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Filmfestival in San Sebastián : Schneewittchens Vater ist Torero

Sie warten nicht auf Diane Arbus, sondern spielen die Zwerge in „Blancanieves“, einer hinreißenden Märchenversion Bild: Festival

Ben Affleck bei der CIA? Penelope Cruz in Serbien? Beim 60. Internationalen Filmfestival in San Sebastián gab es noch ganz andere Überraschungen.

          So gut hat in San Sebastián schon lange kein Filmfestival mehr angefangen: Keine Niete unter den ersten sechs Filmen, sondern eine anregende Mischung aus Hollywood-Mainstream und überraschendem europäischen Autorenkino. Gegen das Erste ist nichts einzuwenden, schließlich müssen auch Stars und Glamour an die Muschelbucht kommen, gleich am Anfang Richard Gere und Susan Sarandon, später Ben Affleck, John Travolta und Oliver Stone (die beiden Letzteren erhielten den Donostia-Preis für ihr Lebenswerk), und ganz am Schluss wird Dustin Hoffman erwartet, der außerhalb des Wettbwerbs sein Regiedebüt „Das Quartett“ vorstellen wird.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          In den ersten Tagen war noch zauberhaftes Wetter, da stahl sich Catherine Deneuve durch den Hintereingang ins Hotel, um den Fotografen zu entgehen, wie Kenner es vorausgesehen hatten. Ganz anders Benicio del Toro, von dem das örtliche Blatt „El Diario Vasco“ berichtete, er habe in der bekanntesten Diskothek der Stadt Tequila aus der Flasche getrunken, John Travolta sei auch dabei gewesen. Nur wir haben wieder gefehlt.

          Leseprobe für einen fiktiven Film: Ben Affleck und Ensemble in „Argo“

          Ein Wort zum Mainstream. Ben Affleck hat mit „Argo“ keinen schlechten Film gedreht. Die Geschichte der sechs amerikanischen Botschaftsangestellten, die 1979 der Teheraner Geiselnahme entgingen und sich im Haus des kanadischen Botschafters versteckten, um dann durch einen filmreifen Trick (sie posierten als Crew eines Science-Fiction-Films on location in Iran) wieder freizukommen, hat eine kompakte Dramatisierung wie diese verdient. Nur die Hauptfigur ist fehlbesetzt; Ben Affleck als bärtiger CIA-Stratege hat die Ausstrahlung einer mittelgroßen Schlafzimmerkommode, und irgendwie glaubt man am Ende, die Leute hätten sich auch ohne ihn retten können, was erwiesenermaßen nicht stimmt.

          Ein schwarzweißes Schneewittchen

          Wer heute noch einen Stummfilm in Schwarzweiß dreht, gilt seit letztem Jahr als Nachäffer des Oscar-Gewinners „The Artist“, doch im Fall von „Blancanieves“, einer spanischen Schneewittchen-Geschichte von Pablo Berger, geht der Vorwurf daneben. Das Projekt ist acht Jahre alt und wurde erst jetzt fertig. Zählt man auf, was alles darinsteckt, klingt es grauenhaft, aber wir schwören: Das täuscht. Ein Grimmsches Märchen im Spanien der zwanziger Jahre; Papa ist ein berühmter Stierkämpfer, landet aber im Rollstuhl; Mutter stirbt simultan bei der Geburt der Tochter; böse Krankenschwester heiratet wehrlosen Papa und sperrt ihn weg, während Schneewittchen in einem Drecksloch hausen muss, bis es ausgesetzt wird und bei sieben authentischen Zwergen unterkommt, die mit einer Stierkampfshow über Land tingeln.

          Es gibt mindestens vier Gründe, warum die Sache zu einem hinreißenden Märchenfilm für alle Altersstufen wird. Eine dichte Handlung, grandiose Darstellerinnen (Sofía Oria und Macarena García als kleines und großes Schneewittchen sowie Maribel Verdú als Stiefmutter), die kristallklaren Bilder des Kameramanns Kiko de la Rica und ein wunderbarer Soundtrack von Alfonso Vilallonga. Droht Rührung, leuchtet gleich wieder wilde Komik. Die Statisten sind so gut ausgewählt, als wären sie alten Fotoporträts der Zweiten Spanischen Republik entsprungen, manches zahnlose Maul weist direkt auf Goya zurück. Wie ernst man das Ganze nehmen soll, wird nie klar, aber es geht zu Herzen: romantische Poesie aus dem Geist richtig verstandener Folklore.

          Ja, es gibt in der Geschichte auch einen Hahn, so wie es in „The Artist“ das Hündchen gibt, doch jeder weiß, wie wichtig Tiere im Stummfilm für den komödiantischen Anteil sind. Tiere brauchen nicht zu reden, um ihr Wesen auszudrücken. Dass der massige Stier, gegen den Schneewittchen am Ende kämpft, vom Publikum in der Arena begnadigt wird, darf als einziges Zugeständnis an das stierkampfkritische Spanien des dritten Jahrtausends gelten.

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