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Filmfestspiele Venedig Der Omar Sharif in uns allen

29.08.2003 ·  Der Orient nimmt im Kino unaufhaltsam den Platz ein, den einst der Kommunismus besetzte - das bedrohliche, aber verwandt andere des Westens. Filme von Hana Makhmalbaf, Dervis Zaim und François Dupeyron in Venedig.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Das Kino wirkt wie eine sehr gegenwärtige, industrielle Kunst, aber Kino kann auch arg mittelalterlich sein. So hat in Iran der Regisseur Mohsen Makhmalbaf eine Filmschule gegründet, auf der er wie ein alter Handwerksmeister die eigenen Kinder von der Pike auf ins erbliche Gewerbe einführt. Nun stellt der bislang jüngste Sproß, die gerade fünfzehnjährige Hana Makhmalbaf, "Lezate Divanegi" (Die Freude des Irrsinns) vor, ihren ersten Spielfilm. Er handelt von den Vorbereitungen ihrer Schwester Samira für Dreharbeiten in Kabul; die Kamera führte ein kleinerer Bruder, und auch der Papa tritt in einer Nebenszene auf. Der Regisseurin selbst wurde am Mittwoch abend in Venedig der Zutritt zur Vorführung ihres eigenen Werks verwehrt, weil sie noch minderjährig ist. Zur Kindervorführung am Mittag danach marschierte sie dann routiniert in den Saal.

Das Unangenehme an "Lezate Divanegi" ist nicht der holprige Kamerastil, die Abfilmerei von Uninteressantem; das ist bei einem Kind nicht anders zu erwarten. Höchst ärgerlich dagegen ist zum einen, daß Papa Makhmalbaf sich nicht scheut, dergleichen Hausaufgaben international zu präsentieren. Und noch störender ist die Künstler-Arroganz, mit der das Familienunternehmen Makhmalbaf in das frisch befreite Afghanistan einfällt, um die verängstigten Bewohner der Slums von Kabul vor ihre Heimkamera zu zerren. Mit einem Fanatismus und Hochmut, wie sich das kein westlicher Regisseur trauen würde, werden hier ahnungslose Komparsen als Zurückgebliebene gedemütigt. Der Mullah, der das Geld braucht, aber Angst vor seinem Abbild hat; die Frau in der Burka, die offenbar die Rache ihres Ehemanns fürchtet; der Obdachlose, dessen unterernährtes Baby beinahe vor der Kamera stirbt - sie alle haben andere Probleme, als in einem Taliban-Aufrüttelungsfilm nach den Regeln von "Versteckte Kamera" aufzutreten.

Bilder als Obsession

Kino - gerade kein Medium des nachrichtlich Aktuellen - ist stärker, wenn der Krieg vorbei ist und seine Bilder zur Obsession werden. In Zypern, unserem baldigen Europapartner, liegen die Massaker immerhin 29 Jahre zurück. Die Opfer kommen als Skelette erst ganz am Ende von Dervis Zaims Film "Camur" (Schlamm) ans Tageslicht. Davor erleben wir den Stumpfsinn und die Verlogenheit im türkischen Phantomstaat im Norden der Insel: Militärpatrouillen, Kasernendrill, verlassene Strände, öde Häuser.

Das Ganze atmet mit sublim leeren Totalen, sinnlosen Dialogen, einem schweigenden Hauptdarsteller und dumpfer Gewalt die Absurdität sowjetischer Filmkomödien kurz vor dem Untergang des Imperiums. Die verschanzten Türken treffen sich immer wieder in einem sumpfigen Feld, reiben sich mit dem Heilschlamm die kriegsverstümmelten Glieder ein, bewachen ihn mit Turm und Stacheldraht, graben antike Skulpturen daraus hervor. Dieser obskure Schlamm ist die Historie, in der ihre Gesellschaft feststeckt. Und die Plastikskulpturen, welche die Menschen im Meer versenken, mit dem Auto herumfahren, in ihren Wohnungen aufbauen - das sind die griechischen Mitbürger, die sie vertrieben haben und ohne die sie doch nicht leben können.

Orient statt Kommunismus

Der Orient vor der Haustür: Mit aufrüttelnden, anklagenden, orakelnden oder einfach nur rätselhaft schönen Filmen nimmt er langsam, aber unaufhaltsam den Platz ein, den bis vor ein paar Jahren der inzwischen historisch einigermaßen verdaute Kommunismus besetzte - das bedrohliche, aber doch so verwandt andere des Westens. Festivaldirektor Moritz de Hadeln hob eigens hervor, daß mit Omar Sharif gestern abend ein Muslim mit einem Goldenen Löwen geehrt wurde - besondere Mahnung in diesen dunklen Jahren des Zivilisations-Clashs. Korrekt, aber auch traurig, daß dies eigens einer Erwähnung bedarf.

Der alte, immer schöner gewordene Sharif spielt in François Dupeyrons Film "Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran" die dankbare Rolle eines türkischen Gemüsehändlers, der einem verlassenen jüdischen Jungen im Paris der sechziger Jahre Lebensmut und Weisheit beibringt. Der Part wurde dem Weltstar nicht auf den Leib geschrieben, handelt es sich doch um die Adaption des Romanbestsellers von Eric-Emmanuel Schmitt. Aber es ist, als hätte Monsieur Ibrahim auf Sharif gewartet.

Lächelnder Lückenfüller

Dupeyrons Märchen streift mit seinen großherzigen Huren, seiner Hinterhofromantik, seinen Badehäusern und seiner bittersüßen Familiengeschichte heftig alle Klischees; das war bereits Bedingung für den Erfolg des Buches. Doch immer, wenn der struppelbärtige Ibrahim an seiner Ladenkasse hockend ins Bild kommt, dann füllt dieser große Schauspieler die Lücken im Skript durch ein Lächeln, den relativierenden Schwung einer Hand, ein melancholisches Schulterzucken. Die Geschichte eines Lächelns habe er erzählen wollen, faßt der Regisseur François Dupeyron sein Projekt bündig zusammen. Das ist ihm gelungen.

Es bedurfte mit Pierre Boulanger eines halben Kindes in der anderen Hauptrolle, um Omar Sharif überzeugend Paroli zu bieten. Die "Blumen des Korans", von denen unser Gemüsehändler dem Jungen so ausdauernd erzählt, sind freilich keine Stilblüten. Dieser Mystiker des harten Pariser Alltags, dieser Kleingeldphilosoph, der am Ende in seiner kilikischen Heimat mit kinogerechtem Pathos abtreten darf, hat den Koran wohl so gut wie nie gelesen. Er hat Blumen darin gepreßt. Und weil solche Bilder einleuchtender und schöner sind als Worte, weil Menschen wie Omar Sharif Traktate durch Blicke ersetzen können, ist der Film über den Orient in uns allen - letztlich handelt er von einem wenig bekannten, verinnerlichten, toleranten Islam - besser geworden als das Buch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2003, Nr. 201 / Seite 33
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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