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Filmfestival Cannes Nadelstiche und Dolchstöße

15.05.2009 ·  Jede Menge Liebesfilme beim Festival in Cannes: Jane Campion erzählt in „Bright Star“ von einem untergegangenen Gefühl, Park Chan-Wook eine Blutsaugerromanze. Mit Varianten des Liebesfilms, Familienfilmen, gehen Andrea Arnold und Francis Ford Coppola in den Wettbewerb.

Von Verena Lueken, Cannes
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Abends um sieben gibt es keinen Stau auf der Croisette, nicht auf der Straße, nicht auf dem Bürgersteig. Das ist das einzige Zeichen für den Besucher, der hier keine Geschäfte machen will, dass etwas anders ist in diesem Jahr. Allerdings war auch der koreanische Vampir, der mal ein Priester war, im Wettbewerb ein bisher ungesehener Anblick. Aber kein Symbol.

Park Chan-Wook brachte mit seiner Blutsaugerromanze „Thirst“ einen der in diesem Jahr zahlreichen Liebesfilme nach Cannes. Natürlich sind es keine glücklichen Paare, um die es geht, auch bei Park nicht - ein glücklicher Vampir für Erwachsene, das wäre mal was. Nach einem starken ersten Teil aber, der melancholisch ist und poetisch, stilisiert Park im zweiten Teil in einer Mischung aus Horror und Phantastik dann so hochgradig, dass man die Melancholie ans Überdrehte verliert und gegen das Unglück immun bleibt. Ein wunderschöner Schluss, zu dem ein Sonnenaufgang gehört, ein Blick über die Klippen, zwei Paar Schuhe und eine bewegungsstarre Schwiegermutter, rettet Parks Liebesgeschichte der besonderen Art dann doch noch vor der Albernheit.

Intimität ohne Berührungen

Dagegen hat man in „Bright Star“ von Jane Campion den Eindruck, dass hier von einem Gefühl erzählt wird, das mit der Zeit, in der ihre Geschichte spielt, untergegangen ist. Es geht um die Liebe zwischen John Keats und Fanny Brawne, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Es ist das Jahr 1818, Keats ist dreiundzwanzig, wird bald der Schwindsucht anheim- und im folgenden Jahr in Rom ihr zum Opfer fallen. Fanny und ihm bleibt ein knappes Jahr, immerhin jede Jahreszeit einmal, erschwert in ihrem Zusammensein durch die Ablehnung der Verbindung von allen anderen, Familie, Freunden, denn Keats hat nichts, Fanny aber immerhin Chancen auf eine passable Partie. So sehen es alle, die sie umgeben, nur die beiden sehen es anders. Und Jane Campion, bis heute immer noch die einzige Frau, die jemals mit einer Goldenen Palme nach Hause gehen konnte, ist ganz auf ihrer Seite. Fanny, gespielt von Abbie Cornish, näht, ihre Phantasie geht in die Mode, und mit einem ins Dolchhafte vergrößerten Stich durch ein Stück Leinen beginnt der Film. Fanny trifft Keats, den Dichter, kreativ auf Augenhöhe, und obwohl er sich am Anfang über ihr Nähen ein bisschen lustig macht, weiß das auch Keats (Ben Wishaw). Zwischen ihnen entwickelt sich eine Intimität, die lange ohne Berührungen auskommt, aber von Jane Campion so sinnlich gemacht wird, dass man meint zu spüren, wie der Wind über die Haut streicht, wenn die beiden sich anschauen. Die wunderbare Sprache und das Licht, das Fanny in ihren Kleidern, John Keats in seinen Gedichten lebendig halten will, sind die wesentlichen Werkzeuge von Jane Campion, deren Geschichte traurig endet, aber vom Glück erzählt.

Liebesfilme handeln ja meistens (wenn nicht von Vampiren) von Menschen, dennoch erschließen sie sich manchmal über die Orte. Vielleicht bleiben die Figuren uns fremd, ihre Gefühle unverständlich, die Entwicklung zwischen ihnen kaum nachvollziehbar - aber die Clubs, in die sie gehen, die Wohnungen, in denen sie sich treffen, die Straßenecken, an denen sie essen, die Büros, in denen sie arbeiten, das kleine Haus auf einer Insel, in dem sie sich lieben, all das atmet etwas, für das es lohnt, zwei Stunden im Kino zu sitzen. So ist es in dem Wettbewerbsfilm des Chinesen Lou Ye, „Frühlingsfieber“, gewesen, der eine Liebesgeschichte in wechselnden Konstellationen in Nanking erzählt. Es ist ein ungleichmäßiger Film mit starken Passagen und ganz schwachen, und manchmal schläft die Dynamik vollständig ein. Aber die Bäume und die Wege um das Haus herum, in dem das erste Paar, zwei Männer, sich leidenschaftlich ineinander verkeilt haben, besitzen ihre eigene Körperlichkeit, ebenso wie die Stadt, in die sie zurückfahren. So findet die unendliche Traurigkeit, die über diesem Film liegt, einen Boden.

In den Randbezirken der Gesellschaft

Eine Variante des Liebesfilms ist natürlich der Familienfilm, und eine Mischung aus beiden hat Andrea Arnold gedreht, die zweite Frau mit einem Film im Wettbewerb. Ihr „Fish Tank“ erzählt von der fünfzehnjährigen Mia in Essex, die gerade von der Schule geflogen ist und ihre Tage damit verbringt, wütend durch die Gegend zu laufen, in einer leeren Wohnung HipHop zu tanzen und zu trinken, was immer ihr in die Hände fällt. Katie Jarvis, eine Laiendarstellerin, spielt das mit einer aggressiven Wucht, bis ihr der neue Freund ihrer Mutter ein paar Angebote der Nähe macht, auf die sie mit der Gier eines emotional vollkommen ausgehungerten Kindes reagiert. Die Gegend, in der das spielt, ist verrottet, ein heruntergekommenes Apartmenthaus, eine Wohnwagensiedlung, in der ein verhungerndes Pferd steht, vermüllte Zimmer oder leerstehende Löcher, dazwischen Menschen, die keine Sprache für ihre Gefühle haben. Andrea Arnold schaut genau hin, auf die Umgebung, die Details in der Kleidung, der Musik, den Geräuschen, so dass man meint, den Figuren beim Leben zuzuschauen, einem Leben in den Randbezirken der Gesellschaft, in das uns, so scheint es, nur hin und wieder ein Film aus England Einblick gibt.

Und auch Francis Ford Coppola kam mit einer Familiengeschichte, in der allerdings nicht Mutter und Tochter, sondern Vater und Sohn zur selben Zeit mit derselben Frau ins Bett gegangen sind. Coppola hat es vorgezogen, „Tetro“ als Eröffnungsfilm der Parallelveranstaltung „Quinzaine des Réalisateurs“ zu zeigen, weil er meinte, seinem kleinen persönlichen Film bekäme das besser. Klein und persönlich schließt bei Coppola ja nicht aus, dass Teile der Geschichte als Oper gespielt oder auch getanzt werden, was in seinem Schwarzweißfilm immer wieder für Farbeinlagen sorgt. „Tetro“ ist sein erster Film nach einem von ihm geschriebenen Originaldrehbuch seit „The Conversation“ 1974, ist vollständig in Buenos Aires gedreht und sieht am Anfang ganz vielversprechend aus.

Ein ganzer Sack ödipaler Probleme

Es geht um zwei Brüder, gespielt von Vincent Gallo und Alden Ehrenreich, die verschiedene Mütter haben, aber denselben Vater, einen weltberühmten Dirigenten, den Klaus Maria Brandauer gibt. Bei Coppola geschieht alles vor der Kamera, die bewegungslos notiert, und für eine Weile reicht es, sich in den Straßen von La Boca umzutun und zu sehen, wie gut Schwarzweiß auf Breitwand aussieht. Aber dann werden die Rückblenden und die Operneinlagen immer zahlreicher und in ihrem Verlauf ein ganzer Sack ödipaler Probleme ausgepackt, die nicht besonders interessant sind. Von der zerstörerischen Kraft der Liebe hat uns Park in seiner Vampirgeschichte mehr erzählt, von ihrer heilenden Jane Campion und von Familien, vor denen nur Flucht noch Rettung bringt, Andrea Arnold.

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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