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Filmfestspiele Cannes Edle Einfalt, grelle Größe

22.05.2007 ·  Wenn sich Weisheiten der Popkultur in den Schwanz beißen und Filmmaterial künstlich verunstaltet wird: In Cannes hat Quentin Tarantino seinen neuen Amazonen-Killer-Autoverfolgungsfilm „Death Proof“ vorgestellt.

Von Michael Althen, Cannes
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Auf einem Festival wie Cannes lohnt es sich immer, die Lokalpresse zu studieren, um Nachrichten aus jenem Paralleluniversum namens Wirklichkeit zu erhalten. Denn während an der Croisette über mögliche Palmengewinner spekuliert wird, hat man im Hinterland ganz andere Sorgen. Im Krankenhaus Frejus-St-Raphael sind nämlich vermehrt Fälle von Leuten aufgetaucht, die offenbar von einer bislang unbekannten Insektenart gestochen wurden und unangenehm juckende Stiche mit einer kometenschweifartigen Rötung aufwiesen. Die Ärzte und hinzugezogenen Wissenschaftler sind vorerst ratlos.

Das ist natürlich genau die Sorte Meldung, von der sich in den siebziger Jahren eine bestimmte Art von Kino genährt hat, das auf jene grellen Effekte gesetzt hat, die man gerne billig nennt, obwohl sie eine ganze Industrie ernähren. Eine lokale Attacke unbekannter Insekten, sonderbar geformte Stiche, das wären für eine ganze Reihe von Produzenten und Drehbuchschreibern damals ein ideales Sprungbrett gewesen, um der Imagination freien Lauf zu lassen. Und weil Quentin Tarantino damals vermutlich all diese Filme gesehen hat und in seinem jugendlichen Leichtsinn leicht zu beeindrucken war, hat ihn diese Art von Kino auch nicht mehr losgelassen. Exploitation cinema nennt man das, weil es die niederen Instinkte ausbeutet, und grindhouse die heruntergekommenen Schuppen, in denen es gezeigt wurde, also buchstäblich Knochenmühlen, und alles, was man mit diesem Wort assoziiert, war in diesen Filmen auch zu sehen.

Freches Spiel mit der Zuschauererwartung

Zusammen mit seinem Kumpel Robert Rodriguez hat er unter dem Titel „Grindhouse“ ein Double Feature gedreht, also zwei Filme zum Preis von einem, aber nur Tarantinos Part wird nun unter dem Titel „Death Proof“ in Cannes gezeigt. Ob das ihrer Freundschaft gut bekommen ist, darf bezweifelt werden. Andererseits werden die beiden beim Drehen ohnehin nicht an der Wettbewerb von Cannes gedacht haben, aber weil Tarantino mit „Pulp Fiction“ hier die Goldene Palme gewonnen hat, ist er schon aus Tradition hier gelandet. Und natürlich ist die Art und Weise, wie er sich den Vorbildern nähert, so smart, dass man sie reflektiert nennen muss, obwohl er dieselben Gelüste bedient.

„Death Proof“ ist ein Amazonen-Killer-Autoverfolgungsfilm, der sich zu den Vorlagen etwa so verhält wie „Reservoir Dogs“ zum Gangsterfilm. Wo dort die Killer beisammen saßen und sich über Madonna zankten, wird auch hier viel geredet, und zwar in jenen gewitzten Tarantino-Dialogen, die sich so lange um sich selbst drehen, bis sich seine Weisheiten der Popkultur in den Schwanz beißen. Aber kein Gespräch bei ihm ist so verfahren, dass es sich nicht in einem guten Song auflösen könnte. Keiner spielt so frech mit den Erwartungen der Zuschauer wie er, und selbst da, wo man das Unerwartete erwartet, ist er immer für eine Überraschung gut. Denn am Ende hat sein Film weniger mit dem Ausbeutungskino der Siebziger zu tun, als der Titel behauptet, sondern speist sich eher aus Filmen, die das Lebensgefühl von damals so repräsentieren wie „Vanishing Point“, „Two-Lane Blacktop“ oder „Big Wednesday“. Deren Helden wiederum wären womöglich typische Grindhouse-Besucher gewesen.

Kratzer und Schrammen im Bild

Aber obwohl die Sache doppelt um die Ecke gedacht ist, geht es doch immer wieder zur Sache. Vier Mädchen, die Spaß haben wollen, geraten an einen Killer in einem Auto, aber wie bei Tarantino üblich, ist das nur die eine Hälfte der Geschichte, die dann auf einmal davon erzählt, wie eine andere Gruppe Mädchen mit demselben Killer abrechnet. Das Ganze ist so tief verwurzelt in den Siebzigern, dass man es für den reinsten Anachronismus hält, wenn plötzlich ein Handy eine Rolle spielt oder auf dem Highway moderne Autos auftauchen.

Tarantinos schönster Trick aber ist es, das Filmmaterial künstlich so zu verunstalten, wie es den schäbigen Filmkopien von damals entspricht. Es gibt Kratzer und Schrammen im Bild, manchmal setzt der Ton aus oder wiederholt sich, und mitunter springt das Bild so unvermittelt, dass mancher im Saal schon anfing, über die schlechte Projektion zu murren. Dabei ist genau das Tarantinos Versuch, der Erinnerungen auf jene Weise habhaft zu werden wie in der elektronischen Musik, wo auch oft das Knistern der Schallplatten nachgeahmt wird. Letztlich ist Tarantino eben doch ein Romantiker.

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