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Filmfestspiele Venedig Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, Manipulation zu hassen

03.09.2004 ·  Ovationen für Marmelade: Eine verstörend reale Science-fiction von Jonathan Demme, griechische Tristesse und eine belgische Eloge auf die Häßlichkeit im Programm des Filmfestivals von Venedig.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Ein Schläfer im Weißen Haus - das ist ganz ernsthaft die Vision von Jonathan Demmes Film "The Manchurian Candidate". Daß es sich bei der Geschichte um das Remake eines Werks mit Frank Sinatra aus dem Jahr 1962 handelt, mag man angesichts der geradezu gespenstischen Aktualität kaum glauben. Es geht um die Kriegsvergangenheit eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten: War er ein Held, oder hat er die höchste Tapferkeitsmedaille nur durch Manipulation erworben? Als dieser Tage ein ganzes Land über John Kerrys Vietnamvergangenheit stritt, war der zugehörige Film schon fertig. Kino kann, wie man sieht, aktueller sein als das Leben.

Demme arbeitet, wie man ihn aus dem "Schweigen der Lämmer" kennt: als Perfektionist der Spannung, der mit hochtechnisiertem Blick Durcheinander und Gewalt des ersten Irakkrieges nachzeichnet. Was damals wirklich in der Wüste mit einer "verlorenen Patrouille" geschah, ist nicht nur den Zuschauern unklar, sondern anfangs auch allen Veteranen.

Glaubhafte Schizophrenie

Die Nachforschungen des Majors De Marco - Denzel Washington gibt ihm eine glaubhafte Schizophrenie zwischen dekoriertem Soldaten und kriegsgeplagtem Psychotiker - laufen auf einen furchtbaren Verdacht hinaus: Statt dem Kampf überlassen zu bleiben, sind die Soldaten allesamt von einer militärischen Forschungsgruppe hirnmanipuliert worden, haben dabei zwei wegen Kunstfehlern "unbrauchbare" Kameraden einfach abgeschlachtet und werden nun mit der Hirnsonde ins zivile Leben entlassen.

Einer von ihnen soll freilich im Sold des innovativen Pharmakonzerns Präsident werden. Meryl Streep macht seine ehrgeizige Mama, einen Musterfall der politischen Ostküstenelite mit elaboriertem Akzent, herrischen Gesten und stupender Künstlichkeit, zur Strippenzieherin des Komplotts mit dem verstümmelten Sohn.

Der Deutsche als guter Forscher

Was 1962 noch pure Science-fiction war - die kybernetische Manipulation des Hirns -, ist heute erheblich näher an der neuromedizinischen Wirklichkeit. Bruno Ganz, der als Deutschsprachiger dankenswerterweise nicht den Doktor Seltsam, sondern den guten Forscher spielen darf, schüttelt über die Implantate den Kopf: "Das ist doch Theorie." Aber ganz sicher ist man sich da nicht.

Der Schläfer im Weißen Haus kommt am Ende selber auf seinen Wurm im Kopf und löscht sich in einem hochspannenden Ende beim Nominierungsparteitag virtuos aus. Daß man auch ohne avancierte Chirurgie einen Politikersohn zum Präsidenten abrichten und danach zum Kriegführen fremdsteuern kann, auf daß Öl- und Waffenindustrie horrende Profite einfahren, diesen Verdacht nährt die amerikanische Wirklichkeit. Sie ist es, die den Film so beklemmend macht.

Optischer Overkill

Demme jedoch arbeitet bei dieser ätzenden Kritik am korrupten Politsystem der Weltmacht mit demselben optischen Overkill, mit derselben sinnverwirrenden Dynamik, die er dann - etwa beim Bildschirmspektakel des Parteitags, beim Krakeelen der News - genial ironisiert. Doch bleibt die Frage, ob ein waschechter Thriller aus Hollywood eine Politmaschine bloßstellen kann, die sich nach den Gesetzen Hollywoods längst ihre eigene Propagandamaschine modelliert hat.

Daß Kino auch ganz alteuropäisch schlurfen kann, wollte wohl der griechische Festivalbeitrag "Delivery" von Nikos Panayotopoulos beweisen. Dessen Minidramen in den großen Fußtapfen von Euripides und Aischylos schildern mit Sorgfalt fürs eklige Detail die Tristesse im Athener Penner- und Drogenmilieu. Dabei gelingen zuweilen Studien von komplett verlebten Gesichtern, verschwitzten Unterhemden, verlausten Kellerwohnungen und vermüllten Ausfallstraßen. Die Akropolis bleibt unsichtbar.

Besser kein griechischer Humor

So also, möchte man direkt nach dem Schluß der Olympischen Spiele sagen, sind die Griechen drauf, wenn sie nicht gedopt sind, und das ist gar nicht erhebend. Doch ist die stummfilmhafte Geschichte eines scheiternden Pizzaboten derart als schiefe Ebene mit blutigem Schluß angelegt, daß es einen schon arg herunterzieht. Die heitere Sonne Attikas, so ließ der Regisseur wissen, zeige selbst diese Humankatastrophen "im Licht des Humors und der Zärtlichkeit". Wenn aber dies der griechische Humor ist, dann möchte man die griechische Traurigkeit lieber nicht kennenlernen.

Völlig anders, nämlich als absurdes, schrilles Interieur, geht ein Meisterwerk aus dem stillen Winkel die existentielle Frage nach Einsamkeit und Lieblosigkeit an: "Confituur" vom Flamen Lieven Debrauwer. Der junge Regisseur arbeitet nur mit alten Darstellern und einem speziell belgischen Gespür für Häßlichkeit, für die Zurückgebliebenheit flämischen Dorflebens, für den sozialen Terror der Familiengemeinschaften bis hin zum stickigen Interieur, das mit Sanseveria-Töpfen und Bakelit irgendwo in den schäbigen Fünfzigern steckengeblieben ist. Man kennt diese süßsaure Provinzmischung aus Filmen wie "Mann beißt Hund" oder "Jedermann berühmt".

Doch die traurige Entfremdung des Schuhmachers Tuur von seiner marmeladenkochenden Gemahlin Emma, terrorisiert von der bettlägerigen Schwester Gerda und mit der alten Prostituierten Josée als flittriger Gegenbiographie, behält allzeit einen fast verliebten Blick auf den Stillstand bis in jede Gesichtsfalte. So erntete dieser mit dem Radetzkymarsch unterlegte Kollaps - der bisher schrägste und gerade darum beste Film des Festivals - lange Ovationen. Der Regisseur bedankte sich mit einem Rezept für belgische Marmelade. Vielleicht sollte er sich für sein nächstes Werk die leckeren Pralinen seiner Heimat zum Thema nehmen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206 / Seite 35
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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