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Filmfestspiele Venedig Die Liebe zu Casanova ist niemals exklusiv

08.09.2005 ·  Der harte Job des Lüstlings: Lasse Halström läßt in seinem beschwingten Film „Casanova“ den Verführer als ironisches Abziehbild seiner selbst durch Venedigs Damenwelt flanieren.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Liebesgeschichten gehen selten harmonisch aus. Für diese Binsenweisheit muß man nicht unbedingt Casanova gelesen haben, doch Lasse Hallström hat es besonders schwer erwischt. Seine Casanova-Verfilmung, bekannte er hingerissen, endete in einer „hoffnungslosen Affäre“ zwischen ihm und Venedig: „Seither träume ich von der Stadt und zähle die Tage, wann ich endlich zurückkehren und die Früchte unserer Arbeit präsentieren kann.“

Der Tag ist jetzt gekommen, denn die Filmfestspiele boten die passende Gelegenheit für ein Wiedersehen - und auch für den ersten Liebesstreit. Die Venezianer, von denen zweitausend als Komparsen mitgewirkt hatten und viele tagelang für Dreharbeiten Häuser, Gassen und Kanäle freiräumen mußten, bekamen das Werk nicht zu sehen. Die erhoffte Freilicht- und Gratisprojektion auf dem Campo San Polo sagte der produzierende Disney-Konzern kühl ab, das gab Ärger. Sogar die Vorführung im Filmpalast am Lido wurde von Nachtsichtgeräten überwacht, damit Raubkopierer keine Chance bekamen. Disney weiß: Eine Liebesgeschichte mit Casanova hat man niemals exklusiv.

Ungenießbarer Genießer

Dabei gehört schon ordentlicher Mut dazu, die Geschichte des großen Verführers überhaupt noch einmal hervorzukramen. Als wollte man Hallström entmutigen, gab es am Lido gleich mehrere Meisterwerke zum Thema zu sehen. Zuvörderst natürlich Fellinis melancholischen Abgesang auf die Wollust, bei der Donald Sutherland in den artifiziellen Kulissen des Ancien regime einen ungenießbaren Genießer gibt. Aber auch halbvergessene Adaptionen zeugten von der Verführungskraft des Stoffes, etwa Riccardo Fredas Mantel-und-Degen-Abenteuer um den „Cavaliere misterioso“ von 1948 mit einem blutjungen Vittorio Gassmann als ausnahmsweise sympathischem Casanova. Sogar ein verschollen geglaubter Frivolstreifen „Die Sünden des Casanova“ (1954) ließ sich rekonstruieren, wobei in dieser Komödie die Parade der Geliebten - allen voran Ursula Andress - das Publikum hinriß.

Rechnet man noch die an Goldonis Volkskomödien orientierten „Jugendjahre Casanovas“ von Luigi Comencini von 1969 hinzu und vergißt nicht den grandiosen deutschen Avantgardebeitrag der Neuen Frankfurter Schule, bei der ein urkomischer Alfred Edel statt aus den Bleikammern aus einem Pappkarton flieht, dann ist das Terrain eigentlich komplett vermessen. Um so größer dann das anfängliche Staunen über die Volte von Hallström (und seiner Drehbuchautoren Hatcher und Simi), den mythischen Liebenden nahezu komplett von seiner Biographie zu lösen und als ironisches Abziehbild seiner selbst durch Venedigs Damenwelt flanieren zu lassen. Denn dieser Casanova wird im Film bereits - ganz anders als in Wirklichkeit - zur Legende zu Lebzeiten.

Bequem verführbare Damenwelt

„Casanova“, tönt es zu Beginn durch die halbe Stadt, „Casanova“, stöhnen Dutzende von Novizinnen über den kargen Flur eines Nonnenklosters, „Casanova“, schmachten sogar die lüsternen Handpuppen des Volkstheaters. Es ist der harte Job des Lüstlings, allnächtlich diesem Ruf gerecht zu werden, und ein etwas überforderter Heath Ledger orientiert ihn denn auch mit geschürzten Lippen und mit erregtem Knurren deutlich am Rollenvorbild von John Malkovichs Valmont aus den „Gefährlichen Liebschaften“. Neben der eher bequem verführbaren Damenwelt der Lagune gibt es einen trotteligen Dogen, der seine Hand über den Verführer hält, sowie die übereifrige Inquisition, die mit ihren Häschern der sinnlichen Lust hinterherhechelt - immer einen Schritt zu spät. Mit diesem Klamauk könnte die Herrlichkeit eines sorgsam auf Rokoko getrimmten Venedig, könnten die computeranimierten Panoramafahrten über Gondeln, Bragozzi und Galeeren ihr schnelles Ende haben. Doch dann fängt die Liebesgeschichte erst an.

Sie erzählt von der ebenso klugen wie spröden Francesca (Sienna Miller), der augenscheinlich einzigen Venezianerin, die Liebe nicht für ein hormonelles Hoch, sondern für wechselseitig geschenktes Lebensglück hält. An einer solch modernen Frau, die selbständig räsonniert und fühlt, nutzt sich der Wiederholungstrieb des Potenzprotzes ab. Nun ist es Casanova, der seiner Francesca mit allen erlernten Künsten den Hof machen muß, damit sie nicht an den monströsen Speckhändler Paprizio (schlichtweg großartig: Oliver Platt) verheiratet wird. In den Maskenspielen, Verwechselungen und Intrigen dieses Wettlaufs läuft auch Hallströms beschwingte Regie zur Hochform auf: Ein Allegro von Bildern beschert amüsierten Ballgästen das Blindekuh-Spiel ihres Lebens.

Die Kirche als Punchingball

Dabei wird der als Kinderei angelegte Film stellenweise so geistreich wie „Shakespeare in Love“ - etwa wenn sich die Liebenden zu einem Flug über das im Karneval beleuchtete Venedig erheben, ist doch die Ballonfahrt das poetischste Symbol für Aufklärung, die den Menschen aus den Fesseln von Unbildung, Herkunft, Religion und Geschlecht löst. Nicht zufällig dient die katholische Kirche - grämlich-pervers verkörpert von Jeremy Irons' Inquisitor - als ideologischer Ballast gegenüber der Freiheit von Kopf und Körper und muß immer wieder als Punchingball der Komödie herhalten, wenn der Elan zu erlahmen droht. Auch hier hält sich das Script blödelnd und doch historisch korrekt an den naturwüchsigen Feind der Illuminierten: die schwarzbefrackten Dunkelmänner, die den Menschen bis heute den Spaß am eigenen Körper nicht gönnen.

Von Casanovas „Memoires“, in denen er sich als ehrpusseliger und etwas pedantischer Freigeist zeigt, sind wir da aber nicht einmal mehr über eine symbolische Kanalbrücke mehr verbunden. Die dichterische Freiheit hat dieser Casanova mit dem so ganz andersartigen von Fellini gemein. Denn gerade die Inquisition, die im Film geheimpolizeilich aufräumt, hatte im lockeren Venedig der Historie kaum etwas zu melden. Gerade der echte Casanova war mitnichten aufmüpfig, sondern verdingte sich als Spitzel der Serenissima. Und er erlebte die Mehrzahl seiner Abenteuer in London, Paris, Preußen und Petersburg und kehrte niemals mehr nach Venedig zurück, wo ihn dieser Film für weitere erotische Herkulestaten absetzt. Doch gerade daß sie nicht die Fakten, sondern den populären Mythos im Stil eines Faschingsscherzes verdichtet und neu erdichtet, hat diese abermalige Verfilmung vor dem übermächtigen Stoff gerettet.

Die sich überschlagenden Volten des Schlusses, bei der plötzlich sogar sechsspännige Kutschen über den Markusplatz brettern können, sollen hier nicht verraten werden. Nur soviel: Während Casanova unwiderruflich in die Kunst der einen, der wirklich großen Liebe eingeweiht wird, wächst in seinem Schatten ein würdiger, in jeder Hinsicht konditionsstarker Ersatzmann heran - bereit, seinen Part für ein Leben zu übernehmen. Aber keine Bange, daß unser Verführer durch die Linse von Hollywood tatsächlich gebändigt wird. Liebesgeschichten enden höchstens im Kino harmonisch, weil sie stets am Anfang aufhören. In der Wirklichkeit, die ja nur eine sublimierte Form der Fiktion ist, führt der unsterbliche Giacomo weiter mächtig Regie.

Quelle: F.A.Z., 08.09.2005, Nr. 209 / Seite 39
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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