04.09.2009 · Während Baustellen von der Zukunft der venezianischen Filmfestspiele künden, verneigt sich der Eröffnungsfilm tief und schief vor der Vergangenheit. Zum Glück gibt es auch gleich ein Gegengift zu sehen: den smarten spanischen Horrorfilm „(REC)2“.
Von Michael Althen, VenedigIm Unterschied zu Cannes waren die Filmfestspiele auf dem Lido immer ein wenig verschlafen, und selbst bei abendlicher Betriebsamkeit verteilten sich die Zuschauermassen so auf die Flaniermeile zwischen Hotel Excelsior und dem Casino, dass auf dessen weitläufigen Stufen sich die Kritiker versammeln, rauchen, diskutieren, Pressehefte überfliegen und einen letzten Espresso trinken konnten, ehe sie ins Kino verschwanden. Ganz früher konnte man von den Stufen noch aufs Meer blicken. Dann wurden dort Buden und Sponsorenstände aufgestellt, hinter denen man den Strand nur noch ahnen konnte – und seit diesem Jahr kann man dort überhaupt nicht mehr sitzen, denn vor dem Casino ist eine riesige Baustelle.
Dort wird die Zukunft des Filmfestivals gebaut, jener neue Festival- und Kongresspalast, von dem sich der Festivalchef Marco Müller gleich einen ganzen Systemwechsel verspricht. Verschlafen ist schätzungsweise ein Wort, das einem nicht mehr so schnell in den Sinn kommen soll, wenn hier irgendwann alles unterirdisch zusammengewachsen ist. Auf den Plänen, welche die Bauzäune zieren, sieht das zukünftige Gebäude aus wie ein goldener Pottwal, der auf der Strandpromenade knapp vor dem Casino gestrandet ist. 2012 soll er fertig sein, bis dahin werden die Besucherströme hinter der Baustelle herumgeführt, ein neues Zeltkino ist errichtet worden, um die einzelnen Filmreihen besser voneinander abzusetzen, und in ein paar Jahren wird man vielleicht wieder auf den Stufen sitzen können, um hinter dem goldenen Ungetüm das Meer zu ahnen.
Gleich geblieben sind allerdings die Temperaturen im Kinosaal des Casinos, wo man den Eindruck hat, man sehe die Filme in einer Kühltruhe, die den Kritikern gleich alle Hitzigkeit austreiben soll. Gänsehaut konnte man allerdings auch von „(REC)2“ bekommen, der smarten Fortsetzung des spanischen Horrorerfolgs von Jaume Balagueró und Paco Plaza. Im Grunde machen die beiden das Nächstliegende und erzählen dieselbe Geschichte einfach noch mal, fügen dem Schrecken aber noch eine weitere Dimension hinzu. Einst ist ein Fernsehteam mit einem Trupp Feuerwehrleute in ein unter Quarantäne stehendes Haus in Barcelona eingedrungen und sah sich plötzlich von Tollwütigen attackiert, die sie dezimierten und in die Enge trieben. Nun macht sich ein Sonderkommando auf, um nach Überlebenden zu suchen, und erleidet dasselbe Schicksal.
Wunderkistenkino mit epischem Atem
Beide Male besteht der Schrecken vor allem darin, dass die begleitenden Videokameras ihn wie im „Blair Witch Project“ quasi live dokumentieren und die Enge des Gesichtsfeldes die Düsternis um ein Vielfaches bedrohlicher wirken lässt. Wo sich der erste Teil an George Romeros „Crazies“ orientierte, da bewegt sich der zweite eher durchs Terrain von Friedkins „Exorzist“. Der Horrorfilm lebte schließlich noch selten von rationalen Erklärungen, sondern tastete sich immer an die Grenzen unserer Vernunft, um sichtbar zu machen, was jenseits von ihr sein Unwesen treibt. Der Mann vom Gesundheitsministerium entpuppt sich jedenfalls bald als Priester, die Infizierten sind vom Teufel Besessene, und die Aufgabe lautet, das Blut eines Mädchens sicherzustellen, um ein Antiserum gegen den Satan zu finden. Das Konzept erweist sich erneut als extrem tragfähig, und wie der erste Teil hält auch die Fortsetzung einen entzückend schockierenden Schluss bereit.
In jedem Fall sind solch gnadenlos kalkulierte Genrearbeiten ein gutes Gegengift, um einen schon zur Eröffnung gegen jede Art von überambitionierter Kunstanstrengung zu impfen, von denen Festivals ja nie ganz frei sind. Zumindest war „(REC)2“ das richtige Serum gegen Giuseppe Tornatores „Baarìa“, den ersten italienischen Eröffnungsfilm seit gut zwanzig Jahren. Der Titel ist der sizilianische Dialektname des Städtchens Bagheria in der Provinz Palermo. Es ist aber auch wie oft bei Tornatore die Beschwörungsformel für jenes Paradies der Erinnerung, in dem schon „Cinema Paradiso“ spielte. Erzählt wird die Geschichte von drei Generationen in einer Dorfgemeinschaft zwischen den dreißiger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Gefragt ist also der ganz große epische Atem, dem aber Tornatore von Anfang an mit Wunderkistenkino im Stil der fabelhaften Welt der Amélie begegnet.
Man sieht die Dorfältesten beim Kartenspiel, einer schickt den kleinen Peppino zum Zigarettenholen, spuckt auf den Boden und verspricht ihm zwanzig Lire, wenn er es schafft, zurückzukommen, ehe die Spucke getrocknet ist. Der Junge läuft also los, die Kamera vor ihm her, schneller und immer schneller, während im Hintergrund das gesamte Dorfleben durchs Bild geschoben wird, Gemüsekarren, beinamputierte Bettler und andere Elendsfolklore, und während man gerade die Choreographie bestaunt, hebt sich die Kamera samt Jungen vom Boden ab und lässt ihn die sizilianische Landschaft überfliegen. Ein Wunder, ruft uns Tornatore zu, seht nur, was das Kino alles kann. Das stimmt natürlich, ist aber eine mäßig gute Voraussetzung, von dem Jahrhundertpanorama mehr als ein paar goldgerahmte Erinnerungsseligkeiten zu erwarten.
Was herauskommt, wenn alle nur bester Absicht sind
Und so kommt es dann auch: Tornatore türmt eine sizilianische Volksweisheit auf die andere, die einfachen Leuten ein nimmermüder Quell von reizend widerborstigen Anekdoten, das Ganze jene Art von tröstlich nostalgischem Einverständnis mit den Wechselfällen des Lebens, die sich auf Familienfesten einstellt, wenn alle langsam einen sitzen haben. Die Faschisten sind natürlich von Anfang an Hampelmänner, und Politik ist das, was herauskommt, wenn alle nur bester Absicht sind. Natürlich ist manches auch hübsch in diesem Film, aber irgendwann ist man so ausgelaugt davon, dass noch die kleinste Gefühlsregung sofort in einer Kamerakranfahrt gewiegt und von Ennio Morricone sinfonisch unterlegt wird, dass einen das Schicksal der Familie, das quasi im Rösselsprung erzählt wird, irgendwann herzlich egal ist.
Letztlich unterscheidet sich „Baarìa“ in Ton und Spiel kaum von einem Film wie Mario Monicellis „La grande guerra“, der hier wiederaufgeführt wurde. Vittorio Gassman und Alberto Sordi führten im Jahr 1959 dasselbe gestenreiche Bauerntheater auf, das für Tornatore das Kinoparadies versinnbildlicht. So mag Müller sein Festival vielleicht für die Zukunft rüsten, er eröffnet es allerdings mit einer Verneigung vor der Vergangenheit.