Home
http://www.faz.net/-gs6-nzqg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Filmfestspiele Venedig Die Liebenden des Kinos

01.09.2003 ·  Bernardo Bertoluccis neuer Film „Dreamers“ ist eine der schönsten Liebeserklärungen ans Kino überhaupt, eine Ode an die Jugend und ein Märchen aus dem Pariser Frühling des Jahres 68.

Von Michael Althen, Venedig
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Bernardo Bertoluccis vorletzter Film "Stealing Beauty" erlebte in Cannes ein Debakel, danach kam "Besieged", der es noch nicht einmal mehr in unsere Kinos schaffte, und Bertoluccis neuem Film "Dreamers" eilte ebenfalls ein verheerender Ruf voraus. Konnte es sein, daß der Italiener nach den Oscars für den "Letzten Kaiser" alles verlernt hatte, was den "Letzten Tango", den "Konformisten" oder "1900" zu Meisterwerken gemacht hatte? Oder ist es doch eher so, daß die Leute blind geworden sind für alles, was die Schönheit so eines Alterswerks ausmacht, für jene Abgeklärtheit, die sich paart mit der Bereitschaft, noch einmal alles aufs Spiel zu setzen? "Dreamers" ist jedenfalls eine der schönsten Liebeserklärungen ans Kino überhaupt, eine Ode an die Jugend und ein Märchen aus dem Pariser Frühling des Jahres 68.

Ein junger Amerikaner lernt in der Cinemathèque das Geschwisterpaar Isa und Theo kennen, Filmverrückte wie er, die stets in den ersten Reihen sitzen, um den Bildern so nah wie möglich zu sein. Kino ist ihr Leben, und als Isa gefragt wird, woher sie komme, sagt sie, sie sei 1959 auf den Champs-Elysées geboren worden. Und wer nicht weiß, daß genau dort die Nouvelle Vague begann, begreift es, als Isa beginnt, "New York Herald Tribune!" zu rufen und wie ein Echo Jean Seberg in "Außer Atem" auftaucht, die 1959 dasselbe rief, als sie mit Belmondo über die Champs-Elysées lief.

Direktheit und Demut

Die Art, wie Bertolucci unvermittelt Filmausschnitte in die Erzählung schneidet, ist von so verblüffender Direktheit und von solcher Demut, daß einem wirklich die Augen übergehen vor lauter Glück. Da streicht dann Isa durchs Zimmer und an den Wänden entlang wie einst Greta Garbo, und im nächsten Augenblick sieht man diese in "Königin Christina"; oder Theo beschwört das letzte Bild von "Lichter der Großstadt", und schon taucht Charlie Chaplin auf; oder all drei beschließen, den Rekord von Godards "Außenseiterbande" zu brechen, die es in 9 Minuten 45 Sekunden durch den Louvre geschafft hat, und während die drei an den Gemälden vorbeirasen, laufen synchron ihre Vorbilder durchs Bild. Diese unverstellte Cinephilie findet sich schon in Gilbert Adairs Vorlage, aber in der Verfilmung entwickelt sie eine ganz andere Kraft, weil das Trio tatsächlich mit seiner Traumwelt zu verschmelzen scheint.

Den spielerischen Zugang zum Kino verquickt das Geschwisterpaar mit erotischen Spielereien, in deren Netz sich auch der Amerikaner Matthew verfängt. Wer eine Filmfrage nicht beantworten kann, muß einen Preis zahlen. Als Theo "Blonde Venus" nicht erkennt, muß er auf ein Bild Marlenes aus dem "Blauen Engel" onanieren; und als Matthew "Scarface" nicht schnell genug einfällt, muß er mit Isa schlafen. So verwandelt sich die große elternfreie Wohnung langsam in einen Spielplatz der Begierden, wo alles erlaubt ist, aber nichts wirklich erlebt wird.

Kino, Liebe, Leben

Die Cinephilie ist ein süßes Gift, welches das Leben durchtränkt, aber die Welt ausblendet. Die Geschwister, die Cocteaus schrecklichen Kindern ähneln, haben sich eingesponnen in ein Traumreich, wo sie alle Emotionen in Schach halten können. Doch irgendwann durchschaut Mathew das Spiel und fordert mehr als nur die Nebenrolle. Als die drei in der Wirklichkeit ankommen, kämpfen die Studenten auf den Barrikaden gegen die Polizei. Die Geschwister halten auch das für ein gefährliches Spiel, bei dem sie mitmischen können, doch Matthew wendet sich ab. Damit keiner auf die Idee kommt, Bertolucci würde damit der eigenen revolutionären Vergangenheit den Rücken zukehren, läßt er die Piaf über das Schlußbild singen "Non, je ne regrette rien . . .". Einen schöneren Film über das Dreieck von Kino, Liebe und Leben kann man sich hier am Lido gar nicht vorstellen.

Beim bisherigen Publikums- und Kritikerfavoriten "Goodbye, Dragon Inn" von Tsai Ming-Liang geht es um dieselben Dinge, aber seine Schönheit ist eher theoretischer Natur. In endlosen Einstellungen wohnt man der letzten Vorstellung in einem großen Kino in Taipeh bei. Draußen regnet es in Strömen, drinnen verlieren sich ein paar Zuschauer, die den alten Schwertkämpferfilm "Dragon Inn" ansehen und zum Teil dessen Schauspielern so ähnlich sehen, als wären sie wie Geister von der Leinwand herabgestiegen. Die behinderte Kassiererin geht ihren Verrichtungen nach, der Vorführer versucht ihrer Zuneigung zu entgehen, und die Schwulen suchen auf der Toilette nach Gleichgesinnten.

Die Idee ist bestechend, die Bilder sind wunderschön, aber auch ermüdend langatmig, und nach kurzer Zeit ahnt man, daß die Kamera das Kino nie verlassen wird, sondern diese "Last Picture Show" schweigend bis zu Ende begleiten wird. Der Film gibt zu früh sein Strickmuster preis, kann die Spannung also nicht durchhalten, aber Tsai hat in Venedig für "Vive l'amour" schon einmal einen Goldenen Löwen und in Berlin für "The River" einen Silbernen Bären gewonnen, so daß "Goodbye, Dragon Inn" bis auf weiteres als Favorit gelten darf. Auf einem Filmfestival gibt es ohnehin nichts Schöneres, als wenn dem Kino selbst Kränze geflochten werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2003, Nr. 203 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr