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Filmfestspiele Cannes Kunst der Einfachheit: Samira Makhmalbaf und Wim Wenders

16.05.2003 ·  Wim Wenders und das Festival in Cannes, das ist eine seit Jahrzehnten währende Freundschaft. In diesem Jahr präsentiert er außer Konkurrenz seinen Blues-Film "The Soul of Man". Im Wettbewerb brilliert derweil die Iranerin Samira Makhmalbaf.

Von Michael Althen, Cannes
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An der Croisette veröffentlicht ein französisches Branchenblatt eine Umfrage, wer wohl am Ende die Goldene Palme gewinnen wird. Es dürfen auch Filme genannt werden, die noch gar nicht zu sehen waren. Danach ist momentan Lars von Triers "Dogville" klarer Favorit. Am ersten Tag bekam er noch 25 Prozent der Stimmen, am nächsten Tag waren es schon vier Prozent weniger, weil wahrscheinlich mancher nach Ansicht der ersten Filme erkannt hat, daß Erwartungen sich nicht immer erfüllen und andererseits plötzlich auch Filme ohne große Namen ein Gesicht bekommen. Auf den weiteren Plätzen folgen mit jeweils unter zehn Prozent der Stimmen Clint Eastwoods "Mystic River", Francois Ozons "Swimming Pool" und Gus Van Sants "Elephant". Man wird sehen, wo sich die Filme wiederfinden, wenn sie dann tatsächlich auch gezeigt worden sind.

Zu sehen waren fürs erste "Ce-jour là" von Raul Ruiz, ein helvetisches Rätselspiel um zwei Verrückte (Elsa Zylberstein und Bernard Giraudeau), welche die Welt auf den Kopf stellen. Der Exil-Chilene, der seit Jahren unermüdlich in Frankreich arbeitet, zerpflückt die Regeln des Kriminalfilms nach allen Regeln der Kunst, verliert dabei aber auch alles andere aus den Augen.

So gekünstelt Ruiz daherkommt, so kunstvoll ist Samira Makhmalbafs Film "Um fünf Uhr nachmittag", der von Afghanistan nach dem Sturz der Taliban erzählt. Die Perserin hatte schon die eindrucksvollste Episode von "11'09''01" gedreht und schafft es auch hier wieder, Bilder von bestürzender Einfachheit und Poesie zu finden. In einer der neu eröffneten Mädchenschulen wird nach Berufswünschen gefragt. Wer Lehrerin werden will, soll aufstehen, dann die Ingenieurinnen, dann die Ärztinnen, und schließlich wird gefragt, wer Präsidentin werden will. Zögerlich erheben sich zwei, die eine ist noch ein Mädchen, durch den Tod der Familie aber früh selbstständig geworden, die andere schon eine junge Frau, die jeden Tag von ihrem strenggläubigen alten Vater auf einem Karren verschleiert zur Schule gefahren wird. Ihre zaghaften Versuche der Befreiung unterlegt Samira Makhmalbaf mit Koran-Gesängen, in denen die Unterjochung der Frauen gepredigt wird. Was anderswo zu aufdringlich wirken würde, ist hier der Schlüssel zu einer ganz fremden Gesellschaft und findet seine Entsprechung in der märchenhaften Klarheit der Erzählung. Nichts ist in dieser Welt selbstverständlich, aber gerade dadurch bekommt das ganze die Kraft einer Fabel. Den Film hat noch keiner auf der Rechnung, aber am Ende könnte er ganz oben stehen.

In einer Spezialvorführung wurde "The Soul of a Man" von Wim Wenders gezeigt, einer von sechs Beiträgen zur Geschichte des Blues, die Martin Scorsese produziert hat. So wie die Regisseure der anderen Episoden, darunter Eastwood und Mike Figgis, ist auch Wenders ein Filmemacher, dessen Filme mehr als andere von der Musik gelebt, sich von ihr genährt haben. Nicht erst seit "Buena Vista Social Club" ist jeder seiner Filme auch in musikalischer Hinsicht ein Ereignis gewesen. Diesmal verneigt sich Wenders, der immer schon in großer Vermittler war, vor drei Größen des Blues: Blind Willie Johnson, Skip James und J. B. Lenoir. Wenders mischt das rare Filmmaterial von ihren Auftritten in den Sechzigern mit einigen nachinszenierten Szenen aus den Dreißigern und schafft fließende Übergänge zwischen den Songs, indem er die Originale dann von Leuten wie Lucinda Williams, Cassandra Wilson, Lou Reed, Nick Cave, Bonnie Raitt, T-Bone Burnett oder Los Lobos neu interpretieren läßt. So begreift man, wie lebendig diese Musik auch heute noch ist und vor allem, daß Bilder nicht alles sind, wenn man Geschichten erzählen will. Das ist an einem Ort wie Cannes fast schon eine subversive Erkenntnis.

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