09.09.2004 · Der deutsche Regisseur und das Ende des amerikanischen Traums: Wim Wenders' neuer Film „Land of Plenty“, gerade in Venedig uraufgeführt worden, ist ein Verschwörungsthriller in Zeitlupe.
Von Michael Althen, VenedigAuf der Lagunenseite des Lido liegt die Riva del Corinto, eine unbelebte Uferstraße, an der sich jeden Tag an einem Zaun eine lange Schlange bildet, die auf Einlaß in das riesige Behelfszelt wartet, in dem die Wettbewerbsfilme wiederholt werden. Alle zwei, drei Stunden dasselbe Bild, geduldiges Warten mit Blick auf ein paar geparkte Autos und die kleine Insel des verfallenen Lazaretto Vecchio, die den Blick hinüber nach Venedig verstellt.
Eines Morgens jedoch ist der Eingang verschwunden. Wo sonst die Schlange steht, ist plötzlich Wochenmarkt, wo die Autos waren, sind nun Stände, an denen man billig Kleidung und Haushaltsgegenstände kaufen kann. Man kommt sich vor wie in einem Film von Fellini, aus einem langen Festivaltraum erwacht, der ganze Kinospuk verschwunden, von einer Wirklichkeit verdrängt, die Wichtigeres im Sinn hat als Filme. Aber irgendwo muß sie noch sein, die Tür, zwischen zwei Buden versteckt liegt der Eingang zum Zelt und in eine andere Welt.
Der Hund darf umsonst rein
So wie in "Sag-haye velgard" (Streunende Hunde) von Marziyeh Meshkini, wo ein Junge, seine kleine Schwester und ihr Hund in den Straßen von Kabul auf einmal vor einem Kino stehen. Die beiden haben sich in den Kopf gesetzt, eine Straftat zu begehen, um zu ihrer Mutter zu kommen, die im Gefängnis sitzt - und man hat ihnen gesagt, im Kino könnten sie lernen, wie man das macht. Der Kassierer schaut die beiden mitleidig an und meint, dies sei aber ein Kunstfilm; ob sie nicht lieber einen richtigen Film sehen wollten. Als die Kinder aber darauf beharren, erklärt der Mann, der Film sei so langweilig, daß er wenigstens den Hund umsonst hineinlasse. Der Film, den die beiden sehen, ist "Fahrraddiebe" von Vittorio De Sica, und was sie darin lernen, führt geradewegs ins Unglück.
Marziyeh Meshkini ist die Frau des persischen Regisseurs Mohsen Makhmalbaf, dessen Tochter Samira ebenfalls Filme macht - wahrscheinlich die fruchtbarste Filmfamilie der Welt. Jedenfalls haben die Makhmalbafs den Bogen heraus, indem sie die Neugier auf weiße Flecken der kinematographischen Landkarte mit einem parabelhaften Erzählen verbinden, das dem Neorealismus De Sicas nicht unähnlich ist. Zwei unschuldige Kinder, die ins Gefängnis wollen, das sagt natürlich schon alles, aber Meshkini setzt allzuoft auf große Kinder- und Hundeaugen, so daß die märchenhafte Naivität mitunter etwas formelhaft wirkt.
Die Tür zu einer anderen Welt
Trotzdem gibt es packende und bedrückende Szenen, von Kindern, die Holz sammeln und es für ein Stück Brot eintauschen, das sie dann über die Kohlenglut halten, um sich an seinem Duft zu berauschen. Was sich da im Gesicht der hinreißenden siebenjährigen Hauptdarstellerin widerspiegelt, läßt sich nicht erfinden. Und nach der Vorstellung sitzt das Mädchen strahlend auf den Schultern seiner Regisseurin und verteilt Kußhändchen ins applaudierende Publikum. Wenn man sie gerade noch im Staub von Kabul gesehen hat, ahnt man, daß sich für die Kleine auch eine Tür aufgetan haben muß in eine andere Welt.
Wim Wenders ist ohnehin ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen Europa und Amerika, zwischen der Wirklichkeit und den Bildern, die wir uns von ihr machen. "Land of Plenty" heißt sein neuer Film, in sechzehn Tagen auf einer Digitalkamera gedreht, weil sich sein Projekt "Don't Come Knocking" verschoben hat, so wie er sich einst bei "Hammett" die Wartezeit mit dem "Stand der Dinge" vertrieb. Und so wie er damals den amerikanischen Traum und das, was das Kino aus ihm gemacht hat, reflektierte, denkt er diesmal über dessen Ende nach.
Wieder ist sein Held jemand, der nicht vorankommt und sich nur noch um sich selbst dreht, in diesem Fall ein paranoider Vietnamveteran und selbsternannter Geheimdienstler (John Diehl), der nach verdächtigen Subjekten Ausschau hält und seinen eigenen Krieg gegen den Terror kämpft. Der Mann erwacht auch dann nicht aus seinem Wahn, als nach Jahren in Nahost seine Nichte (Michelle Williams) in Los Angeles auftaucht, eine gläubige Tochter von Missionaren, die in einer Armenküche in der "Hauptstadt des Hungers" aushilft. Als ausgerechnet dort ein Muslim niedergeschossen wird, haben die beiden ein gemeinsames Interesse: mehr über den Toten herauszufinden. Die Spur führt sie in ein Kaff im Death Valley.
Thriller in Zeitlupe
Der alte Mann und das Mädchen, das ist eine Paarung wie in "Alice in den Städten". Aber wo sich früher bei Wenders die großen Themen wie beiläufig aus der Erzählung herausgeschält haben, da geht er seit einiger Zeit den umgekehrten Weg: Er versucht seine Anliegen in Erzählung zu verwandeln. Das lähmt den Fortgang der Handlung - so gesehen ist "Land of Plenty" ein Verschwörungsthriller in Zeitlupe.
Andererseits war das Verstreichen der Zeit bei Wenders schon immer ein Vorgang von fast körperlicher Präsenz. Noch immer erweist er sich als Meister der Lücke, jener Momente, in denen die Handlung schweigt und die Stille zwischen den Menschen und Dingen hörbar wird. Wenn alles zu einem Bild oder einem Song gerinnt, wenn die Wolken düster leuchtend zwischen den Hochhaustürmen hängen, wenn neben der Heldin plötzlich ein Kolibri in der Luft steht oder die Kamera das ungleiche Paar unter einem Baum im Schatten findet.
Aber diesmal hat man den Eindruck, daß sein Film dort aufhört, wo er eigentlich anfangen sollte: wenn Paul und Lana sich endlich nähergekommen sind und sich auf die Reise machen. Vielleicht hat Wenders diese Geschichte schon einmal zu oft erzählt. So stehen sie über Ground Zero, die Kamera schwenkt langsam in den Nachthimmel, als wollte sie nachzeichnen, was verloren ist, und während man zu einem Song von Leonard Cohen noch denkt, was für ein schöner Schluß Wenders hier gelungen ist, erscheint ein Schriftzug: "The Truth Some Day". Das ist nicht nur ästhetisch ein dubioser Einfall. Denn die Anschläge und ihre Folgen sind schließlich das Werk von Leuten, die sich selbst im Besitz der Wahrheit wähnten.