13.05.2009 · Wie steht es im Krisenjahr um den Glamourfaktor von Cannes? Im Programm sind amerikanische Blockbuster auch außer Konkurrenz kaum zu finden. Für Verena Lueken eher ein Hoffnungszeichen: Das Filmfestival stemmt sich gegen die Krise.
Von Verena LuekenSpätestens als die ersten Partyeinladungen kamen, war klar, dass die weltweite Krise am Filmfestival in Cannes nicht spurlos vorüberziehen würde. Aus jährlichen Abendveranstaltungen mit Buffet wurden dieses Jahr Cocktailempfänge, aus Cocktailempfängen Informationszusammenkünfte, und vieles fällt offenbar einfach aus, wie die britische Presse zu berichten wusste, die um Starauftritte und den Glamourfaktor am roten Teppich bangt, weil sie mit der Berichterstattung über solcherlei ihr Geld verdient. Sei's drum, könnte man sagen, wie ist denn das Programm?
Ein Gewimmel von alten Bekannten. Ken Loach (Goldene Palme 2006 für „The Wind That Shakes the Barley“), Jane Campion (Goldene Palme 1993 für „Das Piano“), Michael Haneke (Regie-Palme 2004 für „Caché“), Lars von Trier (verschiedene Palmen, zum achten Mal dabei), Alain Resnais, der 1959 zum ersten Mal mit „Hiroshima Mon Amour“ nach Cannes kam, Johnny To, der ebenfalls schon x-mal hier war, wie auch Pedro Almodóvar und Quentin Tarantino. Erst zum zweiten oder dritten Mal dabei sind Ang Lee, Andrea Arnold, Park Chan-Wook oder Elia Suleiman. Sie alle konkurrieren um die Goldene Palme. Aber auch in den Nebenreihen gibt es zahlreiche Beiträge üblicher Verdächtiger, Pavel Lungin ist wieder da, Hirokazu Kore-Eda, Bahman Ghobadi, Alain Cavalier und viele andere.
Die Stunde der Filme aus der Werkstatt schlägt
Aber was lässt sich, bevor an diesem Mittwochabend im Festivalpalast zum ersten Mal das Licht ausgeht, eigentlich daraus ableiten? Ist es ein Zeichen für das nahe Ende des Kinos, wie manch einer schon wieder schreibt, für eine in einem unwilligen Markt versickernde Kreativität - und für das Festival in Cannes wirklich ein Armutszeugnis?
Eher nicht. Ein solches Programm, in dem amerikanische Blockbuster - deren Präsenz in Cannes in vergangenen Jahren immer wieder mal herhalten musste, um seinerseits den drohenden Untergang des Kinos und des Festivals auszurufen - auch außer Konkurrenz kaum zu finden sind, ein Programm, das ausgewiesene Autorenfilmer aus der ganzen Welt versammelt, ist eher ein Hoffnungszeichen. Fürs Kino wie fürs Festival. Cannes sei das kommerziellste der drei großen internationalen Filmfestivals, heißt es immer, was seine Berechtigung hat, wenn man sich die Bedeutung des Filmmarktes anschaut und beobachtet, wie Hollywood das Festival immer wieder als Startrampe für seine Großproduktionen benutzt hat.
In diesem Jahr nun, da die Amerikaner auch wegen des Autorenstreiks im Herbst 2007 außer dem 3-D-Animationsfilm „Up!“ zur Eröffnung nicht viel zu zeigen haben und insgesamt offenbar mit dem Problem kämpfen, ihre Produktionen durch internationale Pre-Sales nicht mehr so zügig finanzieren zu können, schlägt in Cannes die Stunde jener Filme, die nicht aus der Industrie, sondern aus der Werkstatt kommen. Die eine persönliche Handschrift, eine individuelle Vision zeigen. Und die von Regisseuren stammen, die sich bereits einen Ruf erworben haben.
Das Filmgeschäft ist immer in der Krise
Cannes war, jedenfalls in seinem Wettbewerb, noch nie ein Nachwuchsfestival. Dieses Jahr schaut das Programm nur besonders bewährt aus, was die Namen angeht. Aber heißt das, es wird keine aufregenden Filme geben? Ist es nicht vielmehr ein gutes Zeichen, dass kontinuierlich entstehende Werke jenseits des Mainstream in Europa, in Asien und selbst in den Vereinigten Staaten noch möglich sind?
Zu behaupten, in der allgemeinen Krise sei auch das Kino in der Krise, ist nicht besonders originell. Es ist noch nicht einmal besonders richtig. Denn die gefährlichste Bedrohung des Kinos, die längst auch das DVD-Geschäft erreicht hat, besteht in Internet-Downloads, legalen oder illegalen, und hat mit der Wirtschaftskrise weder im engeren noch im weiteren Sinn zu tun. Wie der Buchmarkt, so ist auch das Filmgeschäft immer in der Krise, die Krise ist ihm sozusagen eingeschrieben, weil immer eine Seite - ob Kunst oder Geschäft - den Eindruck vermittelt, zu kurz zu kommen. In Cannes könnte es in diesem Jahr zum ersten Mal seit langer Zeit wieder dazu kommen, dass das Geschäft nicht so richtig läuft, während die Kunst floriert. Haben wir nicht lange auf einen neuen Spielfilm von Jane Campion gewartet? Sind wir nicht gespannt darauf, was Andrea Arnold nach „Red Road“ eingefallen ist? Und wer Wochen nach Bekanntgabe der Wettbewerbsbeiträge immer noch behauptet, schon wieder habe es kein deutscher Film an die Croisette geschafft, muss sich belehren lassen: Michael Hanekes „Weißes Band“ gilt als deutscher Film, er hat eine deutsche Geschichte und ist mit deutschem Geld in deutscher Sprache gedreht.
Auch Stars werden da sein. Jeden Tag Isabelle Huppert, die der Wettbewerbs-Jury vorsitzt, der unter anderen auch Asia Argento angehört. Penélope Cruz. Brad Pitt. Und natürlich all die Regisseure. Dass im Yachthafen Boote, die in anderen Jahren für die gesamte Festivalzeit vermietet wurden, in diesem Jahr stundenweise zu chartern sind, muss nicht unsere Sorge sein.