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Filmfestspiele Venedig Letzte Bilder vor der Flut

11.09.2006 ·  Der chinesische Regisseur Jia Zhang-Ke gewinnt für seinen Film „Still Life“ den Goldenen Löwen in Venedig - aber auch sonst muß niemand traurig sein. Wenn Ben Affleck einen Preis als bester Schauspieler gewinnt, dann muß freilich irgendetwas schief gelaufen sein.

Von Michael Althen, Venedig
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Wenn Ben Affleck einen Preis als bester Schauspieler gewinnt, dann weiß man eigentlich schon, daß bei der Jurysitzung irgendetwas ganz schief gelaufen sein muß. Auch wenn man sagen muß, daß Afflecks notorisch hölzerne Spielweise in „Hollywoodland“ zur Abwechslung seiner Rolle sehr entgegenkommt. Denn er verkörpert den hölzernen Superman-Darsteller George Reeves, der 1959 tot in seiner Villa aufgefunden wurde, und ist dann fast schon wieder anrührend in seiner ungelenk gefallsüchtigen Art.

Aber es hätte schon noch andere Kandidaten gegeben: Adrien Brody im selben Film etwa, oder die Brüder Jeremie und Yannick Renier im belgischen Scheidungsdrama „Nue propriete“ oder Michael Sheen als Tony Blair in „The Queen“, die aber schon mit einem Preis für Helen Mirren abgefunden werden mußte. Offenbar mußte jedoch noch irgendein Preis für die Amerikaner her, die mit vier Filmen angetreten waren und leer auszugehen drohten.

Eine völlig verirrte Jury

Von 22 Filmen wurden am Ende neun mit dem ein oder anderen Preis bedacht, und wenn man jene abzieht, die nicht einmal eine völlig verirrte Jury in Betracht ziehen konnte, dann hat so ungefähr jeder einen Preis bekommen, der in Frage kam. Selbst für Jean-Marie Straub und Daniele Huillet gab es einen Spezialpreis, um ihre Verdienste um die Filmsprache zu erneuern, obwohl Straub einen halb hand-, halb maschinengeschriebenen Brief in die Pressefächer hatte verteilen lassen, in dem er schrieb, es falle ihm gar nicht ein, auf einem Festival aufzutreten, das mit so großer Polizeipräsenz nach Terroristen suche. Denn er sei der Terrorist, und so lange der amerikanische imperialistische Kapitalismus existiere, könne es davon gar nicht genug geben.

Er bezog sich damit auf die Detektorschleusen, mit denen die Eingänge zu den Festivalkinos kontrolliert werden, und man konnte auf den Stufen des Casinos schon trübsinnig werden bei dem Gedanken, daß diese Art von Kontrolle in nächster Zukunft wahrscheinlich allgegenwärtig sein wird. Kein öffentliches Gebäude, kein Bahnhof, kein gar nichts mehr ohne Schleusen, an denen man abgetastet wird.

Warum „Children of Men“, der diese Zukunft am plastischsten ausmalte, nur mit einem Kamerapreis abgespeist wurde, bleibt Geheimnis der Jury. Wobei der Blick von den Casinostufen aufs Meer nicht allein von den Sicherheitsmaßnahmen, sondern von dem Jahrmarktstrubel verstellt wird, den die Sponsoren am Lido veranstalten. Bis der geplante neue Festivalpalast da Abhilfe schafft, dürften noch mehrere Jahre vergehen, und es ist fraglich, ob die neu entstehende Konkurrenz in Rom die Sache eher beschleunigt oder vollends lähmt.

Kopfschüttelnde Kritikerschar

Dem Festival hat die Bedrohung durch das im Oktober erstmals stattfindende Hauptstadtfestival nicht gut getan. Es schien geradezu so, als wollte Festivalchef Marco Müller am Anfang sein ganzes Pulver verschießen, um den starken Mann zu mimen, und hatte dann ab der Hälfte nichts mehr zuzulegen. Der Wettbewerb wirkte dann, als habe die Mannschaft das angeschlagene Schiff verlassen, während die verbliebene Kritikerschar nur noch kopfschüttelnd an Deck steht.

Alain Resnais wurde für „Coeurs“, seinen etwas saftlosen Single-Ringelpiez ohne Anfassen, mit dem Regiepreis ausgezeichnet, und der Spezialpreis ging an die bemühte politische Parabel „Daratt“ aus dem Tschad, offenbar in dem Bemühen, Aufmerksamkeit auf einen blinden Fleck des Weltkinos und der Weltaufmerksamkeit zu lenken.

Ein würdiger Sieger

Und natürlich ist auch der Hauptpreis, der Goldenen Löwe für Jia Zhang-Kes „Sanxia Haoren“ (Still Life), vor allem politisch gerechtfertigt, denn er war als Überraschungsfilm in letzter Minute in den Wettbewerb gekommen, weil es wieder Schwierigkeiten mit der Zensur gab. Zu hören war sogar, daß es eine zweite Schnittfassung gebe, mit der die chinesischen Behörden hinters Licht geführt worden sein sollen. Schwer vorstellbar, daß von den 108 Minuten des Films mehr als acht Minuten übrig sind, denn was hier über das Drei-Schluchten-Staudamm-Projekt erzählt wird, ist von so umfassender Trostlosigkeit, daß kaum vorstellbar ist, daß die Zensur irgendetwas davon durchgehen lassen könnte, wo sie schon wegen wesentlich vorsichtigerer Kritik Leute halb totschlagen läßt.

„Still Life“ ist schon deswegen ein würdiger Sieger, weil er uns ein Bild macht von Zuständen, die in den Nachrichten immer eher abstrakt bleiben. Erzählt werden zwei parallele Geschichten: In der einen sucht ein Minenarbeiter aus einer fernen Provinz nach seiner vor sechzehn Jahren entflohenen Frau, die er als Mädchen offenbar ihren Eltern abgekauft hatte; in der anderen sucht eine Krankenschwester nach ihrem seit zwei Jahren verschwundenen Ehemann, der von einer Geschäftsreise nicht mehr zurückkam.

Beide Geschichten führen nach Fengjie, eine Stadt, die seither vom gestauten Jangtse verschluckt worden ist. Der Minenarbeiter heuert bei einem Abrißtrupp an, der mit Vorschlaghämmern die Häuser niederreißt, die Krankenschwester trifft einen Archäologen, der ihr bei der Suche nach ihrem Mann hilft - und immer wieder sieht man oben an den Hängen des Tals mit weißer Farbe hingepinselt: „Stufe 3 - 156,3 Meter“. Bis dorthin wird das Wasser steigen, und alles, was wir sehen, die Straßen, die Häuser, die Geschichten und Erinnerungen werden unter unvorstellbaren Wassermassen begraben sein. Dieses Unvorstellbare hat Jia Zhang-Ke mit diesem Film festgehalten, und das ist, als hätte jemand vor dem Vulkanausbruch Bilder von Pompeji gemacht. Das ist schon einen Goldenen Löwen wert.

Die Preisträger

Goldener Löwe Bester Film: „Still Life“ von Jia Zhang-Ke

Silberner Löwe Beste Regie: „Coeurs - Private Fears in Public Places“ von Alain Resnais

Spezialpreis der Jury: „Daratt“ von Mahamat Saleh Haroun

Silberner Löwe für eine Entdeckung: „Nuovomondo“ von Emanuele Crialese

Beste Schauspielerin: Helen Mirren in „The Queen“ von Stephen Frears

Bester Schauspieler: Ben Affleck in „Hollywoodland“ von Allen Coulter

Beste Nachwuchsschauspielerin: Isild Le Besco in „L'intouchable“ von Benoit Jacquot

Technischer Beitrag: Emmanuel Lubezki für die Kamera von „Children of Men“ von Alfonso Cuaron

Bestes Drehbuch: Peter Morgan für „The Queen“ von Stephen Frears

Speziallöwe: Jean-Marie Straub und Daniele Huillet

Orizzonti-Preis: „Mabei shang de fating“ von Liu Jie

Orizzonti-Dokumentarfilmpreis: „When the Levees Broke: A Requiem in Four Acts“ von Spike Lee

Erstlingsfilm: „Khadak“ von Peter Brosens und Jessica Woodworth

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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