08.09.2006 · Auf einem Fimfestival kann ja nicht immer alles glänzen. Das trifft auch auf die letzten drei Wettbewerbsbeiträge in Venedig zu: minutenlange Schüsse, hirnlose Kamerafahrten und stilisierte Langweile auf der Leinwand.
Von Michael Althen, VenedigManchmal können Festivals ganz schön mühsam sein. Wenn all die vagen Versprechungen auf Entdeckung oder Emotion unerfüllt bleiben und alles nur genauso aussieht, wie man es befürchtet hat. Zum Beispiel die drei letzten Wettbewerbsbeiträge am Lido.
„Fangzhu“ (Exiled) von Johnny To: Drei Gangster belauern sich mit Waffe im Anschlag, in einem Nebenraum stillt eine Mutter ihr Kind. Das Belauern dauert minutenlang, dann werden jeder Schuß und jedes Geräusch zelebriert, wie es im asiatischen Gangsterkino Mode ist. Beim Schußwechsel stirbt allerdings keiner, und hinterher zimmern die drei mit Hammer, Nagel und Säge all die Schußlöcher in den Möbeln wieder zu. Das soll lustig sein. Unerklärlich, was die Gangsterklamotte im Wettbewerb zu suchen haben soll.
Mißbrauch eines Kamerakrans
„Ejforija“ (Euphorie) von Ivan Vyrypaev: Ein geistig Zurückgebliebener wird auf ein Motorrad mit Beiwagen gesetzt und rattert durch die Tundra. Dann erhebt sich die Kamera, um zu zeigen, wie er zwischen zwei sich gabelnden Wegen geradeaus ins Gras fährt.
Der junge Regisseur hatte anscheinend zum ersten Mal einen Kamerakran und einen Hubschrauber zur Verfügung und läßt keine Gelegenheit aus, sie auch zu benutzen. Er hat nur vergessen, daß man dafür einen besseren Grund haben muß, als nur dauernd die Schönheit der Landschaft am stillen Don ins Bild zu setzen. Unbegreiflich, was dieses hilflos überstilisierte Liebesdrama im Wettbewerb verloren haben soll.
Stühleklappen gegen Widerborstigkeit
„Quei loro incontri“ von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet: Ein älteres Paar steht mit dem Rücken zur Kamera in der toskanischen Landschaft und deklamiert einen Dialog von Cesare Pavese. Manchmal wechselt die Einstellung, und man sieht sie einzeln, manchmal wenden sie sich sogar leicht zur Seite. Das ist der erste von fünf Dialogen, und er dauert eine knappe Viertelstunde. Das Kino verdankt den Straubs und ihrer Widerborstigkeit eine Menge, aber in einem Wettbewerb verflüchtigt sich jede Provokation ins Stühleklappen derer, die das Kino vor der Zeit verlassen.
Die guten Geister, die Festivalchef Marco Müller zu Beginn des Festivals treu waren, haben ihn fürs erste offenbar verlassen.