06.09.2010 · Ein starkes Wettbewerbswochenende am Lido: Catherine Deneuve triumphiert in „Potiche“ von François Ozon, „Post mortem“ von Pablo Larrain ist eine Leichenhausperspektive auf den Putsch in Chile 1973 und Tsui Harks „Detective Dee“ einer der tollsten Abenteuerfilme seit „Indiana Jones“.
Von Michael Althen, VenedigQuentin Tarantino ist Jurypräsident, und eigentlich müsste ihm gefallen, was Francois Ozon in „Potiche“ macht. Denn der Franzose lässt mit derselben Liebe und Hingabe die Komödie der siebziger Jahre auferstehen, wie das Tarantino in „Death Proof“ mit den amerikanischen Billigfilmen jenes Jahrzehnts getan hat. Die Detailfreude geht so weit, dass nicht nur die Schrift der Vorspanntitel, das Dekor, die Frisuren und Kostüme, sondern auch die Art des Spiels einem Film mit Louis de Funès entstammen könnten. Ozon nahm immer wieder gerne filmische Muster, die möglichst abgeschmackt erscheinen, und bürstete sie gegen den Strich, ohne sie zu verraten. Und Tarantino wäre es in seiner Filmbesessenheit zuzutrauen, dass er sogar diese für einen Amerikaner obskuren Vorbilder kennt, auf die sich der Franzose bezieht.
In der ersten Einstellung sieht man Catherine Deneuve in Trainingsanzug und mit perfekter Frisur beim Waldlauf. Als sie innehält, wird sie von einem Reh begrüßt, ein Vogel scheint ihr zuzuzwitschern, und ein Eichhörnchen macht seine Aufwartung. Die beiden rammelnden Kaninchen stören die Idylle ein wenig, aber das hält die Deneuve nicht auf, ihr Notizbuch zu zücken und eine Ode an die Natur zu verfassen. Die Gedichte sind ihr einziger Zeitvertreib, sonst gehört sie der Familie. Ihr despotischer Mann (Fabrice Luchini) führt die Regenschirmfabrik ihres Vaters, hat eine Affäre mit seiner Sekretärin (Karin Viard) und kein Auge für die Kinder (Judith Godrèche und Jérémy Renier) - und schon gar nicht für seine Gattin. Die Deneuve spielt das mit der Ergebenheit einer Frau, die gar nicht mehr auf die Idee kommt, es könnte auch anders sein. Wo aber in den Komödien die Frau nach allerlei Verwicklungen wieder ihren vermeintlich angestammten Platz einnimmt, erzählt Ozon eine Erweckungsgeschichte, bei der am Ende so ziemlich alle Rollen vertauscht sind.
Ironisch-liebevolles Spiel
Das Wunder der Deneuve besteht darin, dass sie all die zaghaften Schritte einer längst überfälligen Emanzipation so spielt, als habe sie nicht schon eine Karriere mit dem Selbstbewusstsein einer Königin bestritten. Natürlich hat sie das auch Ozons durchtriebener Art zu verdanken, eine altbackene Vorlage nachhaltig zu unterwandern, indem er die Zuschauer zu Komplizen dieses Spiels macht, aber als die Zuschauer am Lido bei einer Szene, in der sie in einem Nachtclub mit Depardieu Disco tanzt, in tosenden Applaus ausbrachen, war dies vor allem eine Liebesbezeugung für eine große Schauspielerin, der lange eher Bewunderung als Zuneigung entgegengebracht wurde.
Ozons ironisch-liebevolles Spiel mit den Versatzstücken der Boulevardkomödie stand am entgegengesetzten Ende des mehr oder minder bitteren Ernstes der anderen Beiträge dieses starken Wettbewerbswochenendes in Venedig.
„Post mortem“ und „Silent Souls“
In Pablo Larrains „Post mortem“, der im Chile des Jahres 1973 spielt, sah man der Obduktion eines Mannes zu, von dem einem erst langsam dämmerte, dass es sich um Salvador Allende handeln muss. Diese Leichenhausperspektive auf den Putsch verbindet sich mit einem rätselhaften Liebesthriller, der mit seinen verwaschenen Scopebildern fasziniert, aber manchmal auch sehr manieriert wirkt.
In Alexej Fedorchenkos „Silent Souls“ beobachtete man zwei Russen, die, einem seltsamen Brauch folgend, einer Toten bunte Bindfäden ins Schamhaar flechten, so wie es dort offenbar auch die Brautjungfern vor der Hochzeitsnacht machen. Das ist Anlass für einige allzu poetisch trostlose Einstellungen auf flatternde Fäden in kahlen Bäumen, aber irgendwie besitzt der Film auch einen schrulligen Humor, wenn er die Gepflogenheiten dieses finno-ugrischen Stammes in der russischen Öde nachzeichnet.
Einer der tollsten Abenteuerfilme seit „Indiana Jones“
Kelly Reichardt schickte in „Meek's Cutoff“ einen Siedlertreck auf der Suche nach Wasser durch die endlosen weiten Oregons im Jahre 1845. Die Einstellungen sind ähnlich endlos, aber durch die karge Inszenierung ist man bald selbst gefangen in der Hoffnungslosigkeit dieses Herumirrens. In einer grandiosen Sequenz sieht man die Mühen, die es bedeutete, drei Planwagen an Seilen einen steilen Abhang hinabzulassen - und als beim dritten das Seil reißt, ist der Verlust nur deswegen so schmerzlich nachvollziehbar, weil man die elementaren Bedürfnisse der Siedler vorher so hautnah miterlebt hat. Dass auch hier irgendwann die Frau (Michelle Williams) das Ruder übernimmt, gehört zu jenen Binnenbeziehungen eines Festivals, die der Chef Marco Müller sicher nicht zufällig geknüpft hat.
Da passt es natürlich, dass Tsui Harks „Detective Dee and the Mystery of the Phantom Flame“ von der Krönung der ersten und einzigen Kaiserin Chinas im Jahr 700 vor Christus handelt, der zu Ehren eine siebzig Meter hohe Buddha-Statue errichtet werden soll, deren Bau von rätselhaften Todesfällen überschattet wird. Ausschlaggebend bei der Programmauswahl dürfte jedoch weniger die Frauen-Parallele gewesen sein als der Umstand, dass „Detective Dee“ einer der tollsten Abenteuerfilme seit „Indiana Jones“ ist. Das ist ja auch schon was.