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Filmfestspiele in Cannes : Die tiefere Weisheit des Hagels

Cineastische Gemeinschaftsarbeit: „Triangle” Bild: image.net

Gleich drei Regisseure arbeiteten an dem Film „Triangle“ - und hatten eine Menge Spaß dabei. Außerdem auf den Kinoleinwänden in Cannes: Juliette Binoche als schlecht gefärbte Blondine und mysteriöse Symbolik aus Russland.

          Das asiatische Kino hat seit langem ein Standbein in Cannes. In diesem Jahr ist seine Präsenz nicht übermäßig stark, im Wettbewerb konkurrieren neben Wong Kar-Wai (dessen Film mit europäischem Geld finanziert wurde) nur noch Kim Ki-duk und Lee Chang-Dong aus Südkorea sowie Naomi Kawase aus Japan. In den anderen Festivalsektionen finden sich immerhin noch drei Filme von Festlandchinesen, einer des Taiwaners Hou Hsiao-Hsien und Filme aus Thailand, Singapur und von den Philippinen. Erst kurz vor Beginn des Festivals wurde noch „Triangle“ ins Programm aufgenommen, ein Film, der gleich drei renommierte Regisseure hat, sämtlich aus Hongkong: Tsui Hark, Ringo Lam und Johnnie To.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie kennen sich seit dreißig Jahren, und der gemeinsame Film ist ein Experiment ohne Drehbuch: Tsui Hark beginnt, Ringo Lam schaut sich an, was Hark gedreht hat, und setzt die Geschichte fort, Johnnie To bringt sie zu Ende. Herausgekommen ist ein Thriller um drei kleine Ganoven, einen Grabraub, die Liebe und eine Menge Geld. Geld spielt im ersten Teil die Hauptrolle, über die ganze Leinwand ziehen Bilder von Geldscheinen, niemand scheint genug davon zu haben. Einer muss sein Auto verkaufen, möglicherweise sein Haus; ein anderer muss seine Schulden bezahlen, möglicherweise mit gestohlenem Geld; ein Dritter vergibt dunkle Aufträge, eine Gruppe Mafiosi verbreitet Gefahr, eine Bank wird ausgeraubt (oder auch nicht: vielleicht handelt es sich bei dem, was wir im Zeitraffer sehen, auch nur um den Plan dazu). Eine Frau betrügt ihren Mann mit einem Polizisten, und auch dabei ist Geld im Spiel. All das geht, wie im Hongkong-Kino üblich, schnell, laut und bunt über die Bühne, gewalttätig und bis ins Abstrakte stilisiert und, wenn man will, auch zu verstehen als Metapher auf das Filmgeschäft und dieses spezielle Projekt.

          Regie-Reigen

          Eines Abends in einer düsteren Bar erzählt ein geheimnisvoller Alter von einem Schatz, begraben unter dem Justizministerium. Die drei Männer, die wir im ersten Teil als Hauptfiguren identifizieren konnten, buddeln ihn aus: Es handelt sich um einen uralten Sarkophag, in dem ein Skelett liegt, umgeben von Schätzen und bedeckt mit einem goldenen Gewand.

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          Das ist ungefähr der Zeitpunkt, zu dem Ringo Lam die Regie übernimmt und mit Autojagden und anderen gefährlichen Manövern den Faden weiterspinnt, bis dann To in der letzten halben Stunde Humor in die Sache bringt. Bei ihm, der zuletzt mit den beiden Teilen seines Chinesenmafia-Thrillers „Election“ in Cannes war, verliert sich trotz langer Schusswechsel und einiger provozierter Autopannen die Gewalt bis auf ein Ende hin, in dem von Geld nicht mehr die Rede ist, jedenfalls nicht unter denen, die am Anfang an nichts anderes denken konnten. Das Ganze war ein Spaß für die Regisseure, so scheint es, und fürs Publikum ist es das auch.

          Kinder im Kino für Erwachsene

          Auch der Taiwaner Hou Hsiao-Hsien ist seit Jahren regelmäßig mit seinen Filmen in Cannes. In diesem Jahr eröffnete sein Film „Le voyage du ballon rouge“ das Programm des „Certain Regard“. Entstanden ist der Film als erster Beitrag einer Serie, die Serge Lemoine vom Pariser Musée d'Orsay ins Leben gerufen hat, indem er Filmemacher um Arbeiten bat, in denen sein Museum in irgendeiner Weise vorkomme. Auf diese Weise lernte Hou Hsiao-Hsien Paris kennen und nahm dazu das Buch „Paris to the Moon“ des langjährigen Paris-Korrespondenten des „New Yorker“, Adam Gopnik, zu Hilfe. Doch eine richtig große Rolle spielt das Musée d'Orsay nicht, und von Gopniks feiner Ironie hat sich auch nichts erhalten.

          Es geht um einen kleinen Jungen mit einer chaotischen Mutter, für die sich Juliette Binoche in eine außerordentlich unvorteilhafte Verkleidung als schlecht gefärbte Blondine begeben hat, und sosehr man sich wünschte, der freundliche Regisseur und seine sympathische Mannschaft, die zur Premiere im Sonntagsstaat auf die Bühne kamen, hätten wieder mal einen großen Film gedreht, so sehr langweilte man sich dann. Kinder im Kino für Erwachsene sind fast immer eine schlechte Idee, und wenn sie dann noch mit einem roten Ballon in Verbindung gebracht werden und eine Mutter haben, die Puppenspielerin ist, und außerdem noch ein chinesisches Kindermädchen, das die Lehren des weisen Puppenspielermeisters aus China übersetzen kann, wird die Geduld schon arg strapaziert.

          Symbolische Aufladung

          Kinder zuhauf, fünf nämlich, und, anders als bei Hou Hsio-Hsien, überhaupt kein Lächeln gab es bei Andrei Zvyagintsev, dessen Film „Die Verbannung“ im Wettbewerb als einer von zwei russischen Beiträgen zu sehen war. Vor vier Jahren wurde Zvyagintsev für sein Debüt „Die Heimkehr“ in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet; dies ist sein zweiter Film. Von Anfang an führt er durch metaphorisches Gelände. Kein Ort ist einfach ein Ort, kein Gegenstand ohne symbolische Aufladung, kein Spaziergang ohne tiefere Bedeutung, und wenn es in der Stadt hagelt, während auf dem Land der Himmel noch wolkenlos war, weiß man, woran man ist.

          Für eine Weile wenigstens ist die Geschichte noch mysteriös, aber am Ende buchstabiert der Regisseur alles doch fein säuberlich aus. So wird aus der Reise einer Familie aufs Land ins Haus des toten Großvaters, in dem dann eine Abtreibung stattfindet und zwei Menschen sterben, erst irgendetwas Religiöses, dann eine banale Ehekrise und zuletzt wieder eine große Metapher für den Kreislauf des Lebens. Zu diesem Zweck singen am Ende Bäuerinnen beim Heumachen ein Lied - und wäre all dies nicht am zweiten, sondern am sechsten oder siebten Festivaltag geschehen, hätte die Geduld nicht gereicht, bis zu diesem sentimentalen Schlusspunkt auszuharren.

          Quelle: F.A.Z., 19.05.2007, Nr. 115 / Seite 35

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