Tschack! Vor dem Abspann setzt es einen Handkantenschlag in den Zuschauerbauch - Takeshi Kitano weiß, was er den Fans schuldet. Seinem Star, der untersetzten Charakterbulldogge Beat Takeshi, hat er einen gedrungenen, dichten Film maßgeschneidert: „Outrage Beyond“ (im Wettbewerb) spult die Entzauberung des Yakuza-Mythos - man sitzt als Gangster offenbar meist in Konferenzen, wie in jeder anderen Krawattenträgerbranche - hartgesotten routiniert ab. Gewalt, etwa mit der Bohrmaschine vollbracht, hält alles zusammen, während altmodische E-Gitarrenakkorde den Ablauf in handliche Portionen zerhacken.
Unverkrampfte Zuneigung
Mehr Muße beim Zusehen verlangt der ebenso gewissenhafte wie leichtfüßige Olivier Assayas, der mit „Après Mai“ ins Rennen hüpft - die adoleszente Selbstfindungsgeschichte spielt Anfang der siebziger Jahre in und um Paris. Parkas, Demos, Mofas und eine Amerikanerin, die aus dem legendären „Blind Faith“-Mädchen-Plattencover in den Film geklettert ist: Eh bien, so könnte es gewesen sein, damals. Wo Assayas Straßenschlachten und Kinderguerrilla-Aktionen zeigt, versucht er, meist mit Erfolg, die Balance zu halten zwischen Set-Design-Prunk und der reifen Behandlung sozial unruhiger Sujets, wie sie vor rund zehn Jahren Mike Figgis in seiner Filmbearbeitung der Jeremy-Deller-Aktion „The Battle of Orgreave“ über die Konfrontation zwischen Bergarbeitern und der Staatsmacht unter Margaret Thatcher maßstabsetzend durchexerziert hat.
Für die Wiederbelebung einer kulturpolitisch alerten radikalen europäischen Linken im Geiste des von Assayas verehrten Guy Debord wird „Après Mai“ zwar so viel leisten wie Becketts beliebter Berberschwank „Warten auf Godot“ für die Obdachlosen: nichts. Aber der Regisseur hat seinen Gegenstand und sein Alter Ego Gilles (Clément Métayer) so unverkrampft gern, dass man diesem Helden wie seinen Freundinnen Laure und Christine mit Behagen zuschaut - zumal die beiden Frauen, verkörpert von Carol Combes und Lola Créton, sich auch vom wahrheitsgetreu wiedergegebenen Sexismus des seinerzeitigen Kämpfer- und Künstlermilieus nicht daran hindern lassen, stur graziös eigenen Absichten zu folgen.
Mit Toten, Toten, Toten
Zielstrebig und selbstbewusst geht auch der Koreaner Kim Ki-duk vor, der seinen achtzehnten, wie immer thematisch garstigen und ästhetisch überzeugenden Film „Pietà“ um ein absolutes Rabenaas arrangiert hat: Kang-do hasst Frauen, onaniert unter widerwärtigen Verrenkungen und arbeitet als Schuldeneintreiber für den Abschaum der Erpressergilde. Eines Tages wird eine Frau bei ihm vorstellig, die behauptet, seine seit Jahrzehnten abgängige Mutter zu sein, und bringt sein Leben in Ordnung - sofern man unter Ordnung etwas wie „blutige Tragödie mit ironischem Ausgang“ versteht. Das Darstellerduo Cho Min-soo (als Mama) und Lee Jung-jin (als Mistkerl) darf sich Hoffnungen auf eine Auszeichnung machen, die finstere Stimmung des Werkes wird die Jury nostalgisch stimmen: Waren nicht viele gute Filme so, vor zwanzig Jahren?
Noch länger her ist die Zeit Napoleons, in der die Portugiesin Valeria Sarmiento den Stoff für „Linhas de Wellington“ aufgetan hat. Ihr zweieinhalbstündiger patriotischer Wandteppich ergreift Partei gegen die „Juden und Freimaurer“ beziehungsweise „Antichristen“ aus Frankreich - kuriose Ausdrücke, aber wo John Malkovich einen so sehenswert blasierten Wellington gibt, die Regie auch komplizierteste Mehrteilchen-Wechselwirkungen in Massenszenen ohne Schielen im Blick behält und Gastgesichter von Deneuve über Piccoli bis Huppert antreten, will man ja kein politisch korrekter Spielverderber sein. Lang, breit, mit viel Kanonendonner und Toten, Toten, Toten: so muss ein Historienschinken sein, der die kultivierte Langeweile beisteuern darf, auf die Jury und Publikum in der Festivalmitte allemal ein Anrecht haben.