13.09.2009 · Der dritte Preis beim dritten Festival für seinen dritten Film: Der Hamburger Regisseur Fatih Akin ist in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet worden. Auch für die deutsche Filmförderung waren die Filmfestspiele ein beachtlicher Erfolg.
Von Michael AlthenEs wird ja gerne an der deutschen Filmförderung herumgemäkelt, womöglich auch nicht immer zu Unrecht, aber hier am Lido feierte sie am Samstagabend einen beachtlichen Erfolg: Alle drei Hauptpreisträger sind mit deutschen Geldern gefördert und von deutschen Firmen wenigstens koproduziert worden.
An „Lebanon“ von Samuel Maoz, der den Goldenen Löwen gewann, waren die Kölner Produktionsfirma Ariel Films und die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen beteiligt; „Women Without Men“, für den Shirin Neshat den Regiepreis bekam, wurde von der Berliner Firma Essential Filmproduktion produziert, mit Unterstützung des Medienboards Berlin-Brandenburg, der Filmstiftung NRW, dem Deutschen Filmförderfonds und der Filmförderungsanstalt; Fatih Akins „Soul Kitchen“, den die Jury mit dem Spezialpreis auszeichnete, wurde ebenfalls von fünf deutschen Fördertöpfen unterstützt; und auch in „Lourdes“ von Jessica Hausner, der einige Nebenpreise gewann, steckt Geld des Medienboards und der Filmstiftung.
Und was hat das deutsche Kino nun davon, wenn ein Israeli, eine Iranerin und eine Österreicherin Preise gewinnen? Natürlich könnte man antworten, wenig, weil Regisseure ihr Geld eben nehmen, wo sie es kriegen können, um ihre Träume zu verwirklichen. Doch Tatsache ist, dass diese Art von Vernetzung von deutschen Produktionsfirmen und Fördergeldern mit dem Welt- oder Festivalkino sich auszahlt durch Knowhow und Kontakte und den Umstand, dass dieses Land dem Kino auch ein Zuhause ist - das war ja nicht immer so. Und dass Fatih Akin - nach dem Goldenen Bären für „Gegen die Wand“ und dem Drehbuchpreis für „Auf der anderen Seite“ in Cannes - mit dem dritten Film in Folge nun auch noch auf dem dritten großen Festival einen Hauptpreis gewinnt, ist selbst dann, wenn man die Entscheidung nicht unbedingt nachvollziehen kann, doch ziemlich spektakulär. Vielleicht wurde seine turbulente Liebeserklärung an Hamburg von der Jury unter Ang Lee auch deswegen ausgezeichnet, weil sie als so ziemlich einziger Wettbewerbsbeitrag gute Laune machte.
Die Jury wollte das offenbar nicht sehen.
Ganz generell kann man sagen, dass sich die Jury mit ihren Preisen ansonsten für Filme entschieden hat, die ihre politischen Aussagen in eine sehr geschlossene Form gepackt haben - die Panzerenge in „Lebanon“ und das allegorische Frauenleid in „Women Without Men“ -, und dafür Filme wie „White Material“ von Claire Denis oder „Lola“ von Brillante Mendoza, die für ihre komplexere Weltsicht offenere Formen wählen, übergangen hat. Vor allem Mendozas Beitrag, der in letzter Minuten als Überraschungsfilm in den Wettbewerb stieß, überzeugte durch die Eindringlichkeit, mit der er zwei alten Frauen auf ihrem Weg durch die Slums von Manila folgt, während sie versuchen, die Folgen eines Mordfalles auf ihre Art zu bewältigen. Die eine ist Großmutter des Opfers, die andere des Mörders, die eine braucht Geld für die Bestattung, die andere dafür, ihren Enkel von der Schuld freizukaufen. Trauerarbeit wird hier ganz pragmatisch in Angriff genommen, und in keinem anderen Film bekam man so beiläufig einen so tiefen Einblick in eine fremde Welt - aber die Jury wollte das offenbar nicht sehen.
Für die traumschöne Christopher-Isherwood-Verfilmung des Modemachers Tom Ford gab es immerhin einen Darstellerpreis für Colin Firth, der uns die schönste Szene des Festivals bescherte. „Come on, old man“, ruft Julianne Moore - und dann tanzen sie zu „Green Onions“, als gebe es kein Morgen.
Die Preisträger der 66. Filmfestspiele von Venedig
Goldener Löwe für den besten Film: „Libanon“ von Samuel Maoz
Silberner Löwe für die beste Regie: „Women Without Men“ von Shirin Neshat
Spezialpreis der Jury: „Soul Kitchen“ von Fatih Akin
„Coppa Volpi“ für den besten Schauspieler: Colin Firth in „A Single Man“ von Tom Ford
„Coppa Volpi“ für die beste Schauspielerin: Ksenia Rappoport in „La doppia ora“ von Giuseppe Capotondi
Marcello-Mastroianni-Preis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung: Jasmine Trinca in „Il grande sogno“ von Michele Placido