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Filmfestspiele Venedig Wie im Schleudergang der Waschmaschine

06.09.2004 ·  Filmfestspiele Venedig: Alejandro Amenábars preßt in seinem Film „Mar Adentro“ die Gemüter der Zuschauer aus wie Zitronen, als wollte er sehen, was man mit dem Manipulationsmedium Kino alles anstellen kann.

Von Michael Althen, Venedig
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Filmkritiker haben in der Regel sonderbare Sehgewohnheiten. Sie schauen sich meist schon vormittags Filme an, tun es auch gern nach Mitternacht und verbringen, wenn es sein muß, oft den ganzen Tag im Kino. Aber morgens um halb neun sind auch Filmkritiker nur Menschen und wollen eigentlich nicht unbedingt ins Kino. Auf Festivals müssen sie das aber, wenn sie den Siegerfilm nicht verpassen wollen, in Cannes schon seit Jahren, in Venedig erst seit neuestem.

Man stelle sich also vor, daß man nach einem hastig hinuntergestürzten Kaffee in einem Film landet, der es sich in den Kopf gesetzt hat, einen Heuler wie "Love Story" an Rührseligkeit noch zu überbieten, einen Film, in dem ein Querschnittgelähmter zwei Stunden lang darum kämpft, nach dreißig Jahren Bewegungslosigkeit endlich sterben zu dürfen, stets tapfer, pfiffig und humorvoll, und von den freundlichen Menschen an seiner Seite Abschied nimmt. Wenn man danach um halb elf in die Vormittagssonne über dem Lido hinauswankt, hat man sein emotionales Tagwerk bereits verrichtet und möchte sich eigentlich nur noch wieder ins Bett legen.

Das reinste Tränenbad

Es könnte also gut sein, daß man in der Früh auf Alejandro Amenábars "Mar Adentro" (Das Meer in dir) etwas sensibler reagiert als zu seelisch gefestigteren Tageszeiten. Aber der Film mit Javier Bardem ist tatsächlich das reinste Tränenbad. Wer je gedacht hat, nur das Hollywood-Kino sei eine Überwältigungsmaschinerie, wird hier eines Besseren belehrt. Es hatte schon seinen Grund, warum Amenábars Film "Abre los ojos" dort als "Vanilla Sky" mit Tom Cruise neu verfilmt wurde und warum der Spanier für seinen folgenden Film "The Others" Nicole Kidman gewinnen konnte - weil er ein untrügliches Gespür dafür hat, wie man existentielle Themen als kinematographisches Spiel aufarbeiten kann.

Die Amerikaner haben für das, was Amenábar macht, ein hübsch unanständiges Wort: "mind fuck". Schon in seinen bisherigen Filmen zwang er die Hirnwindungen des Zuschauers zu den unmöglichsten Verrenkungen, diesmal aber preßt er die Gemüter aus wie Zitronen, als wollte er sehen, was man mit dem Manipulationsmedium Kino alles anstellen kann. Und da Amenábar auch sein eigener Komponist ist, weiß er genau, wie man Gefühle orchestrieren muß, um den maximalen Effekt zu erzielen.

Dem Film ausgeliefert

Die Tatsache, daß das Ganze eine wahre Geschichte ist, tritt schon durch die Art, wie er von Anfang an die Kamera zum Fliegen bringt, in den Hintergrund.Wenn sie sich zum ersten Mal zu "Nessun dorma" aus dem Krankenbett in die Lüfte begeben hat, um über die galizische Landschaft dahinzurasen, ist man dem Film ohnehin ausgeliefert. Aber genau das ist das Problem: daß man vor lauter emotionaler Überwältigung kaum mehr Zeit zum Durchatmen hat und sich vorkommt wie im Schleudergang einer Waschmaschine.

Auch Arnaud Desplechins "Rois et Reine" (Könige und Königin) ist eine Achterbahn des Gefühls, die vom Zuschauer jedoch mehr fordert als simple emotionale Reflexe. In dieser Parallelgeschichte einer jungen Frau (Emmanuelle Devos), deren Vater im Sterben liegt, und ihres Ex-Mannes (Mathieu Amalric), der in die Psychiatrie eingewiesen wird, gibt es auch genügend traurige Momente, aber daneben noch ausreichend Luft zum Atmen.

Anhaltende Neugier

Die beiden Hauptfiguren sind mal wankelmütig und verzagt, mal unberechenbar und unbeherrscht, so daß auch die Kamera sprunghaft reagiert und fortwährend bemüht ist, ihren Blickwinkel neu zu justieren. Das wirkt aber weniger nervös, als es klingt, sondern sorgt eher für eine anhaltende Neugier darauf, welche Gefühle an der nächsten Ecke lauern.

Desplechins Helden wirken stets so, als habe man sie gerade erst aus dem Schlaf gerissen, und tatsächlich sind manche Figuren, die ihren Weg kreuzen, weniger real, als sie scheinen. Kann sein, daß das Personal manchmal etwas anstrengend ist und "Rois et Reine" ein gutes Stück zu lang, aber Desplechin gelingt eben, was oft nur die Franzosen beherrschen: daß sein Film zugleich kunstvoll und lebensnah wirkt.

Totale Verzauberung

Lebensnähe ist bei Hayao Miyazaki kein Thema. Dem japanischen Zeichentrickkünstler, der für "Chihiros Reise" einen Goldenen Bären und einen Oscar gewann, geht es um totale Verzauberung. "Hauru no ugoku shiro" (Howls wandelnde Burg) findet wieder Bilder, auf die man bei Disney schon lange nicht mehr hofft, faszinierende Kompositionen, in denen West und Ost kuriose Verbindungen eingehen, mitteleuropäische Szenerien und japanische Geisterwelten, die Technikbegeisterung eines Jules Verne und die Handlungsmuster der Anime-Serien.

Der Film, in dem ein Mädchen in eine alte Frau verzaubert wird und am Vorabend eines Weltkriegs an der Seite des Zauberers Howl gegen eine böse Hexe kämpfen muß, sieht aus, als sei die Zeichentrick-Heidi aus ihrem Alpendorf in einen bösen Albtraum geraten, in dem auch ihre Naivität keinen Schutz mehr bietet.

All die hüpfenden Vogelscheuchen, rabenschwarzen Gummigeister und seltsamen Flugobjekte sind mit einer Eleganz animiert, die ihre Kraft nicht aus der Detailfreude, sondern ihren Sinn für die Schönheit mechanischer Abläufe bezieht. Von allen Filmen, die hier im Wettbewerb liefen, war Miyazakis "Wandelnde Burg" der einzige, den man sich hinterher am liebsten gleich noch mal angesehen hätte. Zur Not auch in der Früh um halb neun.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2004, Nr. 207 / Seite 35
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