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Filmfestspiele Venedig Das schwarze Herz von Los Angeles

30.08.2006 ·  Die Filmfestspiele von Venedig eröffnen mit einem Coup: Brian De Palmas verzwicktes Meisterwerk „Black Dahlia“ ist ein Glücksfall, der für das Restfestival zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.

Von Michael Althen, Venedig
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Wenn es losgeht, dann ist alles Vorfreude, Erwartung, Verheißung. All die Namen und Titel des Programms fügen sich zu imaginierten Filmen, von denen man stets das Beste erhofft, auch wenn man weiß, daß sich hinterher manches Versprechen in Enttäuschung verflüchtigt. Aber zumindest in dem, was man Papierform nennt, ist Venedig dieses Jahr so groß, daß man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Im Wettbewerb gibt es einen neuen Film von Alain Resnais, wieder mit seinen Stammschauspielern André Dussollier, Sabine Azéma und Pierre Arditi, dann „The Fountain“ von „Pi“-Regisseur Darren Aronofsky mit Hugh Jackman und Rachel Weisz. Und Stephen Frears' „The Queen“ mit Helen Mirren in der Titelrolle. Und Paul Verhoevens „Black Book“, seinen ersten Film seit sechs Jahren. Dazu Benoît Jacquot, Tsai Ming-liang, Johnnie To und vor allem den unaussprechlichen Thailänder Apichatpong Weerasethakul, der nach „Blissfully Yours“ und „Tropical Malady“ zu den ganz großen Namen des Weltkinos zählt.

Vertraute Gesichter auf der Leinwand

Außer Konkurrenz laufen David Lynchs lang erwarteter „Inland Empire“, Oliver Stones „World Trade Center“, Filme von Manoel de Oliveira und Pavel Lungin und Neil LaButes „Wicker Man“ mit Nicolas Cage und Ellen Burstyn. In der Nebenreihe gibt es Spike Lees über vierstündige New-Orleans-Dokumentation „When the Levees Broke“ (Spike Lees Dokumentarfilm über den Hurrikan „Katrina“), Doug McGrath' Capote-Film „Infamous“ und einen neuen Film von Alain Robbe-Grillet. Edgar Reitz blickt mit „Heimat - Fragmente“ zurück auf sein großes Epos. In weiteren Filmen treten auf: Sharon Stone, Meryl Streep, Isabelle Huppert, Juliette Binoche, Julianne Moore, Charlotte Gainsbourg, Diane Lane, Anthony Hopkins, Clive Owen, Michael Caine, Jeremy Irons - manchmal freut man sich auf einem Festival einfach nur, vertraute Gesichter auf der Leinwand zu sehen.

Brian De Palmas Meisterwerk „Black Dahlia“ eröffnet Venedig

Der größte Knaller ist aber der Eröffnungsfilm: „The Black Dahlia“ von Brian De Palma, einem der großen verkannten Poeten des amerikanischen Kinos. Seit fast zwanzig Jahren warten Fans von James Ellroy auf die Verfilmung seines Romans, der um einen berühmten ungelösten Mordfall aus dem Jahr 1947 gestrickt ist. Selbst nach dem Erfolg der Verfilmung seines „L.A.Confidential“ dauerte es noch mal fast zehn Jahre, bis De Palma auch mit deutschen Fondsmitteln den Film in Bulgarien drehen konnte. Nun ist er endlich in der Welt und eröffnet Venedig: ein verzwicktes Meisterwerk und so oder so ein Coup für Festival-Chef Marco Müller.

Unfaßbare Brutalität

„The Black Dahlia“ erzählt von zwei Cops des Los Angeles Police Department (Josh Hartnett und Aaron Eckhart), die den brutalen Mord an der zweiundzwanzigjährigen Elizabeth Short untersuchen, deren verstümmelte Leiche auf einem leeren Grundstück Ecke 39th und Norton gefunden wurde. Wegen ihrer Haare und einer Vorliebe für schwarze Kleider wurde sie von der Presse „schwarze Dahlie“ getauft, und der Fall beschäftigte die Phantasie auch deshalb so dauerhaft, weil die unfaßbare Brutalität der Tat in Kontrast gesetzt wurde zur vermuteten Unschuld eines Mädchens, das wie so viele andere ihren Träumen nach Hollywood gefolgt war, um sich dort einen Namen zu machen.

Ellroy, dessen eigene Mutter ebenfalls von einem Unbekannten ermordet worden war, hat um das Opfer herum eine Geschichte entworfen, die direkt ins schwarze Herz Hollywoods führt, zum Stummfilm-Mogul Mack Sennett und den Grundstücksspekulanten, denen die Stadt letztlich die weltberühmten Lettern auf den Hügeln verdankt. Brian De Palma hat das aufgegriffen und eine Art Kompendium des Film Noir inszeniert, in dem es wie in seinem eigenen Werk von Doppelgängern nur so wimmelt.

Lügen, Träume und Gewalt

Wie in Premingers „Laura“ fühlen sich seine beiden Helden zum Bild einer Toten hingezogen, deren Tod zu versinnbildlichen scheint, was in der Stadt der Engel faul ist. In diesem Netzwerk aus Lügen, Träumen und Gewalt gibt es die zwei Helden, die genauso unterschiedlich sind wie die beiden Frauen, die blonde Scarlett Johansson, die zwischen den beiden steht, und die schwarze Hilary Swank, die ein verwöhntes Gör aus reichem Hause mit einem Hang zu billigen Vergnügungen ist. Im Zentrum des Ganzen, das zuerst nicht leicht auszumachen ist, steht aber die Tote, und De Palma hat eine geniale Einstellung gefunden, mit der er den Leichenfund in Etappen inszeniert.

Da blickt die Kamera über einen Dachfirst, wo in der Ferne noch unidentifizierbar die Leiche im Gras liegt, von einer Passantin entdeckt wird, die schreiend nach Hilfe sucht, von der Kamera aber aus den Augen verloren wird, weil sie hinabschwenkt zu den beiden Cops, die im Wagen sitzen und erst noch in eine Schießerei verwickelt werden, ehe der Film sich endlich der Toten widmet. Diese Verzögerung, mit der Elizabeth Short ins Zentrum rückt, ist sicher die ungewöhnlichste Leichenfundsequenz des Kinos und die spektakulärste Szene des Films, weil sie auf so elegante Weise das Ereignis einbettet in die Landschaft und das Geschehen im Los Angeles des Jahres 1947.

Verglichen damit hält sich De Palma, der sonst keine Gelegenheit ausläßt, Gewalt so lange zu zerdehnen, bis sie zur fast abstrakten Bewegung wird, auffallend zurück, wie aus Respekt für die Tote. Und so sind die bewegendsten Bilder die Probeaufnahmen von Elizabeth Short, die sie für fragwürdige Produktionen gemacht haben soll, von Mia Kirshner anrührend gespielt: ein unsicheres Mädchen, das um jeden Preis gefallen will, eine Naive, die Abgebrühtheit vortäuschen will, die traurigste Geschichte von allen. Für Venedig ein Glücksfall, der für das Restfestival zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.

Quelle: F.A.Z., 30.08.2006, Nr. 201 / Seite 35
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