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Filmfestival Venedig : Die Wirklichkeit der Bilder

  • -Aktualisiert am

Strubbel-Rembrandt: Martin Freeman in „Nightwatching” Bild: Piotr Bujnowicz/FabrykaObrazu.com

Ein Zahntechniker, der zum Finanzschwindler wird, kommt gegen einen strubbligen, geilen und geistreichen Rembrandt nicht an: Neue Filme von Peter Greenaway und Vincenzo Marra am Lido.

          Dieser Film handelt von der Wirklichkeit, von heute, von ganz normalen Menschen. Das ist der Eindruck, wenn in „L'ora di punta“ (Stoßzeit) die Kamera über die belebten Straßen von Rom schwenkt, kaum an den Gesichtern der Passanten hängenbleibt, die herrlichen Palazzi nur als Hintergrund aufnimmt und schließlich einen der vielen Allerweltsmenschen fixiert. In Folge erzählt uns der Film die böse Geschichte dieses Filippo Costa, der mit schmierigen Tricks, Korruption und maßlosem Ehrgeiz vom kleinen Steuerfahnder zum neureichen Financier aufsteigt.

          Dass Vincenzo Marra uns da eine sehr realistische Biographie vorstellt, weiß in Italien jeder. Sie handelt vom Aufstieg des kleinen Zahntechnikers Stefano Ricucci, der sich im vergangenen Jahr über die Ehe mit einem Showgirl, mächtige politische Freunde und merkwürdig unbegrenzten Kredit zum Big Player der nationalen Medien- und Baubranche aufschwingen konnte. Ricucci landete im Gefängnis, seine Story im Kino.

          Geglättet und vereinfacht

          Man muss Regisseur Vincenzo Marra leider vorwerfen, dass er der rüden Ästhetik und der Gossensprache seiner realen Vorbilder keineswegs gewachsen ist. Er hat sein Sujet fürs Publikum geglättet, vereinfacht, cineastisch aufgeschickt und dadurch gegenüber dem Irrsinn der italienischen Gesellschaft nur geadelt. Wer Ricuccis schlauen Milchbubenblick einmal gesehen hat, vergisst ihn nicht. Von diesem Film hingegen bleibt kein Bild haften. Einzige Ausnahme: Fanny Ardant, welche die ältere Geliebte und Förderin des Aufsteigers mit so viel Würde und Innigkeit gibt, dass für diese wundervolle Frau jeder Ehrgeizling alle Pläne hätte fahrenlassen.

          Michele Lastella spielt in „L'ora die punta” einen neureichen Financier

          Die große Schwachstelle des Films - neben dem allzu glatten Hauptdarsteller Michele Lastella - ist sein Vertrauen ins Sichtbare. Alles ist gefilmt wie ein Bildungsroman, Schritt für Schritt und Einstellung für Einstellung. Dieses Genre konnte sich der Erfinder des Genres, Maupassant, bei seinem „Bel Ami“ noch erlauben, doch ist die gegenwärtig überhitzte Phase des Kapitalismus und der erspekulierten Vermögen geprägt von Hektik, Brutalität, Hässlichkeit, Gewöhnlichkeit, Medienterror. Nichts davon spiegelt dieser gemütliche Film wider. Italiens herrschende Klasse führt sich in Klatschpresse, Fernsehtalkshows und abgehörten Telefonaten freiwillig sehr viel gültiger vor.

          Alle haben Dreck am Stecken

          Peter Greenaways Festivalbeitrag handelt von einer anderen Wirklichkeit: von einem Bild, das vor über dreihundert Jahren gemalt wurde. „Nightwatchers“ erzählt eine Kriminalgeschichte rund um Rembrandts „Nachtwache“, die so verwickelt und überzüchtet ist, dass man sie nicht verstehen kann und wohl auch gar nicht soll. Irgendwie haben alle ehrbaren Mitglieder der Amsterdamer Schützengilde auf dem Gemälde Dreck am Stecken: Der Hauptmann wird noch während des Malauftrags erschossen, sein Stellvertreter benutzt das Waisenhaus, das er wohltätig verwalten soll, als Kinderbordell, andere haben fiese Geschäfte in Sklavenhandel, Wucher, Heiratsschwindel, Waffenhandel. Und der geniale, allzeit klamme Müllersohn Rembrandt schafft es, all diese ekligen Wahrheiten in seinem pompösen Theaterbild unterzubringen - wenn wir nur genau hinschauen.

          Natürlich hat die Kunstgeschichte, Gary Schwartz vorneweg, Identität und Absichten von Rembrandts Nachtwächtern bereits sehr genau erhellt. Aber Greenaways aberwitzige Umdeutung kleinster Details, seine Erfindung von Schurken und Mördern entwickelt großen Reiz, zumal das Komplott dem Regisseur über zwei Stunden Gelegenheit gibt, sich selbst als Maler von holländischen Gruppenbildern zu betätigen. Gemeinsam mit seinem großartigen Kameramann Reinier van Brummelen, der die Bilder in eine irreale Palette aus Filterfarben, Schlagschatten und Gegenlicht taucht, schwelgt Greenaway ganz ungeniert in der Schönheit altniederländischer Malerei. Er traut sich die Hybris, Rembrandt mit den Mitteln des Kinos nachzubilden.

          Das ist Greenaway

          Wer keinen Spaß hat an den voluminösen Halskrausen, den Turbanköpfen, den Linnenmiedern, den überladenen Tafeln, den falschen Bärten, Teppichen, geschlachteten Ochsen, lebensgroßen Kruzifixen, Säbeln, Zinnkrügen dieser Inszenierung, dem dürfte der verwickelte Krimi-Vorwand rund um die „Nachtwache“ schnell langweilig werden. Wer aber nur ein bisschen Augenlust für alte Bilder aufbringt, wird trotz der unmöglichen niederländischen Aussprache des polnisch-englischen Casts seine helle Freude haben. Greenaway erledigt das herkömmliche Kino und seine allzu kurzlebigen und hektischen Bilder, indem er ihm die statische Wirklichkeit der Malerei entgegenstellt.

          Martin Freemans strubbligen, geilen, geistreichen Rembrandt, verblüffend dessen Selbstbildnissen nachgestellt, wird man auch so schnell nicht vergessen. Nicht weil er war, wie im Film; wir wissen ja nicht, wer Rembrandt wirklich war. Nein, Greenaways genialer Film erschafft entlang der Malerei und einiger biographischer Details eine komplett artifizielle, manieristische, verrückte Bühne, die es beinahe mit den Schützenstücken der alten Holländer aufnehmen kann. Ganz am Schluss schwenkt die Kamera auf einen Figurenausschnitt der „Nachtwache“, einen Mann, der mit einem blinzelnden Auge über die Schultern der Schützenbrüder uns ins Gesicht schielt. Das ist Rembrandt. Das ist Greenaway.

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