Woody Allen ist nicht gekommen. Trotzdem durfte er das Jerusalemer Filmfestival eröffnen. Ein israelischer Film, der für die traditionelle Freilichtaufführung zu Beginn taugte, war offenbar nicht zu finden. So lief Allens Hommage an die italienische Hauptstadt „To Rome with love“ im Sultan’s Pool unterhalb der Stadtmauer ohne den amerikanisch-jüdischen Regisseur. Allen dreht zwar mittlerweile überall in Europa, ist aber noch nie nach Israel gereist.
Auf dem Jerusalemer Festival macht sich schon seit einiger Zeit ausländische Prominenz rar. In den Anfangsjahren kamen noch Schauspieler wie Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni. Doch inzwischen hat das israelische Kulturleben damit zu kämpfen, dass immer mehr Künstler wegen der andauernden Besetzung der Palästinensergebiete Abstand halten. Auch palästinensische Filmemacher, die früher häufig zu Gast waren, passieren nur noch selten die israelische Sperrmauer. Von der Terrasse der Cinémathèque, wo das Festival zu Hause ist, ist sie zu sehen.
Doch das Filmfest lebt nicht von den Stars auf dem roten Teppich. Mit Filmen aus 45 Ländern bot die 29. Ausgabe viel Sehenswertes, auch wenn dieses Mal nichts Oscar-verdächtiges dabei war, wie vor einigen Jahren „Ajami“. Dafür versuchte die neue Festival-Leiterin Alesia Weston, mit der Serie „Freunde und Nachbarn“ neue Zugänge zu eröffnen - „zu einer Welt, die uns sehr nahe und gleichzeitig sehr weit weg ist“, sagt sie, die bis vor kurzem dem Leitungsteam des amerikanischen Sundance-Festivals angehörte. Das gelang besonders gut bei den Annäherungen an die Welle der Revolutionen und Proteste im Nahen Osten, die im vergangenen Sommer auch einige Wochen lang Israel erfassten.
Wehmütig und traurig
Schon der Titel von Omar Shargawis Dokumentarfilm „½ Revolution“ lässt Enttäuschung anklingen. Zusammen mit Freunden drehte der palästinensisch-dänische Filmemacher Anfang 2011 mit Video- und Handykameras elf Tage lang die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz. Ihre erste Begeisterung schlägt in Angst und Ernüchterung um. Sie fliehen aus Kairo, das in Gewalt zu versinken droht.
Wehmütig wirkt Regev Contes Rückblick auf den israelischen Protestsommer des vergangenen Jahres. Über Facebook hatte der Israeli vor einem Jahr zufällig Kontakt zu Daphne Leef bekommen, der Initiatorin der Demonstrationen. Beiden war gerade ihre Wohnung gekündigt worden. Über Nacht wurde Contes an die Spitze der Protestbewegung katapultiert. Hunderttausende versammelten sich rund um die Zelte auf dem Rothschild-Boulevard. Noch viel größer ist Contes Verwunderung über sich selbst: Bis zum vergangenen Sommer hatte er es vorgezogen, anderen Menschen im Internet zu begegnen. In „Friends“ erzählt er, mit selbstironischer Distanz, wie er auf einmal zum Anführer einer Bewegung wurde, die nach ein paar Monaten nicht mehr wusste, was sie aus der überraschenden Solidarität machen soll.
In dem israelischen Spielfilm „Epilog“ von Amir Manor sind die beiden traurigen Hauptfiguren zwei gescheiterte israelische „Pioniere“. Hayuta und Berl gehören der Generation an, die den Staat aufgebaut haben, in dessen materialistischen Gesellschaft sie sich nicht mehr zurechtfinden. Das traurige alte Ehepaar ist seinen sozialistischen und zionistischen Idealen treu geblieben. In einem letzten verzweifelten Versuch lädt Berl auf Plakaten seine Nachbarn ein, nach alter jüdischer Tradition die Welt noch einmal zu reparieren. Dann beschließt er, mit seiner Frau in den Tod zu gehen.
Wie ein Stigma
Einsamkeit und Isolation, selbst mitten in der eigenen Familie, gehören zu den Motiven, die in den israelischen Wettbewerbsbeiträgen immer wiederauftauchen. Im Dokumentarfilm „Family time“ von Nitzan Gilady ringt eine aus dem Jemen stammende jüdische Familie um ihren Zusammenhalt. In einem Wohnmobil sind sie auf engstem Raum in Richtung Grand Canyon unterwegs. Ein Sohn ist homosexuell, der zweite leidet an einem Kriegstrauma, und der dritte flieht aus der Umklammerung der Familie nach Kalifornien. Keinen einzigen Enkel haben sie ihren Eltern geboren. Der patriarchalische Vater fürchtet, die Kontrolle über seine Familie zu verlieren, die ein ganz anderes Leben lebt, als er es für sie wollte.
Auf vielen israelischen Familien lastet die Vergangenheit wie ein Stigma und erschwert die Nähe zwischen Eltern und Kindern. Dana Doron und Uriel Sinai haben für ihren Dokumentarfilm „Numbered“ Holocaust-Überlebende besucht, denen in Auschwitz ihre Häftlingsnummer auf den Arm tätowiert worden ist. Die schwarzen Ziffern und Buchstaben sind Teil ihres Lebens geworden; kaum jemand hat sie beseitigen lassen, obwohl Ärzte das könnten. In ihren Familien dienen sie als Geheimnummern für den Safe oder als Passwort für das Internet. Die Tochter eines ehemaligen Auschwitz-Häftlings ließ sich die Nummer ihres verstorbenen Vaters sogar auf ihren Fußknöchel tätowieren, um sich ihm nahe zu fühlen.
Filmen, um zu heilen
Die Gegenwart und der ungelöste Nahost-Konflikt bieten jedoch weiterhin die stärksten Stoffe. Als bester Spielfilm wurde in Jerusalem „Sharqiya“ ausgezeichnet, der die Geschichte einer Beduinenfamilie erzählt, deren Haus abgerissen werden soll. Zu Recht erhielt die palästinensisch-israelische Produktion „Five Broken Cameras“ den Preis für den besten Dokumentarfilm.
Der Palästinenser Emad Burat hatte sich seine erste Kamera gekauft, um seinen eben geborenen Sohn Dschibril auf seinen ersten Schritten ins Leben aufzunehmen. Doch im selben Jahr beginnt die israelische Armee damit, die Sperranlage seines Heimatdorfes Biliin zu bauen. Phantasievoll und unerschrocken demonstrieren die Einwohner jeden Freitag dagegen. Durch den Sucher seiner Videokameras und die Augen seines Sohnes zeigt der Film diesen Kampf, bei dem mehrere Bewohner des Dorfes ums Leben kommen. Fünf Kameras von Emat Burnat gehen in den fünf Jahren zu Bruch.
Er filme, um zu heilen, sagt der Palästinenser, rund um dessen Dorf nichts heil geblieben ist. Eine Kamera rettete ihm sogar das Leben. Sie stoppte die Kugel eines israelischen Soldaten.