02.09.2005 · Neue Filme von alten Bekannten bei den Filmfestspielen von Venedig: Manoel de Oliveira betreibt Marienkult, und Jaume Balaguero läßt Calista Flockhart im altenglischen Gruselkrankenhaus wieder ein zerbrechliches Mädchen spielen.
Von Dirk Schümer, VenedigManoel de Oliveira ist der Johannes Heesters des internationalen Kinos. Wer als letztes leibhaftiges Bindeglied zwischen Stummfilmzeit und DVD mit fast achtundneunzig Jahren noch beinahe alljährlich einen Spielfilm dreht, ist nicht nur ein Wunder an Kreativität, sondern vor allem an Vitalität. De Oliveiras neuestes Werk bleibt seiner Liebe für die Literaturverfilmung treu. „Espelho magico“ (Der Zauberspiegel) erzählt einen portugiesischen Roman über eine verwirrte reiche Frau nach; und bei de Oliveira darf man das getrost wörtlich nehmen. In langen Standbildern, in behutsamen Interieurs und gepflegten Gärten gibt es genug Zeit für ausgiebig hergesagte Dialoge über Gott und die Welt. Vor allem über Gott.
Wenn es eine Handlung gäbe, dann handelte dieser Zweistundenfilm von einer reichen Dame, die sich aus Langeweile oder persönlicher Unbefriedigtheit nach einer Vision der Muttergottes sehnt und sich deshalb mit allerhand Priestern und Religionsforschern - in einer putzigen Nebenrolle: Michel Piccoli - umgibt. Was das Szenario an skurriler Komik birgt, nimmt der Regisseur allerdings ernst: Nonnen erzählen von frommer Devotion, sogar der Klavierstimmer darf seinen metaphysischen Senf dazugeben und kommt auf die Idee, der Dame die Marienerscheinung mit Hilfe einer hübschen Laiendarstellerin zu bescheren.
Fromm
Dazu kommt es nicht, wie de Oliveiras kaustisches Kino überhaupt mit zielloser Souveränität seinen eigenen Gesetzen folgt. Der Portugiese hält gerne die Schwebe, verrät nicht, ob er den Katholizismus nun für einen Fimmel oder eine Erlösung hält. Ebensowenig weiß der Zuschauer am Ende, ob diese Ästhetik des Stillstands und des vagen Deklamierens schon wieder so oft und so gründlich von der Zeit überholt wurde, daß man sie getrost als avantgardistisch betrachten darf. Kritik aber muß sich auch ein bald hundertjähriger Künstler, der hoffentlich noch manches Werk fürs Guinnessbuch abliefern wird, gefallen lassen: Sein Zauberspiegel könnte ein Staubtuch gebrauchen.
Vielleicht haben die Regisseure nach dem Medienkult um den alten und den neuen Papst die Renaissance des Religiösen ja geahnt, denn auffällig ist im Programm am Lido vor allem Frömmigkeit. Die entspricht nicht unbedingt ratzingerschen Normen, weil Glauben im Kino nicht von weihevoller Spiritualität, sondern seit je von verstörenden Bildern lebt. Neben den Priestern in Scott Dericksons zähem Exorzistendrama, dem ein echter Fall von tödlicher Teufelsaustreibung zugrunde liegt, bewährt sich auch Calista Flockhart als Kontaktperson zum Jenseits. Im Wettbewerbsbeitrag „Fragile“ spielt sie eine Kinderkrankenschwester, die ihre metaphysische Begabung eher unfreiwillig entwickelt, weil eine rabiate Untote im Obergeschoß der Klinik Personal und kleine Patienten reihenweise zu Klump verarbeitet.
Krankenhausreif
Der klassische Horrorfilm, dem der spanische Regisseur Jaume Balaguero hier huldigt, ist ja ein ungemein frommes Genre. Die zweifelhafte Grundidee des Christentums, daß die Toten weiterleben, wandelt er allerdings ab: Im Kino kehren die Untoten zurück, um mit dem Diesseits üble Rechnungen zu begleichen. Damit solche Geheimerfahrungen im Zeitalter der Rundum-Kommunikation glaubhaft werden kann, bedarf es subtiler Isolation: ein einsames, abbruchreifes Krankenhaus auf der Kanalinsel Wight mit einem wundersam unbenutzten Dachboden, einem rumpelnd-tückischen Fahrstuhlschacht, abgebrochenen Wasser- und Telefonleitungen und jeder Menge kühler Briten, die das schauerliche Wirken des Gespenstes partout nicht wahrhaben wollen.
Bis das Grauen dann mit Rollstuhl, Krücke und Beinschienen eine irgendwie putzige Zombiegestalt gewinnt. Calista Flockhart, die einem globalen Publikum als heruntergehungerte Büromaus Ally McBeal vertraut wurde, muß auch in diesem altenglischen Gruselszenario, das verdächtig an Lars von Triers „Riget“ erinnert, doch ohne dessen geniale Komik auskommt, nur das zerbrechliche Mädchen spielen, und das kann sie ja einigermaßen.
Trotzdem darf man sich fragen, was - wenn nicht eine Parodie - die ausgeleierte Konstellation des Horrorfilms überhaupt noch hergibt, wo doch die Visionen vorzugsweise vom Maskenbilder erledigt werden. Die Welt ist seit den grandiosen Sumpfmenschen-, Riesenameisen- und Killertomaten-Filmen im Amerika der fünfziger Jahre immer unbehaglicher und daher wohl auch unempfänglicher für die abgenutzten Spezialeffekte des Horrors geworden. Wenn der Papst gegen die Angst predigt, meint er eine beruhigende, keine schockierende Jenseitigkeit. „Fragile“, das wie sein eigenes Remake wirkt, bestätigt da nur eine ungute Vermutung: Solch ein selbstbezügliches Kino vermag höchstens die Geister auszutreiben, die es selbst erzeugt hat.