Home
http://www.faz.net/-gs6-o0ec
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Filmfestspiele Venedig Der Weise mit dem Wagenheber

28.08.2003 ·  „American Pie“-Star Jason Biggs als Sohn des Stadtneurotikers, Christina Ricci als widerliches all-american girl: Woody Allens neue Komödie „Anything Else“ eröffnet die sechzigsten Filmfestspiele in Venedig.

Von Dirk Schümer, Venedig
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

So ein Filmfestival ist wie alles andere im Leben auch: interessant, chaotisch und ohne sonderlichen Sinn. Ihn herbeizureden gibt es den Direktor. Moritz de Hadeln indes hat es sich mit den Verantwortlichen in Venedig so gründlich verdorben, daß bei seinem dritten Auftritt am Lido das Tischtuch beinahe zerschnitten scheint. Keine gute Infrastruktur, nicht genug Geld, zugige Zelte als Vorführstätten und vor allem: keinerlei Bewegung. So nörgelte der Direktor, verwöhnt von zwanzig fetten Jahren als Chef der Berlinale, von Anfang an. Und auch er mußte lernen, daß die gluckernde Lagune Initiativen und Projekte schluckt wie früher Verräter und Staatsfeinde.

Venedigs Bürgermeister Paolo Costa, immerhin im mächtigen Aufsichtsrat des Filmfestivals, konterte de Hadelns öffentliche Klagen mit einem ebenso öffentlichen Machtwort. Wer neue Vorführsäle auf dem Gelände des Lido-Flughafens, Kinoabende am Strand und billigere Herbergen wünsche, der brauche eben Geduld: "Niemand soll das Unmögliche verlangen." Und so geschieht leider das Mögliche: Man beklagt sich im heißen Sommer dieses Mißvergnügens weiter fleißig übereinander, über die Unzulänglichkeiten der Gegenwart und über die Unmöglichkeit einer Zukunft.

Gute Geschäftskontakte

Was Venedig indes vorzuweisen hat - einen wunderbaren Ort, an den Kleine und Große aus dem Filmbusiness immer gerne kommen, und auch in diesem Jahr wieder vielversprechende Filme -, könnte man da glatt übersehen. De Hadeln, nach dem unnötigen Rauswurf seines Vorgängers Alberto Barbera als Übergangslösung gekommen, versammelt mit guten Geschäftskontakten immer noch Regisseure vom Kaliber eines Manoel de Oliveira, Peter Greenaway, James Ivory, Ridley Scott, Joel Coen, Lars von Trier und Bernardo Bertolucci. Doch anstatt erst einmal hinzuschauen, klagen die italienischen Medien ihrerseits über den fremdelnden Ausländer de Hadeln, die mangelnde Kontinuität an der Festivalspitze in den letzten zwanzig Jahren und den daraus resultierenden Rückstand zu Cannes und Berlin. So ein Filmfestival, möchte man antworten, ist nun einmal unvollkommen wie alles andere im Leben auch. Und dann geht es einfach los.

Während er sonst nur privat nach Venedig kommt, wo man ihn dann zuweilen ganz intim mit Gemahlin und Leibwächtern durch die engen Gassen der Giudecca schlendern sieht, hat sich Woody Allen diesmal entschlossen, sein neues Werk leibhaftig am Lido zu präsentieren. "Anything Else" ist ein Film geworden wie alle anderen seiner Komödien auch. Das ist gut so. Die fremden Vettern aus dem alten Amerika, die da gesenkten Hauptes durch die Wohnstraßen New Yorks stapfen, die in ihren Wohnküchen Fast food mampfen und Mühe haben, vollständige Sätze zu stammeln - sie gehören längst zur Globalfamilie. Sie sind wie meschuggene Verwandte, die Gott sei Dank weit entfernt wohnen, die man aber zu den Festen immer wieder gerne trifft.

Stadtneurotikers Sohn

Seine Ticks hat Allen diesmal dem jungen Witzeschreiber Jerry Falk (wie ein leiblicher Sohn des Stadtneurotikers: Jason Biggs) auf den sportlichen Leib geschrieben. Der begabte Junge hat, wie er einmal sagt, mehr Probleme, als er durch einfachen Suizid lösen könnte: Seine Liebste entpuppt sich als anorektisches Luder, das seine beachtliche sexuelle Phantasie mit so ziemlich jedem Mann ausleben kann, nur nicht mit ihm. Christina Ricci gibt ein derart perfekt widerliches all-american girl, daß man über jeden Tropfen Wasser im Atlantik froh ist, der einen von ihr trennt. Als wäre diese Liebesplage nicht genug, hat Falk obendrein die versoffene Mutter seiner Liebsten am Hals, die bei ihm campiert und nachts um zwei am Klavier miserable Revuenummern einstudiert. Dazu kommen noch ein schmieriger Manager (Danny de Vito), der ihn ausbeutet, und ein erratischer Analytiker, der zu all seinen Problemen schweigt wie Gott, und die Lebenskatastrophe des Jerry Falk ist ziemlich exakt umrissen.

Allens alte Geschichte vom Mann, der nicht nein sagen kann und sich selbst vor lauter narzißtischen Neurosen nicht liebt, erhält in "Anything Else" ihr Gewicht durch den Meister selbst. Der wandert mit dem Verzweifelten Jerry durch den Central Park und kommentiert die zahlreichen Fehler im Denken und Verhalten des Jüngeren. Glaube nur an dich! Die anderen wollen dich bloß ausnutzen! Du mußt dein Leben ändern! Der Regisseur inszeniert hier das bekannte peripatetische Rollenspiel zwischen dem lebenssatten, aber weisen Lehrer und dem lebensgierigen, aber naiven Schüler - ausgerechnet der Hektiker Allen als milchäugiger Buddha, als platonisch verliebter Sokrates, als chassidischer Rabbi. Als Pointenschreiber im Nebenberuf wird dieser mysteriöse Lehrer Dobel auch optisch zum ruhenden Pol. Er formuliert druckreif krude Verschwörungstheorien über die Antisemiten, fordert seinen Zögling zum Waffenerwerb heraus und befreit ihn am Ende tatsächlich aus seinen selbstgewählten Fesseln. Doch soviel er auch redet, der altersweise Woody Allen bleibt letztlich eine Statue, ein steinerner Gast.

Dobels Ratschläge sind zumeist bloße Platitüden. Dieser Wiederkäuer der Kontingenz faßt nur das Offensichtliche in Worte, das alle Zuschauer dem Helden der Commedia in jeder Situation schon hätten zurufen mögen: Laß ab! Die Pointe der Geschichte besteht darin, daß sich der schmächtige Weise als übler Choleriker entpuppt, der überraschend das Auto zweier Schlägertypen mit einem Wagenheber demoliert. Frühere Gewaltexzesse gegen seine böse Umwelt erwähnt er ganz nebenbei; schließlich muß er als Mörder untertauchen. Schon daß dieses jüdische Daueropfer in einem roten Porsche-Oldtimer durch Manhattan cruist, hätte uns mißtrauisch machen müssen: Der Philosoph ist ein Irrer, der Helfer braucht selber Hilfe. Für Jerry Falk, der wie in jeder guten amerikanischen Story seine Probleme löst, indem er gen Westen (vulgo: Hollywood) aufbricht, tut das nichts mehr zur Sache. Seine schwierigen Fragen sind mit einer einfachen Antwort gelöst worden. So ist das Kino. Wie alles andere im Leben auch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2003, Nr. 199 / Seite 31
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr