödie, bezeichnenderweise ohne jeden Historien- und Staraufwand - und bezeichnenderweise nicht im Wettbewerb, sondern in der Nebenreihe „Settimana della critica“. „Il pranzo di Ferragosto“ - gemeint ist das festliche Mittagessen am Ferienfeiertag des 15. August - haben Italiens Presse und Italiens Cineasten schon vorab zum Lieblingsfilm der Saison erkoren. Bei der Vorführung gab es endlich einmal Schlangen bis zum Lidostrand, und der grundsympathische Regisseur Gianni Di Gregorio bekannte mit Tränen in den Augen, so ein voller Saal sei ihm als altem Hasen des Off-Kinos noch nicht vorgekommen. Jubelszenen auch am Ende.

Der Anlass: Der grundsympathische Gianni - praktischerweise gespielt vom Regisseur selbst -, der mit seiner uralten Mutter die Wohnung teilt, bekommt in der Augusthitze des leergefegten Roms diverse vergreiste Tanten, Omas ins Haus, weil sich Hausverwalter und Arzt für die eigenen wohlverdienten Ferien der lästigen und anspruchsvollen Alten wenigstens kurzzeitig entledigen möchten. Weil Gianni ohnehin nur schwer nein sagen kann und obendrein Schulden hat, erleben wir ihn schnell hinter einer schicken Küchenschürze mit Tante Maria Maccaroni zubereiten, während seine Mutter sich mit Oma Marina um den Fernseher streitet und Oma Grazia die leckere Mortadella stibitzt, die ihr der Arzt streng verboten hat.

Schwofen unterm Kandelaber

Das Minidrama im improvisierten Altersheim hat für den überforderten Hausherrn außer kleinen Hinterhältigkeiten noch einen handfesten Verführungsversuch seitens der lebensfrohen Marina parat, endet aber dann versöhnlich beim „Pranzo di Ferragosto“, bei dem sich Gianni mit seiner unerwarteten Rolle als Seniorenpensionswirt abfindet und die alten Damen - durchweg schauspielerische Laien und darum sehr lebensecht - zum wilden Schwofen unterm Kandelaber zusammenfinden.

Das alles bringt mit erfrischend amateurhaften Einstellungen und lakonischen Dialogen ein putziges Filmchen zustande, wenn auch kein großes Kino. Immerhin trifft es die Probleme von Millionen Italienern, die allesamt ihre liebe Mühe mit den zähen Müttern und Omas haben, die auf Sofas und Immobilien sitzen und täglich versorgt werden wollen. Dass Matteo Garrone, der Regisseur des besten italienischen Films der letzten Jahre, dieses Kleinod produziert hat, ist ein weiteres gutes Zeichen. Aber nicht unbedingt für Venedig. Denn Garrone selbst präsentierte seine neapolitanische Apokalypse „Gomorrha“ nicht am Lido, sondern lieber in Cannes.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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