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Filmfestspiele Venedig 2005 Mit den Schafen kamen die Tränen

12.09.2005 ·  Es liegt nicht am Festivaldirektor, daß bei den Filmfestspielen von Venedig kein italienischer Beitrag ausgezeichnet wurde. Und es spricht nicht gegen den Film, daß Ang Lees „Brokeback Mountain“ den Goldenen Löwen gewonnen hat.

Von Michael Althen
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Bevor das Festival begann, forderte die italienische Presse lautstark, jetzt müsse endlich mal wieder ein einheimischer Sieger her. Seit Gianni Amelio 1998 mit „Cosi ridevano“ den Goldenen Löwen gewonnen hat, sind die Italiener leer ausgegangen. Es wurde so getan, als hinge die Zukunft des Festivalchefs Marco Müller bereits in seinem zweiten Jahr davon ab, daß der Löwe endlich mal wieder im eigenen Lande bleibt.

An Müller hat es jedenfalls nicht gelegen, daß erneut nichts daraus wurde. Mit Dante Ferretti hat er einen Italiener zum Jurypräsidenten gekürt und außerdem die drei italienischen Wettbewerbsbeiträge ans Festivalende gelegt, auf daß sie der Jury bei der Abstimmung noch frisch im Gedächtnis seien. Herausgekommen ist lediglich ein Schauspielerpreis für Giovanna Mezzogiorno in Cristina Commencinis „La bestia nel cuore“ - und auch das offenbar nur, weil man Isabelle Hupperts Leistung in Patrice Chereaus „Gabrielle“ zu einem Spezialpreis fürs Lebenswerk hochlobte. Daß der Amerikaner Abel Ferrara, der für „Mary“ den Spezialpreis der Jury bekam, mit überwiegend italienischen Geld im Rom gedreht hat, wird die Italiener kaum trösten.

Durch die Jury ging ein Riß

Schadenfreude ist ohnehin nicht angebracht - schließlich nutzen Cannes und Berlin ihre Festivals ebenfalls als Schaufenster für einheimische Produktionen. Beunruhigend ist nur der Gedanke, daß die ausländischen Journalisten auf der Berlinale mit derselben Mischung aus Schulterzucken und Augenverdrehen auf die deutschen Beiträge schauen, während sich die heimische Presse in jener patriotischen Begeisterung übt, welche die Italiener an jedem ihrer Filme vorexerzieren.

Man merkt den Preisen von Venedig an, daß ein Riß durch die Jury gegangen sein muß. Auf der einen Seite die Befürworter der in ihrem Engagement mehrheitsfähigen amerikanischen Filme von George Clooney und Ang Lee, auf der anderen die Anhänger von ewigen Außenseitern, die den Publikumserwartungen nie Zugeständnisse machen würden, wie Philippe Garrel und Abel Ferrara. Die erste Fraktion hat sich durchgesetzt, weil der Hauptpreis an Ang Lees „Brokeback Mountain“ ging sowie Drehbuch- und Schauspielerpreis an Clooneys „Good Night, And Good Luck“. Aber auch die anderen müssen sich nicht beklagen: Großer Jurypreis für Ferrara sowie Regie und Kamera an Garrels „Les amants reguliers“. Die Verlierer waren demnach neben den Italienern der hoch gehandelte Patrice Chereau, die Asiaten mit dem von allerlei Jugendjurys bevorzugten koreanischen „Sympathy for Lady Vengeance“ sowie die heiß erwartete Le-Carré-Verfilmung „The Constant Gardener“, die der Brasilianer Fernando Meirelles seinem vierfachen Oscar-Anwärter „City of God“ folgen ließ.

Bittere Wahrheiten

Man mußte kein Fan von „Cidade de Deus“ sein, um zu erkennen, daß hier ein ungewöhnlich frischer Blick am Werk war, der allein schon durch seinen Umgang mit den Farben für Aufsehen sorgte. Von ihm erhoffte man sich, daß er Schwung in Le Carrés etwas behäbigen, gleichwohl bewegenden Afrika-Roman „Der ewige Gärtner“ bringen würde, aber gerade dieser Versuch wurde von den meisten als Betroffenheitskitsch abgetan. Dabei gelingt es Meirelles durchaus, die komplizierten Verwicklungen der Vorlage zu entwirren und sich ganz auf die Geschichte einer verpaßten Ehe zu konzentrieren.

Es beginnt mit dem Mord an der Frau (Rachel Weisz) eines britischen Diplomaten (Ralph Fiennes) in Kenia. Alle verdächtigen den afrikanischen Arzt, mit dem sie im Jeep auf Safari unterwegs war und der verschwunden ist. Aber dann entdeckt ihr Mann Hinweise darauf, daß ihr Engagement, das ihm immer etwas peinlich war, einem medizinischen Skandal gegolten hat, dem sie auf der Spur war. Und so macht er sich allen unmißverständlichen Warnungen seiner Vorgesetzten zum Trotz selbst daran, das investigative Werk seiner Frau zu vollenden. So entsteht nach und nach eine Liebesgeschichte, die vollendet, was in der jungen Ehe nur ein Versprechen gewesen war. Das mag man kitschig nennen, aber Le Carrés Geschichte handelt von einigen bitteren Wahrheiten, die auch dadurch nicht an Gewicht verlieren, daß sie an Emotionen geknüpft sind - genausowenig wie bei Ang Lee.

Nichts gegen Ang Lee

Dessen „Brokeback Mountain“ ist ein schwules Western-Melodram, das einige Motive aus seinem bisherigen Werk vereint - nicht immer zu seinem Vorteil, aber doch geschickt genug, daß niemand auf die Idee kommt, Lee würde sich wiederholen. Das schwule Paar, das seine Neigung verleugnen muß, gab es schon in „Das Hochzeitsbankett“, das Überleben in rauher Landschaft in „Ride With the Devil“, die Explosion der Emotionen zum Finale in „Sinn und Sinnlichkeit“ und den fast karikierend scharfen Blick auf gesellschaftliche Konventionen in „Der Eissturm“.

Aber wo das Vergehen der Zeit, wenn Heath Ledger und Jake Gyllenhaal Monate beim Schafehüten in den Bergen von Wyoming verbringen, einen fast betörenden Rhythmus erzeugt, da ist ihr Leben in der Selbstverleugnung, wenn sie gegen ihre Neigungen heiraten und ihre Ehen vollziehen und führen müssen, auf manchmal lähmende Weise vorhersehbar und überzeichnet, ehe sich der Film zu seinem ergreifenden Schluß emporschwingt. Trotzdem spricht es nicht immer gegen einen Film, wenn sich eine Jury auf ihn einigen kann.

Die Preisträger

Goldener Löwe für den besten Film:
„Brokeback Mountain“ von Ang Lee

Silberner Löwe für die beste Regie:
„Les Amants reguliers“ von Philippe Garrel

Spezialpreis der Jury:
„Mary“ von Abel Ferrara

Bester Schauspieler:
David Strathairn in „Good Night, and Good Luck“ von George Clooney

Beste Schauspielerin:
Giovanna Mezzogiorno in „La bestia nel cuore“ von Cristina Comencini

Hervorragende technische Einzelleistung:
William Lubtchansky für die Kamera in „Les amants reguliers“ von Philippe Garrel

Bestes Drehbuch:
George Clooney und Grant Heslov für „Good Night, and Good Luck“ von George Clooney

Beste schauspielerische Nachwuchsleistung:
Menothy Cesar in „Vers le sud“ von Laurent Cantet

Sonderlöwe fürs Gesamtwerk:
Isabelle Huppert

Orrizonte-Preis:
„East of Paradise“ von Lech Kowalski

Orrizonte-Dokumentarfilmpreis:
„Pervye na lune“ (Der Erste auf dem Mond) von Aleksey Fedortchenko

Bester Debütfilm:
„13“ (Tzameti) von Gela Babluani

Quelle: F.A.Z., 12.09.2005, Nr. 212 / Seite 37
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