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Filmfestival Cannes : Nadelstiche und Dolchstöße

Die Gier der emotional Ausgehungerten: Katie Jarvis in Andrea Arnolds Wettbewerbsbeitrag „Fish Tank” Bild: Festival

Jede Menge Liebesfilme beim Festival in Cannes: Jane Campion erzählt in „Bright Star“ von einem untergegangenen Gefühl, Park Chan-Wook eine Blutsaugerromanze. Mit Varianten des Liebesfilms, Familienfilmen, gehen Andrea Arnold und Francis Ford Coppola in den Wettbewerb.

          Abends um sieben gibt es keinen Stau auf der Croisette, nicht auf der Straße, nicht auf dem Bürgersteig. Das ist das einzige Zeichen für den Besucher, der hier keine Geschäfte machen will, dass etwas anders ist in diesem Jahr. Allerdings war auch der koreanische Vampir, der mal ein Priester war, im Wettbewerb ein bisher ungesehener Anblick. Aber kein Symbol.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Park Chan-Wook brachte mit seiner Blutsaugerromanze „Thirst“ einen der in diesem Jahr zahlreichen Liebesfilme nach Cannes. Natürlich sind es keine glücklichen Paare, um die es geht, auch bei Park nicht - ein glücklicher Vampir für Erwachsene, das wäre mal was. Nach einem starken ersten Teil aber, der melancholisch ist und poetisch, stilisiert Park im zweiten Teil in einer Mischung aus Horror und Phantastik dann so hochgradig, dass man die Melancholie ans Überdrehte verliert und gegen das Unglück immun bleibt. Ein wunderschöner Schluss, zu dem ein Sonnenaufgang gehört, ein Blick über die Klippen, zwei Paar Schuhe und eine bewegungsstarre Schwiegermutter, rettet Parks Liebesgeschichte der besonderen Art dann doch noch vor der Albernheit.

          Intimität ohne Berührungen

          Dagegen hat man in „Bright Star“ von Jane Campion den Eindruck, dass hier von einem Gefühl erzählt wird, das mit der Zeit, in der ihre Geschichte spielt, untergegangen ist. Es geht um die Liebe zwischen John Keats und Fanny Brawne, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Es ist das Jahr 1818, Keats ist dreiundzwanzig, wird bald der Schwindsucht anheim- und im folgenden Jahr in Rom ihr zum Opfer fallen. Fanny und ihm bleibt ein knappes Jahr, immerhin jede Jahreszeit einmal, erschwert in ihrem Zusammensein durch die Ablehnung der Verbindung von allen anderen, Familie, Freunden, denn Keats hat nichts, Fanny aber immerhin Chancen auf eine passable Partie. So sehen es alle, die sie umgeben, nur die beiden sehen es anders. Und Jane Campion, bis heute immer noch die einzige Frau, die jemals mit einer Goldenen Palme nach Hause gehen konnte, ist ganz auf ihrer Seite. Fanny, gespielt von Abbie Cornish, näht, ihre Phantasie geht in die Mode, und mit einem ins Dolchhafte vergrößerten Stich durch ein Stück Leinen beginnt der Film. Fanny trifft Keats, den Dichter, kreativ auf Augenhöhe, und obwohl er sich am Anfang über ihr Nähen ein bisschen lustig macht, weiß das auch Keats (Ben Wishaw). Zwischen ihnen entwickelt sich eine Intimität, die lange ohne Berührungen auskommt, aber von Jane Campion so sinnlich gemacht wird, dass man meint zu spüren, wie der Wind über die Haut streicht, wenn die beiden sich anschauen. Die wunderbare Sprache und das Licht, das Fanny in ihren Kleidern, John Keats in seinen Gedichten lebendig halten will, sind die wesentlichen Werkzeuge von Jane Campion, deren Geschichte traurig endet, aber vom Glück erzählt.

          Jane Campion stellt ihren neuen Film, „Bright Star”, vor
          Jane Campion stellt ihren neuen Film, „Bright Star”, vor : Bild: REUTERS

          Liebesfilme handeln ja meistens (wenn nicht von Vampiren) von Menschen, dennoch erschließen sie sich manchmal über die Orte. Vielleicht bleiben die Figuren uns fremd, ihre Gefühle unverständlich, die Entwicklung zwischen ihnen kaum nachvollziehbar - aber die Clubs, in die sie gehen, die Wohnungen, in denen sie sich treffen, die Straßenecken, an denen sie essen, die Büros, in denen sie arbeiten, das kleine Haus auf einer Insel, in dem sie sich lieben, all das atmet etwas, für das es lohnt, zwei Stunden im Kino zu sitzen. So ist es in dem Wettbewerbsfilm des Chinesen Lou Ye, „Frühlingsfieber“, gewesen, der eine Liebesgeschichte in wechselnden Konstellationen in Nanking erzählt. Es ist ein ungleichmäßiger Film mit starken Passagen und ganz schwachen, und manchmal schläft die Dynamik vollständig ein. Aber die Bäume und die Wege um das Haus herum, in dem das erste Paar, zwei Männer, sich leidenschaftlich ineinander verkeilt haben, besitzen ihre eigene Körperlichkeit, ebenso wie die Stadt, in die sie zurückfahren. So findet die unendliche Traurigkeit, die über diesem Film liegt, einen Boden.

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