Die Berlinale, so heißt es immer, sei von den drei großen Filmfestivals das politischste, und das ist ja eigentlich keine schlechte Sache. Doch dann geht die Klage darüber los, dass wieder zehn Tage lang das Elend der Welt vor unseren Augen vorbeiziehen wird, die Kindersoldaten, die Vergewaltigungsopfer, die Flüchtlinge, die Kranken, Entwurzelten, Vergessenen, Verfolgten und ihre Schicksale.
Wenn man sich die Programmankündigungen der etwa vierhundert Filme anschaut, die von diesem Donnerstag Abend an bis zum nächsten Sonntag auf dem Festival zu sehen sein werden, wird das in diesem Jahr nicht anders sein, und warum sollte es? Wenn Filme mit der Welt, wie sie ist oder wie sie war, vielleicht auch: wie sie sein könnte, nichts mehr zu tun hätten, könnten wir ja gleich zu Hause bleiben und Halma spielen oder Egoshooter.
Die Aussicht also, neben den drei Musikdokumentationen über die Rolling Stones, Patti Smith und die „Freedom of Speech“-Tour von Crosby, Stills, Nash & Young Filme über eine Elite-Polizeitruppe in den Favelas oder über eritreische Massaker, über laotische Asylsuchende und sechzig Jahre Israel zu sehen, ist doch genau das, wofür man auf Filmfestival geht, nein?
Pornos und Pausen
Vielleicht sollte man hinzufügen – wenn denn die Mischung stimmt. Und zumindest auf dem Papier sieht es danach aus: Grüne Pornos von Isabella Rossellini werden einen kleinen Wall gegen allzu frühe Depressionen bilden, die Züge des James Benning für eine meditative Pause sorgen, bevor es dann zurückgeht in die Geschichte etwa des Vietnam-Kriegs, dem eine Filmreihe gewidmet ist, oder zu den Schrecken des Alltags in Moskau, Teheran oder sonstwo. Und wer Angst vor dem gänzlich Unbekannten hat, kann sich ja in die Retrospektive retten, die in diesem Jahr sämtliche Regiearbeiten von Luis Buñuel zu bieten hat, eine seltene Chance.
Vor der Berlinale und zwischendrin, wenn das Fernsehen Bilder braucht, die Presse Klatschgeschichten und die Stadt ein erregtes Brodeln, wie es nicht die Kunst, schon gar nicht das Elend in der Welt, sondern nur der Anblick richtiger Prominenter zustande bringt, kommt immer wieder die Frage auf: Wer ist denn so da? Das war oft eine bange Frage – wegen der nahen Oscar-Verleihung und des schlechten Wetters ist Berlin nicht gerade ein Traumziel im Februar, daran hat sich nichts geändert –, und für einen Festivaldirektor ist es wahrscheinlich die nervtötendste von allen. In diesem, seinem siebten Jahr in dieser Funktion braucht Dieter Kosslick sie nicht zu fürchten. Die Rolling Stones kommen und Martin Scorsese, Julia Roberts, Robert DeNiro, Scarlett Johansson, Natalie Portman, Tilda Swinton, Shah Rukh Khan und Isabella Rossellini und dann noch Madonna, Neil Young und Patti Smith und viele andere, noch nicht ganz so Superberühmte. Es wird ein ziemliches Gedränge geben am roten Teppich, und das ist gut so.
Ein verrückter Blick
Vielleicht sollte man sich bei alldem aber doch auch daran erinnern, dass neben den Stars und neben den Themen noch etwas anderes zum Kino gehört, und das sind die Bilder, die Form. Man wird den Eindruck nicht los, dass daran kaum noch jemand denkt, wenn von der Berlinale und ob sie wohl ein Erfolg wird, die Rede ist. Reicht es, dass die Branche gut gelaunt ins Festival geht, weil der Deutsche Filmförderfonds der Bundesregierung erste Früchtchen trägt und in diesem Januar 25 Prozent mehr Besucher ins Kino gingen als im vergangenen Januar, das Kino also zumindest in diesem Jahr nicht sterben wird?
Wir suchen doch bei jedem Festival nach Gründen, es vehement am Leben zu erhalten, und diese Gründe sind nicht die Zahlen, nicht für uns. Es ist eine besondere Perspektive, ein verrückter Blick, die uns aufwühlen können und in denen wir etwas erkennen, was uns vorher fremd war. Eine Faszination, wie sie von Verbotenem ausgeht, auch wenn wir kaum noch wissen, was das heute sein soll, und deshalb umso mehr danach suchen. Etwas wie der Schnitt durchs Auge in Buñuels „Andalusischem Hund“, der damals, das war 1929, schockierte und von dieser Wirkung immer noch nichts eingebüßt hat.
Gerade auf großen Festivals wie der Berlinale, auf denen es ums Geschäft geht, natürlich, ums Marketing (der Filme, des Festivals, der Stadt) und um alle möglichen anderen Dinge, die zum Kino dazugehören, es aber nicht ausmachen, gerade da brauchen wir ganz besonders die Versicherung, dass sich das alles auch ästhetisch lohnt. Dass die Filmemacher und die, die sie einladen, ebenso wie wir, die wir dann darüber schreiben, dasselbe meinen, wenn sie vom Kino sprechen – von einem Erfahrungsraum des Sichtbaren und seinen Mysterien. Mal sehen, ob das in diesem Jahr der Fall ist.
wen interessiert es
Frank Frei (showmekindaguy)
- 07.02.2008, 09:58 Uhr