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Filmfestspiele Cannes : Mein mächtiges Herzchen

Lächeln für die Presse: Angelina Jolie Bild: AP

Terror und Nähe, persönliche und politische Katastrophen - und ganz viel Angelina Jolie: Bei den Filmfestspielen in Cannes wurden die beiden neuen Filme von Michael Winterbottom und Gus van Sant gezeigt.

          Angelina Jolie und Brad Pitt bei ihrem ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt waren für alle, die solcherlei interessiert, die Hauptattraktion des Festival-Montags. Sie traten mit Michael Winterbottom, dem Regisseur von „A Mighty Heart“, den Pitt produziert hat und in dem Angelina Jolie die Hauptrolle spielt, und einigen anderen Darstellern dieses Films vor die Presse, die sich um die Plätze fast physisch schlug, wirkten bescheiden und waren an persönlichen Fragen erwartungsgemäß gänzlich uninteressiert. Denn die Attraktion der Pressekonferenz saß zwischen ihnen, Mariane Pearl nämlich, die französische Journalistin und Ehefrau des vor drei Jahren in der Nähe von Karachi ermordeten „Wall Street Journal“-Korrespondenten David Pearl. Ihr Buch über sein Verschwinden, das sich schnell als Kidnapping erwies, die Suche nach ihm und die Enthüllung seines schrecklichen Schicksals ist die Grundlage des Films.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie präsentierte sich klug, gewitzt und unabhängig von jedwedem Rummel als Frau, die sich selbst Angelina Jolie für diese Verfilmung ausgesucht hat und die mit ihr und Pitt ein Anliegen teilt: keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen oder Vorverurteilungen bestimmter Gruppen zu akzeptieren, sondern trotz allem weiterhin zu unterscheiden, wer auf der Seite des Terrors steht und wer nicht. Tolerant zu bleiben. Das zeigte sie selbst im erstaunlichsten Augenblick dieser Pressekonferenz. Ein älterer Herr stand auf und erklärte, er sei der Fernsehjournalist, der auch im Film vorkommt, der sie nach Bekanntwerden des Videos mit der Enthauptung Pearls gefragt habe, ob sie sich das Band angeschaut habe. Er wolle diese Gelegenheit benutzen, um sich zu entschuldigen. Mariane Pearl akzeptierte. Die beiden Stars aus Hollywood, deren Ankunft Teile des Festivalpalasts zur unbegehbaren Zone gemacht hatten, schauten verdutzt und bemühten sich weiterhin, so wenig Stars wie möglich zu sein.

          Wenn der Film dem Leben folgt

          „A Mighty Heart“, als Sonderveranstaltung außerhalb des Wettbewerbs gezeigt, erzählt die Geschichte jener zehn Tage in Karachi so unmittelbar, wie es irgend geht und wie es wahrscheinlich nur der Brite Michael Winterbottom zustande bringt, der durch seine früheren Filme, „In this World“ oder „Road to Guantánamo“ etwa, Dreherfahrung in dieser Weltgegend hat und der auch hier große Teile an den Originalschauplätzen gefilmt hat. Wir sind vom ersten Moment an mittendrin in einer Welt und einer Stadt, von der es keine Pläne gibt, und in der Orientierung oder selbst die Aufgabe, ein Taxi zu finden, ohne einheimische Hilfe völlig unmöglich zu bewerkstelligen ist. Und in der in einer Enklave westlicher Effizienz, dem Haus der Pearls nämlich, eine Gruppe aus verschiedenen Geheimdienst- und Zeitungsleuten, örtlicher Polizei und Informanten versucht, einen der Ihren zu finden und sein Leben zu retten.

          Zum Verwechseln ähnlich: „Kopie” Jolie ...

          Das Ganze sieht aus wie ein Thriller, was Mariane Pearl nicht stört, weil es so gewesen sei, und dennoch bekommt man nicht den Eindruck, hier werde mit einem wahren Fall und wirklichen Opfern ein Spektakel veranstaltet. Aber die Frage stellt sich doch, was es bedeutet, wenn zunehmend Spielfilme, gedreht mit dem Anspruch höchstmöglicher Authentizität, ein paar Jahre nach den Ereignissen die Rolle des historischen Zeugnisses übernehmen; wenn wir Angelina Jolie sehen und denken, dies sei ein Dokumentarfilm, und nicht mehr erkennen können, wo die Fiktion beginnt. Wird Adam Pearl, der Sohn von David und Mariane, der drei Monate nach diesen Ereignissen geboren und für den dieser Film gedreht wurde, wie es am Ende heißt, vielleicht immer denken, sein Vater habe ausgesehen wie Dan Futterman? Michael Winterbottom inszeniere das Leben nicht, sagte Brad Pitt, er folge ihm einfach. Vielleicht ist das das Problem.

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