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Filmfestspiele Venedig : Frauen, die hässliche Dinge tun

  • -Aktualisiert am

Dekor vom Feinsten: Kate Winslet (l.) und Rachel Wood in „Mildred Pierce” Bild: REUTERS

In den Nebenreihen zeigt das Festival von Venedig „Mildred Pierce“ als Mehrteiler, poetische Vampire in „Moth Diaries“ - und mit „Twilight Portrait“ einiges an Sozialkritik: Frauen sprechen womöglich eine völlig andere Sprache, die erst einmal verstanden werden muss.

          Man tut dem Amerikaner Todd Haynes nicht wirklich unrecht, wenn man konstatiert, dass sein neuestes Werk immer wieder den Eindruck macht, als habe sich der Regisseur ein großes Puppenhaus zusammengebastelt und einen Großteil seiner künstlerischen Energie in dessen detailverliebte Ausstattung investiert. „Mildred Pierce“, der außer Konkurrenz gezeigt wurde, fügt sich in eine auffällige Menge von Filmen inner- wie außerhalb des Wettbewerbs, in denen das Set-Design einschließlich der Kostümabteilung ins Zentrum tritt und Regie- wie Darstellerleistungen womöglich in den Schatten stellt.

          Letzteres gilt bei „Mildred Pierce“ allerdings nicht, dafür sorgen schon Kate Winslet und Evan Rachel Moore. Weil das Ganze aber ein für HBO produzierter edler Fernsehfünfteiler ist, bleibt genug Zeit, den Blick (Kamera: Ed Lachman) von deren perfekt geschminkten Gesichtern über ihre Frisuren, buntgetupfte Tüllkostüme, das Dekors der Wohnungen - rosa Waschbecken im schwarzgrün gekachelten Bad -, alte Limousinen, großartig rekonstruierte Los-Angeles-Straßenzüge und Heere von Statisten gleiten zu lassen.

          Vorbild für „Mildred Pierce“ ist natürlich der berühmte Film noir von Michael Curtiz aus dem Jahr 1945, der James M. Cains Vorlage im Geist der Zeit gehörig bearbeitete. Das hätte Haynes' Fassung mitunter ebenfalls gutgetan. Kate Winslet in der Titelrolle, die Joan Crawford einst den Oscar einbrachte, spielt ihre Figur einer Materialistin, die nicht loslassen kann, sich in alles einmischt und in der Tochter, die nur konsequenter ist, ihr eigenes Spiegelbild nicht erkennen will, mit ähnlich vorgeschobenen Schultern und gedrungener Statur wie ihren Part in „Der Vorleser“. Eine Aufsteigerin, der man die Opfer, die der Aufstieg kostete, ansieht und die sich in ihrem Körper selten wohl fühlt. Cains Roman über die moralischen Folgen des materiellen Erfolgs, der bei Curtiz das Zeug zu einer „Madame Bovary“ des amerikanischen Jahrhunderts hatte, funktioniert bei Haynes als empathisches Porträt zweier alles andere als rundweg sympathischer Frauen.

          Claire nimmt keine Rücksicht auf Konventionen

          „La femme n'existe pas“ - es gab mehr als einen Film in Venedig, der belegte, dass man den alten Lacan-Satz nicht nur plump-chauvinistisch oder plump-sozialkritisch verstehen darf, sondern auch imaginär-utopisch: Frauen sind immer noch nicht definiert. Neben Mildred Pierce und ihrer schlangenhaft-skrupellosen Tochter Veda gab es auch andere Beispiele dafür, wie Frauen sich aus den Projektionen der anderen, hier also der Regisseure und des Publikums, lösen und selbst zu definieren suchen. Zum Beispiel Mary Harrons „The Moth Diaries“, der die Genres des Internats- und Vampirfilms dazu benutzt, vom weiblichen Erwachsenwerden zu erzählen.

          Hier kommt außer toten Vätern nur ein Mann vor, und der ist ein schmieriger Literaturlehrer, der die Neigung Heranwachsender zur Poesie dazu benutzt, sich an die Schülerinnen heranzumachen. Man kann in Harrons Film immerhin lernen, dass eine Welt ohne Männer auch nicht besser wäre, weil sich die Mädchen dann ohne sie nach allen Regeln der Kunst fertigmachen. Wer das Spiel mit intellektuellen Verweisen schätzt, wird sich kaum langweilen, wer Genrekonvention verlangt, dagegen sehr. Man erfährt nicht genug und erlebt zu wenig in diesem Film, von dem am Ende eine Handvoll schöne Frauen bleiben, die hässliche Dinge tun, und eine Castingrolle der neuesten amerikanischen Darstellerinnengeneration. Keine Rücksicht auf Konventionen nimmt auch Claire (Marie Gillain), eine Richterin, die in Philippe Liorets „Toutes nos envies“ in der Nebensektion „Venice Days“ die Dinge selbst in die Hand nimmt, als sie von ihrer tödlichen Erkrankung erfährt. Wie eine Kreuzung aus „My life without me“ und „Erin Brockovich“ ist dies auch stilistisch ein von Loach und Leigh inspiriertes Werk, ein sozialdemokratischer Film, der für Widerstand und gesellschaftsübergreifende Solidarität steht.

          Den Lover kann man begründet „unter ihrem Niveau“ finden

          Deutlich näher an der Vermutung, dass Frauen womöglich eine völlig andere Sprache sprechen, die erst einmal verstanden werden muss, bewegt sich „Twilight Portrait“, das glänzende Debüt der Russin Angelina Nikonova. Dieses harte Tagebuch einer fundamentalen Erschütterung beginnt als sozialrealistisches Exploitation-Drama: Elend und Armut, Dreck, Blut, Tränen, Brutalität werden exzessiv ausgestellt, derweil man einer Sozialarbeiterin aus besseren Verhältnissen bei ihren Besuchen in den Moskauer Randlagen zusieht. Alles ist genauso schlimm, wie man es vermutet, doch dann verliebt sich die Frau in einen ihrer Klienten und verlässt ihr wohlgeordnetes Leben. „Twilight Portrait“ glänzt mit aufregenden und überraschenden Szenen, einer herausragenden, facettenreichen Hauptdarstellerin (Olga Dihovichnaya, die auch das Drehbuch schrieb) und dichten Handkamera-Bildern.

          Mit alldem sieht er „Love and Bruises“ überraschend ähnlich, dem neuen Film des Chinesen Lou Ye, ebenfalls in den ungewöhnlich starken „Venice Days“ (was überrascht, war der Regisseur zuletzt doch dreimal im Wettbewerb von Cannes, wo er 2009 den Drehbuchpreis gewann). Auch „Love and Bruises“ erzählt von einer Frau, die auf fremdem Terrain überleben will und sich einen Lover sucht, den man mit guten Gründen „unter ihrem Niveau“ finden kann. Sie heißt Hou, ist Chinesin und studiert in Paris, er heißt Mathieu und baut auf einem Markt die Stände auf. Mathieu und Hua sind zwar nicht ganz Seberg und Belmondo, aber ihre wechselhafte Amour fou erinnert eine Weile an „Außer Atem“. Dann nehmen Milieukonflikte und kulturelle Differenzen überhand, und Hou entscheidet sich für die Rückkehr nach China - was Lou Ye uns nicht als perfekte Lösung verkauft. Der in den Bildern dominierende Fragmentarismus, der Lous experimenteller Grundhaltung entspricht, ist natürlich auch eine politische Aussage.

          Quelle: F.A.Z.

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