01.09.2008 · Beim Filmfestival am Lido geht alles seinen unaufgeregten Gang. Zwischen Spirituosenwerbung und Luftfahrtprodukten geht das Festival in die zweite Halbzeit. Im Wettbewerb waren bisher nur die Filme aus diversen Mittellagen. Doch es gibt auch schöne Momente.
Von Verena Lueken, VenedigDen Mann fürs Leben über den Wolken zu treffen - das ist ein Versprechen, das das Kino mit der Luftfahrt verbindet. So sieht es jedenfalls die Firma Superjet International, die uns daran erinnert, dass Venedig neben dem Filmfestival auch eine herausragende Luftfahrtindustrie hat. Und weil diese kein ganz so romantisches Image pflegt wie das Kino, nutzt die Firma eine der einst bevorzugten Glamourzonen, um sich vorzustellen.
Vom Strand sieht das Hotel Excelsior immer noch aus wie ein Raumschiff, das in Verkleidung einer Fantasy-Ritterburg sich im Sand niedergelassen hat. Am Fuß der Terrasse begrüßen einen silbrige Damen mit der Mitteilung, der Sukhoi Superjet 100 sei das richtige Verkehrsmittel für uns und unsere Freunde. Ein halbes dieser Dinger ist oben am Treppenabsatz gestrandet. Das Meer sieht man von dort aus nicht, aber inzwischen ist jeder Blick aufs Wasser am Lido verstellt: Mit schwarzen Boxen eines Autosponsors, mit Korbwaben eines Spirituosensponsors oder eben einem halben Flugzeug. Die Hotelterrasse, während des Festivals einmal Treffpunkt der schönsten Leinwandstars, ist heute eine Halde für Luxusprodukte, die mit dem Kino nichts und mit dem Festival nur insofern zu tun haben, als sie Geschäftsleute anziehen, die hoffen, einen leibhaftigen Filmstar zu Gesicht zu kriegen. Die Chancen sind nicht groß.
In Venedig geht alles seinen unaufgeregten Gang
Vielleicht liegt es daran, dass die Marktschreier und Händler hier, anders als in Cannes oder Berlin, nicht mit Filmen handeln, dass das Festival nur das hässliche Gesicht des Geldscheffelns abbekommt, nicht seine Dynamik. Alles geht seinen unaufgeregten Gang. Im Wettbewerb waren bisher auch die Filme aus diversen Mittellagen. Müsste die Jury jetzt entscheiden und würde sie sich dabei inspirieren lassen vom Publikumsapplaus, gäbe es nur einen Kandidaten für den Goldenen Löwen: Hayao Miyazaki mit „Ponyo on the Cliff by the Sea“, die kleine Meerjungfrau, niedlich animiert und auf Japanisch.
Ansonsten gab es immerhin schöne Momente. Etwa den Blick von oben auf eine zwölfspurige, fast leere Autobahn bei Nacht, deren helle Markierungen aussahen wie Anweisungen auf einem fremden Brettspiel (“Ein perfekter Tag“ von Ferzan Özpetek). Oder die Idee, den chinesischen Mafiakönig der Markenimitate in São Paulo vom taiwanischen Mafiaprinzen der „Surplus“-Produkte ablösen zu lassen - das sind solche, die über den Markenauftrag hinaus vom selben Material in denselben Fabriken hergestellt werden (“Dangkou“ des Hongkong-Chinesen Yu Lik-wai). Oder Dominique Blanc als Sozialarbeiterin, die einer Trinkerin in der Entziehungskur sagt: „Betrunken gefielen Sie mir besser“ (“L'autre“ von Patrick Mario Bernard und Pierre Trividic).
Als seien sie die ganze Welt
Claire Denis hatte mehr als schöne Momente zu bieten. Ihr „35 rhums“ lief aber außer Konkurrenz. Es ist die Geschichte des Zugführers Lionel, der seine Tochter allein aufgezogen hat. Beide wissen, dass die gemeinsame Zeit zu Ende geht, weil Josephine erwachsen geworden ist. Claire Denis beobachtet gelassen ihren Alltag, die getrennten Stunden während der Arbeit, führt Kollegen ein und Freunde und bewegt sich mit den Figuren durch die Vorstädte von Paris, als seien sie die ganze Welt.
Fast alle sind schwarz hier, aber für die Regisseurin ist das nicht Thema, sondern selbstverständliches Setting, das sie in einer absurden Volte nur einmal verlässt, um Vater und Tochter nach Lübeck zu bugsieren, wo Ingrid Caven einen lächerlichen Auftritt hat. War es das Fördergeld aus einem schleswig-holsteinischen Topf, das sie dorthin führte? Jedenfalls zerstört der Ausflug einen Teil des Zaubers der Geschichte. Plötzlich kommt einem alles doch ein wenig zu harmonisch vor. Aber allein für die Szene, in der Vater, Tochter und ein paar Freunde mit Fremden in einer Bar zu trinken und zu tanzen beginnen und Claire Denis die verschiedenen Arten zu lieben einfängt, allein dafür hat sich das halbe Festival schon gelohnt.