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Filmfestival Viennale Die Wiener Filmschau plaziert sich zwischen München, Hollywood und Kasachstan

29.10.2003 ·  Blaue Neonröhren sind das visuelle Erkennungszeichen der Viennale. Sie tauchen den Eingangsbereich zum "Gartenbau", dem größten Kino der Stadt, in ein unheimliches Licht, so daß die Besucher sich jedes Mal, wenn sie nach einer Vorstellung wieder ins Freie treten, wie bestrahlt fühlen müssen.

Von Bert Rebhandl
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WIEN, 29. Oktober

Blaue Neonröhren sind das visuelle Erkennungszeichen der Viennale. Sie tauchen den Eingangsbereich zum "Gartenbau", dem größten Kino der Stadt, in ein unheimliches Licht, so daß die Besucher sich jedes Mal, wenn sie nach einer Vorstellung wieder ins Freie treten, wie bestrahlt fühlen müssen. Nach dieser Dekontamination stehen sie auf der Ringstraße und vor der Wahl, ob sie in den nächsten Film oder ins nächste Kaffeehaus gehen wollen. Die blaue Sekunde, der Moment des Übergangs zwischen Drinnen und Draußen, wirkt da noch ein wenig nach, als wäre das Filmfestival ein Paralleluniversum, aus dem der Wiedereintritt in die Wirklichkeit nicht garantiert ist. Wer dann zur Halbzeit der Viennale noch die Umstellung der Sommer- auf Winterzeit verpaßt und am Sonntag eine Stunde zu früh durch die nahezu menschenleere Stadt wandert, kann sich endgültig als displaced person fühlen - und damit als der ideale Gast eines Filmfestivals dieser Art, bei dem es keinen Wettbewerb gibt, sondern nur den Anspruch, die ganze Heterogenität des Weltkinos auf zehn Tage Programm zu bringen.

Das bedeutet dann eben, daß die New Yorkerin Sofia Coppola anläßlich des Eröffnungsfilms "Lost in Translation" von ihrer Zeit in Japan erzählt, während einige Tage später Manfred Eicher, der cinephile Betreiber des Musiklabels ECM, von seiner Arbeit mit Jean-Luc Godard und Arvo Pärt spricht und nachmittags Warren Beattys umstrittenes Revolutionsepos "Reds" läuft, weil diesem Akteur-auteur eine Hommage gewidmet wurde. Beatty flog nicht nach Wien, ebensowenig wie der amerikanische Independent-Held Vincent Gallo, mit dessen Werk sich die Viennale ebenfalls beschäftigte. Statt dessen kamen gute Bekannte des Festivals: Emilie Deleuze, die "Mister V." vorstellte, die Geschichte der Konfrontation eines scheuen Mannes mit einem wilden Pferd; Thom Andersen, der mit "Los Angeles Plays Itself" einen großen, ironischen Video-Essay über die Filmgeschichte seiner kalifornischen Heimatstadt kompiliert hat; und Romuald Karmakar, dessen ekstatische Love-Parade-Sequenz "196bpm" in Wien weniger dogmatisch diskutiert wurde als bei der Premiere in Berlin vor ein paar Monaten.

Den Punkt ihrer größten Ausdehnung erreichte die Viennale womöglich in einer Nachtreihe, die vom Münchner Werkstattkino unter dem Titel "Sex, Gewalt und gute Laune" bestritten wurde; vielleicht aber auch in dem Moment, als der kasachische Regisseur Amar Karakulow nach der Vorführung seines Films "Jylama" vor das Publikum trat. Diese auf Video gedrehte Arbeit über das Sterben eines lungenkranken Kindes in den Bergen an der Grenze zu China zeigt Kasachstan als ein Entwicklungsland auf niedrigstem Lebensstandard: Das Wasser wird auf Schlitten vom Brunnen ins Haus gebracht, der Mais in einem steinernen Mörser gemahlen, lebenswichtige Medikamente sind nahezu unerschwinglich. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive einer Opernsängerin, die ihre Stimme verloren hat und deswegen zu ihren entfernten Verwandten an den Rand der Welt geflüchtet ist. Als sie am Ende für das fiebernde Kind eine Arie aus "Madame Butterfly" singt, ist das eine Verzweiflungstat, die dem Pathos der Oper einen neuen Sinn gibt - und dem kasachischen Kino eine neue Richtung.

Dieses ist ein wenig in seiner Lakonik erstarrt, wie in "Malen'kie ljudi" (Kleine Leute) von Nariman Turebayev zu sehen war. Bek und Max heißen die beiden Freunde in Almaty, die sich aus ihrer Armeezeit kennen und nun eine Wohnung teilen, aus der sie jeden Tag mit ihren Umhängetaschen aufbrechen, um Passanten so unwichtige Dinge wie Schlüsselanhänger anzudrehen. Max ist ein Frauenheld, Bek ein stiller Brüter, und den Moment, in dem sie ihre Liebe zueinander entdecken - nur um sich sofort wieder voneinander zurückzuziehen -, inszeniert Turebayev großartig. Aber dann bleibt er doch in seiner Methodik der langen Einstellungen mit modellhaft schönen Schauspielern und leicht absurden Begebenheiten gefangen. Kasachstan galt eine Zeitlang als Hoffnungsland des Autorenkinos, internationale Koproduzenten kamen ins Land; nun scheint die Hochkonjunktur schon wieder vorbei zu sein.

Für Österreich gilt dies ganz ähnlich. Der Dokumentarist Seidl hat zuletzt mit seinem Spielfilmdebüt "Hundstage" eine barocke Bußpredigt über sein Land ergehen lassen und damit auf internationalen Festivals für Aufsehen gesorgt. In "Jesus, du weißt" - der von Seidl ausdrücklich als Zwischenwerk charakterisiert wird - steht die Kamera auf den Altären, und der Film nimmt eine quasi göttliche Position ein. Frontal und meist auch ganz symmetrisch zeigt Seidl eine Reihe von Menschen beim Sprechakt des Betens. Sie vertrauen sich Jesus an mit ihren Liebesnöten, Eheintrigen, Krankenberichten, und Seidl entwirft dafür eine steinerne Rahmenhandlung aus Kirchenportalen, Säulengängen und Herrgottswinkeln. Seine Figuren sind Restposten des katholischen Österreich, aber die Säkularisierung könnte sich als langwierig erweisen in einem Land, in dem die Filmemacher so hingebungsvoll das Mauerwerk filmen, in dem das Allerheiligste aufbewahrt wird.

Selbst eine junge Filmemacherin wie Barbara Albert meditiert in ihrer Prestigeproduktion "Böse Zellen" (F.A.Z. vom 28. Oktober) langwierig über die Mechanismen des Zufalls, ohne diesem jemals zu seinem Recht zu verhelfen. Chaostheorie ersetzt die alte Metaphysik. "Jesus, du weißt" und "Böse Zellen" liefen in einer Reihe mit dem Titel "News from Home", mit der die Viennale sich inoffiziell auch als das bessere Festival des österreichischen Films empfahl. Offiziell sollte dies eigentlich die Diagonale sein, die jedes Frühjahr in Graz stattfindet. Die Bestellung einer neuen Intendanz durch den Kulturstaatssekretär Franz Morak (F.A.Z. vom 27.September) empfanden viele Filmschaffende als Enteignung. Prompt kündigten sie während der Viennale eine Gegen-Diagonale an, die im kommenden Jahr ebenfalls in Graz und vor dem regulären Termin abgehalten werden soll. Damit sind alte Schismen wiederhergestellt, welche die vormaligen Leiter Christine Dollhofer und Constantin Wullf mit ihrem außergewöhnlichen Talent zur Integration der hochdifferenzierten österreichischen Filmkultur überwunden hatten.

Die Viennale operiert mit der Rückendeckung des "roten" Wien, was ihrem Direktor Hans Hurch die Freiheit beschert, sich zu diesen Konfrontationen deutlich zu äußern. So spezifisch solche Streitereien auch sind, offenbaren sie doch überdeutlich die Situation eines föderalen Kleinstaats, der im Europa der großen Nationen auf eine eigene (Kanzler-)Stimme pocht, während seine Kulturpolitiker glauben, das herbe Wort des Provinzialismus führen zu müssen. Die Viennale hat über die Jahre so stark an Internationalität und Souveränität gewonnen, daß sie gut daran täte, sich auch in Zukunft dem österreichischen Kino kritisch zu konfrontieren, statt es ganz zu seiner eigenen Sache zu machen. Andernfalls geraten irgendwann selbst die blauen Neonröhren noch als politisches Zeichen unter Verdacht.

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