16.05.2011 · In vier Jahrzehnten hat er nur fünf Filme gedreht. Jetzt hatte Terrence Malicks lang erwartetes Projekt „The Tree of Life“ Premiere in Cannes. Erzählt wird eine Familientragödie aus Texas, durchzogen von der Geschichte des Alls - eine überwältigende Kinoerfahrung.
Von Verena Lueken, CannesDer Drehbuchautor William Goldman, der vor mehr als dreißig Jahren als Juror in Cannes war und darüber ein Buch geschrieben hat, vertritt darin die These, es gebe nur drei Arten von Filmen. Solche, die gut werden sollten und es wurden. Solche, die gut werden sollten und es nicht wurden. Und solche, denen es von Beginn an um etwas anderes ging. In Cannes, schrieb er mit Ehrfurcht und Erstaunen, liefen ausschließlich Filme der ersten beiden Kategorien.
Wie alle Regeln ist auch diese nur zum Teil wahr. Doch der Ehrgeiz, dass es ein guter Film werden solle, treibt schon die meisten Regisseure an, die hierher eingeladen werden. Aber keinen so sehr wie Terrence Malick. Er ist besessen von dem Verlangen, den besten Film abzuliefern, der ihm überhaupt möglich ist. Einen Film, in dem alles stimmt, die Fakten, die Wörter, die Stimmen, die Musik. Und die Bilder natürlich. Deshalb hat er in annähernd vierzig Jahren nur fünf Filme gedreht. Und deshalb hatten ausnahmslos alle in Cannes mit Spannung auf die 138 Minuten gewartet, die sein neuer Film „The Tree of Life“ dauert und die nun endlich auf die Leinwand kamen.
Es war eine Erfahrung, vergleichbar jener, als wir zum ersten Mal Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen haben. In einem sich ständig verändernden Universum aus Bildern und Tönen, aus Szenen von Kindheit und Verlust, aus Gefühlen von Freude und Trauer, Leere und den ersten wie den letzten Fragen treibt man als Zuschauer durch diesen Film wie durch einen Fluss. Erlebt, wie die Erde sich formt, und später, wie ein Meteor sie in Stücke schlägt, wie ein Specht an die Baumrinde klopft, Dinosaurier durch ein Flussbett waten, wie Kinder lernen zu boxen und ein Mann inmitten reflektierender Glas- und Stahltürme verlorengeht. Milliarden Jahre kosmischer Geschichte verbinden sich organisch mit der Geschichte einer Familie in Texas in den fünfziger Jahren, und selbst wenn es sich mittendrin mal anfühlt, als sei man unfreiwillig in eine Kirche geraten, und sich das Ganze am Ende in einer Sequenz an einem Salzsee dem New-Age-Spiritualismus zuneigt, sind die Fragen an keine Schule gebunden, nur an den Grund allen Nachdenkens überhaupt: woher wir kommen, wohin wir gehen, und warum Gott, welcher auch immer, auch seinen Gläubigen nicht antwortet und die Natur nicht stillsteht, einerlei, was uns zustößt.
Alles scheint organisch
So braucht man nicht zu fragen, was der Film bedeutet, eine Frage, der Malick auch in Cannes wieder auswich, indem er zur Pressekonferenz nicht erschien. Es geht nicht ums Bedeuten hier (so wenig wie in Malicks früheren Filmen), sondern ums Sehen. „Nichts ist vor dem Verschwinden sicher. Es gibt keinen Ort, an dem die Trauer dich nicht findet“, heißt es einmal im Voice-Over, der die Natursequenzen begleitet (und der etwas sparsamer hätte eingesetzt werden können). Manchmal folgen wir ihnen auch in vollkommener Stille, die dann abgelöst wird von der Musik Alexandre Desplats, der (wie Kubrick in „2001“) Motive von György Ligeti verwendet und von Berlioz und nur Instrumente, keine Elektronik einsetzt. Alles scheint organisch hier, nicht gerade handgemacht, aber von Effekten frei.
Vielleicht kommt man der Sache näher, wenn man den Film erst einmal sieht als Requiem für einen verlorenen Sohn. Denn die Familiengeschichte entfaltet sich von dem Augenblick her, in dem ein Telegramm einer Mutter (Jessica Chastain) den Tod ihres Kindes mitteilt. Von dort geht der Film zurück an die Anfänge des Universums, zum Urknall, glühender Lava im All, kosmischen Lawinen – entworfen nach dem Stand der Wissenschaft, so heißt es, nichts Ausgedachtes, Vorgestelltes, vage Geahntes. Wasserfälle stürzen über die Leinwand, Einzeller, Mehrzeller entwickeln sich, Bäume wachsen in den Himmel, und auch ein paar Dinosaurier bekommen wir zu sehen. Fast das ganze erste Drittel umfasst diese beinahe wortlose Reise durch die Naturgeschichte, ein Erlebnis brillanten Filmemachens.
Wenn der Brief kommt, beginnt so etwas wie eine Geschichte – die Geschichte der Familie O’Brian, in der Brad Pitt den sehr strengen Vater gegenüber der sanften Mutter von Jessica Chastain spielt, ein Paar, das drei Söhne bekommt. Vor allem mit dem Ältesten, Jack, gerät der Vater immer wieder aneinander. Aber diese Familiengeschichte wird nicht erzählt, wie wir es gewohnt sind, sondern so, wie Erinnerung funktioniert: punktuell, unchronologisch, mit langen oder ganz kurzen Szenen aus verschiedenen Zeiten. Fast die ganze Mitte des Films schaut einfach den Kindern beim Spielen zu. Sean Penn in der Rolle des inzwischen erwachsenen und als Architekt erfolgreichen Jack ist unser Führer durch diese Geschichte, selten im Bild, mit kaum einem Dialogsatz, aber von einer umwerfenden Präsenz.
Nur ein Bild der Sonne
Dies ist der Mann, der sich erinnert (leider auch er wispernd im Voice-Over), nicht nur an das, was geschah, sondern vor allem daran, wie er sich fühlte, wer er war als Kind, als Bruder, als Sohn. Und er ist es, der uns am Ende zum Salzsee führt, an dem sich die Zeiten treffen und der Film für einen Moment abzustürzen droht, bevor er wieder Tritt fasst in der Zukunft des Universums. Da ist die Welt in Stücke gegangen, so wie es Wissenschaftler als gesichert in einigen Millionen Jahren voraussagen. Bei Malick ist das keine dramatische Explosion, nur ein Bild der Sonne, die schon fast erloschen ist und der die Erde oder die paar Klumpen, die von ihr übrig sind, folgen wie ein Schweif.
Dass die Mutter Liebe predigt und der Vater Härte gegen sich selbst, fällt in seiner Schlichtheit kaum ins Gewicht angesichts der überwältigenden Kinoerfahrung, die Malick geschaffen hat. „The Tree of Life“ ist der einzige amerikanische Beitrag im Wettbewerbsprogramm. Nach der Pressevorführung am Montagmorgen wurde verhalten gebuht. Das ist hier über die Jahre schon schlechteren Filmen passiert.