10.09.2004 · Berlin als Großbahnhof und Betonsiedlung voller preußischer Militärkrankenschwestern und böser Polizisten: Das italienische Kino in Venedig befremdet nicht nur mit seinem Deutschland-Bild.
Von Dirk Schümer, VenedigWie dreht man einen Film mit einem schwerstbehinderten Kind? Die Antwort ist leicht: Die erwachsenen Schauspieler müssen sich unendliche Mühe geben, denn gegen die intensive Leidenschaft eines kleinen Kollegen, der die eigene Lebenstragik zur Schau stellt, kommen sie nie und nimmer an.
So auch in Gianni Amelios Festivalbeitrag "Le chiavi di casa" (Die Hausschlüssel). Der Film kreist um die Kraft und den Witz des fünfzehnjährigen Paolo, den sein Vater nach Jahren der Ablehnung zu sich nimmt und in die Berliner Charité zu einer Behandlung der einseitigen Lähmung und seiner Hirnstörungen begleitet.
Amelio will alles richtig machen und zeigt das Miteinander des fremdelnden Paares behutsam in langen Einstellungen, schon im Nachtzug nach Berlin, im Hotel, in der Klinik, wo der Vater - verkörpert vom unsäglich blassen Kim Rossi Stuart - auf Charlotte Rampling trifft, die mit tiefgründiger Trauer die Mutter eines spastischen Mädchens spielt. Mit der Zeit lernen die Zuschauer, wie ein behindertes Kind schläft, wie es mit einer Hand ißt, wie es badet, wie es auf die Toilette geht, wie es sich über die Straße schleppt. Abgesehen davon, daß die ausführliche Beobachtung all dessen Langeweile verbreitet, wird man Zeuge eines peinlichen Akts von Voyeurismus. Denn bei einem gesunden Kind wäre die Kamera nicht derart aggressiv in die Intimsphäre vorgestoßen.
Oberflächliches Deutschlandbild
So wiegt sich Amelio mit bemerkenswert phantasielosen Bildern behaglich im Behindertenbonus seines Sujets, ohne irgend etwas zu erzählen zu haben außer einem nicht minder oberflächlichen Deutschlandbild - das merkwürdigerweise auch noch von deutschen Produzenten mitfinanziert wurde.
Berlin erscheint als Großbahnhof und Betonsiedlung voller preußischer Militärkrankenschwestern und Polizisten, vor denen das arme Kind dringend beschützt werden muß. So sieht man die Germanen in Italien immer wieder gerne. Am Ende muß noch fix eine Roadmovie-Flucht nach Norwegen inszeniert werden, wo es endlich Schönheit, Weite und Altbauten gibt, die Deutschland naturgemäß nicht kennt. Amelios Hauptdarsteller, der kleine Andrea Rossi, hätte mehr zu bieten gehabt als die klischeehafte Ausstellung des eigenen körperlichen Gebrechens.
Ohne die mindeste Idee
Der wundervolle dänische Dogmafilm "Mifune" um eine ganz ähnliche Story mit einem mongoloiden Jungen macht vor, daß eine solche Geschichte auch ohne Heuchelei erzählt werden kann. Wer glaubte, dieses platte Niveau könne nicht mehr unterschritten werden, mußte sich nur den nächsten italienischen Film anschauen.
Abermals ohne die mindeste Idee und mit dem irgendwann ermüdenden Tick, Bild und Tonspur gerne einmal voneinander zu trennen, hält Daniele Gaglianone für "Nemmeno il destino" (Noch nicht einmal das Schicksal) beim tristen Freizeitspaß verwahrloster Jugendlicher die Kamera drauf.
Die Eltern sind allesamt bettelarm und alleinerziehend, die Mutter im Nonnenheim geschwängert und verrückt gemacht, der Vater ein krebskranker Säufer, in der Schule setzt es Demütigungen und Prügel, die Stadt besteht einzig aus giftigen Industriebrachen und abbruchreifen Hochhausvierteln, und das einzige Paar hat gerade den Sohn verloren und wird aus der Wohnung geworfen. Das ist etwas dicke und zum Davonlaufen sowieso. Auch hier werden die sensiblen jungen Darsteller dadurch entwürdigt, daß die Autoren nicht einen Hauch von Interesse verraten, ihren Opfern ein wahrhaftiges Schicksal oder wenigstens ein Lächeln zuzugestehen.
Der Bankangestellte und die Friseuse
Wenigstens rettete Carlo Mazzacurati die Ehre des italienischen Kinos, indem er mit "L'amore ritrovato" meisterlich das unterschätzte Genre des Liebesfilms bediente. Die Affäre eines feschen Bankangestellten und einer armen Friseuse in der Toskana der dreißiger Jahre ist vorderhand eine gelungene Studie der verhaltenen Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, deren Gemälde, Gebrauchskunst und Film der Regisseur hier zur Grundlage seiner Optik machte.
Stefano Accorsi weiß sich im Kontakt mit der innerlich strahlenden Maya Sansa, einer grandiosen Schauspielerin des neuen italienischen Kinos, darstellerisch überzeugend vom Stutzer und Begriffsstutzer zum zärtlich Liebenden zu wandeln. Es ist nämlich nur die Frau, die mit ihrem Körper für die Folgen der Lust geradezustehen hat, die verprügelt und geschnitten wird und dennoch - oder gerade deshalb - inniger zu empfinden versteht als ihr Widerpart. Und dann geht die Liebe vorbei - und das Leben einfach weiter, und es bleibt nur die Erinnerung. Solche schlichten Weisheiten machen keinen Geniestreich aus, aber immerhin einen schönen, zartbitteren Film.