31.08.2003 · Die Interessen des Publikums in Venedig sind eindeutig: Es wartet sehnlich auf den global verdaulichen Hollywoodstreifen, singende Ungarn oder apulische Kinder hingegen will es nicht sehen. Und das ist schade.
Von Dirk Schümer, Venedig"Europabol, Europaba", in keiner anderen Sprache als im Ungarischen klänge der Titel dieses Films so wunderschön: "Von Europa, nach Europa". Das ist das Schicksal des gebeutelten Völkchens in der Pußta, und seine Regisseure versuchen dieses Schicksal auf den Filmfestspielen am Lido zu reflektieren.
Doch die Gruppenproduktion kommt beim Publikum kaum an. Istvan Szabo etwa zeigt eine Montage aus Aufmärschen auf dem Budapester Heldenplatz, von den Pfeilkreuzlern und Göring über die Kommunisten bis zum Papst. Am Ende zerhackt ein wütender Archivar die Filmrollen mit der Axt. Für dergleichen kauzigen Humor, wie er den Ungarn eigen ist, hat das internationale Publikum wenig Sinn. Wer will Einwandererkinder ungarische Lieder singen hören? Wer einen schnauzbärtigen Arpaden auf seinem Zossen über die Autobahn zum europäischen Grenzpfahl zockeln sehen? Pfiffe, Buhs, Gähnen. Man wartet sehnlich auf den global verdaulichen Hollywoodstreifen, den es nächste Woche dann auch in Kyritz an der Knatter zu sehen gibt.
Ungarns Charme
Schon der hochmütige Philosoph Hegel hatte den Ungarn den Untergang prophezeit und damit wie mit so ziemlich allem verkehrt gelegen. Es macht den Charme der Ungarn in diesem unübersichtlichen Europa aus, sich um die Ignoranz ihrer Nachbarn nicht viel zu scheren. Europabol, Europaba. Und während draußen ein Schirokkosturm über den Strand fegt und die Badewanne der Adria mal kurz in ein echtes Meer verwandelt, entführt der italienische Regisseur Edoardo Winspeare sein Publikum nach Taranto, in die so ziemlich häßlichste Großstadt Apuliens.
In "Il miracolo" wird ein kleiner Junge nach einem Unfall zu einem Handaufleger und Wunderheiler. Eine Zeitlang glaubt man, der Film sei von der katholischen Kirche gesponsert, aber dann stirbt der Geheilte, das Fernsehen macht für seine Wunder-Reportage einen Rückzieher, die Eltern kriegen kein Geld, und das Leben geht häßlich weiter wie zuvor. Das Wunder wäre gewesen, die Eltern hätten sich um ihr Kind gekümmert, die Fernsehleute sich für Menschen interessiert, die Sterbenden sich mit den Überlebenden versöhnt. In den Augen des kleinen Jungen schien dieses Wunder kurz auf, um dann wieder zu verglimmen.
Schön und traurig
Ein schöner, ein wahrer, ein trauriger Film, dessen Erfolgsgaranten die jungen Akteure waren. Die Kinder, denen man in der Schule Mumpitz beizubringen versucht, die übersehen werden mit ihrer immensen Weisheit und Intuition. Ob aus genialen Darstellern wie dem melancholisch-großäugigen Claudio D'Agostino oder dem halbwüchsigen Pierre Boulanger aus "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" später auch große Schauspieler werden? Wohl nicht. Irgendwann zwischen 13 und 20 wird den Kindern ihre Genialität, ihre Unschuld, ihre Weisheit kaputtgemacht. Dann sind sie in der Regel keine Schauspieler mehr, sondern nur noch Erwachsene.
Draußen vor dem Kinozelt wächst die Schlange für "Der menschliche Makel" - einen Film voller Erwachsener nach einem schlechten Roman von Philip Roth über einen Schwarzen, der in Amerika als Weißer durchs Leben geht. Das wollen natürlich alle lieber sehen als singende Ungarn oder apulische Kinder. Aber ein Schwarzer, der aussieht wie ein Weißer, ist gar kein Schwarzer. Das hätte sogar Hegel begriffen. Draußen tobt die Adria. Das ist ein erhabenerer Anblick als alles Kino dieser Welt.