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Filmfestspiele Venedig Verfolgt und gejagt

07.09.2010 ·  Jerzy Skolimowskis „Essential Killing“ bot einen existentialistischen Thriller über einen Mann auf der Flucht. Und der erste Spielfim Wang Bings „Der Graben“ ist die schonungslose Aufarbeitung eines Kapitels der chinesischen Geschichte.

Von Michael Althen
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Auf dem Festival am Lido gibt es die schöne Einrichtung des „Film sorpresa“, des Überraschungsfilms also. Damit lässt sich das Festival eine Hintertür offen für Filme, deren Fertigstellung bis zur letzten Minute ungewiss ist oder bei denen man das Eingreifen offizieller Behörden fürchtet, wenn vorher schon Aufmerksamkeit auf sie gelenkt wird. Gelegentlich gewinnt so ein Seiteneinsteiger sogar den Wettbewerb, wie im Falle von Jia Zhangkes „Still Life“ vor vier Jahren.

So saßen die Kritiker am Montag früh wie in einer Sneak-Preview, ohne zu wissen, was Festivaldirektor Marco Müller wohl aus dem Hut zaubern würde. Noch am Abend vorher war spekuliert worden, ob es nicht vielleicht doch Terrence Malicks lang erwarteter „Tree of Life“ sein könnte; es war sogar die Rede von Fernsehjournalisten, die angefragt worden seien, ob sie für ein Interview bereitstünden mit einem Star, dessen Name noch nicht verraten werden könne, der aber in aller Munde sei. Also doch Brad Pitt?

Thriller über einen Mann auf der Flucht

Als dann der Vorspann lief, wurde klar, Brad Pitt würde ein Gerücht bleiben, denn es handelte sich bei der Überraschung um den ersten Spielfilm des chinesischen Dokumentarfilmers Wang Bing. „The Ditch“ (Der Graben) spielt 1960 in den Umerziehungslagern in der Wüste Gobi, wo Wang Bing inmitten von Kälte und Ödnis einer Gruppe Strafgefangener folgt, die wegen Nichtigkeiten als Konterrevolutionäre zur Zwangsarbeit verurteilt wurden. Kaum eine Nacht vergeht, ohne dass einige entkräftet sterben. Die Toten werden nicht mehr begraben, sondern in der Wüste notdürftig mit Erde bedeckt - was dazu führt, dass ihnen nicht nur die Kleidung, sondern zum Teil sogar das Fleisch von den Knochen gestohlen wird.

„Der Graben“ ist die schonungslose Aufarbeitung eines Kapitels der chinesischen Geschichte, in der Intellektuelle schon im Lager landeten, wenn sie vorschlugen, den ungenauen Begriff der „Diktatur des Proletariats“ durch „Diktatur des Volkes“ zu ersetzen. Und er fügt sich in eine ganze Reihe von Filmen, in denen die Helden auf existentielle Nöte zurückgeworfen werden, wie der verdurstende Siedlertreck in „Meek's Cutoff“ oder die verhungerte Gefangene in „Post mortem“. Und auch Jerzy Skolimowskis „Essential Killing“ verwandelte Hunger und Durst in einen existentialistischen Thriller über einen Mann auf der Flucht.

Eine aparte Fußnote

Vincent Gallo spielt einen Taliban, der von den Amerikanern in Afghanistan aufgegriffen und verschleppt wird und der bei einem Unfall des Gefangenentransporters in Polen entkommen kann. „Essential Killing“ handelt von nichts als der Flucht dieses Mannes durch die winterlichen osteuropäischen Wälder, von Hubschraubern verfolgt, von Spürhunden gejagt, von Hunger geplagt. Er ernährt sich von Ameisen und kratzt bemooste Rinde vom Baum - und einmal zwingt er mit vorgehaltener Waffe eine Frau mit Baby, ihm die Brust zu geben. Das deutet schon darauf hin, dass Skolimowski seiner packenden Verfolgungsjagd gegen Ende etwas viel Symbolik auflädt, aber ein starker Auftritt gerade von Vincent Gallo ist das trotzdem.

Und der exzentrische amerikanische Schauspieler, der hier selbst noch einen Film im Wettbewerb hat, kann für sich einen der absurdesten Abspanntitel reklamieren: Unter „Water for Mr. Gallo“ ist allen Ernstes die Marke seines Mineralwassers aufgelistet. Inmitten von lauter Durstfilmen ist das eine aparte Fußnote.

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