23.09.2009 · Nur Buenos Aires hat mehr Psychoanalytiker als New York: Auf dem Festival in San Sebastián macht Juan José Campanellas neuer Film „El secreto de sus ojos“ begreiflich, warum ihn schon 1,3 Millionen Argentinier gesehen haben.
Von Paul IngendaayReden wir von der Wahrheit. Etwa den Ereignissen nach der Einnahme von Nanking 1937, als japanische Soldaten die Chinesen zu Hunderttausenden töteten, wie es der chinesische Regisseur Lu Chuan in seinem Film „City of Life and Death“ in unbarmherzigen, streng rhythmisierten Schwarzweißbildern zeigt: hundertfünfunddreißig Minuten Trommelfeuer, Massenexekutionen, Vergewaltigungen, abgeschnittene Köpfe, dazwischen Figuren, die von den historischen Umständen umhergeworfen werden wie alte Lappen. Oder die Wahrheit in den Köpfen zweier Menschenhändler, die vietnamesische Kinder aus den Bordellen ihres Heimatlandes nach Europa bringen, um sie an adoptionswillige Paare zu verkaufen: Der deutsche Regisseur Matthias Glasner arbeitet sich daran in seinem tristen, mangelhaft konstruierten Film „This Is Love“ ab, der beim Filmfestival von San Sebastián abermals den Ruf konsequenter deutscher Miesepetrigkeit bestätigte. Manche Wahrheiten kaufen wir einfach nicht. Andere erreichen uns nicht. Wieder andere sind uns egal. Es liegt nicht an der Wirklichkeit. Es liegt daran, wie sie dargeboten wird.
Doch da gibt es noch andere Wahrheiten, die ganz dem Kino gehören und die uns nur deshalb verführen, weil sie nicht mit dem Gestus gesellschaftlicher Wichtigkeit auftrumpfen, sondern in Filmkunst gekleidet sind. Dafür ist es erforderlich, ein dichtes, packendes Drehbuch zu schreiben. Die richtigen Dinge auszulasssen. Sinn für das Große und Kleine zu haben. Den Schauspielern eine Spielfläche zu geben. All das ist der Fall bei dem argentinischen Regisseur Juan José Campanella, der nach vier Festivaltagen mit „El secreto de sus ojos“ (Das Geheimnis ihrer Augen) bei Publikum und Kritik als aussichtsreicher Kandidat für den Hauptpreis gehandelt wird. Campanella hat es geschafft, einen schweren und leichten Film zugleich zu drehen, eine Liebesgeschichte in einen Justizthriller zu packen und diesen mit Elementen von hochkomischer Bürosatire anzureichern. Fünf Wochen nach dem Start in Argentinien hat „El secreto de sus ojos“ schon 1,3 Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt. Jetzt verstehen auch wir, wieso.
Von der Vergangenheit in die Zukunft
Benjamín Espósito, frisch pensionierter Justizbeamter in Buenos Aires, kann einen fünfundzwanzig Jahre zurückliegenden Mordfall nicht vergessen. Der Mörder einer jungen Frau wurde seinerzeit verhaftet und verurteilt, kam aber bald wieder frei, weil er den Militärs als Informant nützlich war. Seinerzeit, beim Übergang in Argentiniens bleierne Jahre der Diktatur, riss in den Augen der Ermittlungsrichter nicht nur ein Faden der Gerechtigkeit. Auch die mögliche Liebe zwischen Espósito (Ricardo Darín) und seiner Vorgesetzten Irene (Soledad Villamil) zerschlug sich.
Juan José Campanella ist fasziniert davon, wie Menschen ihre eigene Vergangenheit deuten und von dort aus den Weg in die Zukunft suchen. Das ist nicht nur argentinischer Nostalgiesucht geschuldet, zwanghafter Introspektion oder dem Umstand, dass Buenos Aires neben New York wohl die höchste Dichte an Psychoanalytikern aufweist, sondern einem erzählerischen Interesse an den Möglichkeitswelten, die sich im Kopf jedes Einzelnen von uns ansammeln und - eine gewisse Wachheit vorausgesetzt - nie wieder verschwinden. Das kleine Universum der Ermittlungsbeamten, das Campanella zeichnet, wirkt mit zunehmender Dauer des Films wie ein Laboratorium für die härter werdende Wirklichkeit draußen. Am Anfang fliegen im Büro Anzüglichkeiten umher, nichts ist ganz ernst, und es herrschen Laissez-faire und ein wunderbar träger Zynismus. Dann verbeißt sich Espósito in den Mordfall, zieht auch seinen trinkenden Kollegen Sandoval hinein und provoziert nicht nur einen Rachemord, sondern auch sein eigenes berufliches Exil in der Provinz. Bis einige Ungereimtheiten den älteren Herrn zu der kalten Spur zurückführen und alle Gewissheiten die Farbe wechseln.
Lügen und Wahrheiten
Ricardo Darín hat in den vier letzten Filmen seines Freundes Campanella die Hauptrolle gespielt. Den größten Erfolg hatten die beiden mit der Komödie „Der Sohn der Braut“ (2001), die den Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film erhielt. Neben der zauberhaften Soledad Villamil glänzt in Campanellas neuem Werk auch Guillermo Francella als unergründlicher Säufer. Man sieht ihn übrigens kaum trinken und hört ihn nicht lallen. Man braucht nur seine verlorenen Blicke zu sehen.
Das Spanische erlaubt, den Titel „El secreto de sus ojos“ sowohl auf „seine“ wie auch auf „ihre“ Augen zu beziehen, auf Mann und Frau, auf die eines Einzelnen und die aller. Und es sind wirklich die Blicke, mit deren Hilfe diese Geschichte erzählt wird. Juan Campanella hat darin mindestens so viele Lügen aufgestapelt wie Wahrheiten. Am Ende begreift Espósito ihre gegenseitige Durchdringung als Summe seines Lebens. Die private Geschichte von aufgeschobener Sehnsucht und verpassten Möglichkeiten weitet sich zur Parabel über ein Land, das Schweigen und Wegschauen zum System erhoben hat.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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