20.05.2009 · Melodram, Film Noir und Komödie, stilsicher gemischt zu einem Film über Doppelgänger, Macht und Leidenschaft: Pedro Almodóvar zeigt seinen neuen Film „Los Abrazos Rotos“ in Cannes.
Von Verena Lueken, CannesPedro Almodóvar hat gleichsam Heimrecht in Cannes, so häufig war er schon hier. Sein jüngster, sein siebzehnter Film, „Los Abrazos Rotos“, ist in Spanien, wo er seit einigen Wochen läuft, nicht gut angekommen. In Cannes aber war der Applaus der Presse mehr als freundlich, was am frühen Morgen nicht die Regel ist und darauf hindeutet, dass am Abend die Galagäste von ihren Stühlen springen werden.
Wenn man es beschreibt, klingt, was Almodóvar hier macht, ziemlich kompliziert. Er beginnt in der Gegenwart mit einem Blinden, der sich als Harry Caine vorstellt und erzählt, dass er eigentlich Mateo hieß, Filmregisseur war und unter dem Pseudonym Harry Caine als Autor gearbeitet hat, bis ein Unglück passierte, er aufhörte, Filme zu machen und seinen Namen ablegte.
Allein die Seele fehlt
Dann springt der Film in die neunziger Jahre, und es beginnt die Geschichte der Sekretärin Lena, die gern Schauspielerin wäre, manchmal als Callgirl arbeitet und die Mätresse ihres Chefs wird, eines mächtigen, alten Industriellen. Er wird einen Film von Mateo finanzieren, in dem Lena mitspielt und der ziemlich ähnlich aussieht wie Almodóvars „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ und „Mädchen und Koffer“ heißt. Penélope Cruz strahlt als Lena eine tiefe Traurigkeit aus, die Lluíz Homar als Mateo/Harry ebenso anzieht wie ihre Schönheit, in der er aber auch ein komisches Potential entdeckt, das er in „Mädchen und Koffern“ zum Vorschein bringt. Der Millionär hat einen pubertierenden Sohn, der zu diesem Film das „Making of“ dreht, damit er von der Straße kommt. Und dann verlieben sich Mateo und Lena, was der Sohn filmt und der Millionär sieht – und so nehmen Glück und Unglück ihren Lauf.
Melodram, Film Noir und Komödie, all die Genres, die Almodóvar liebt und mit Bezügen zu Klassikern unverwechselbar zu seinen eigenen gemacht hat, mischen sich hier stilsicher zu einem Film über Doppelgänger, Macht und Leidenschaft. Und obwohl es noch eine Menge weiterer Verwicklungen in der Gegenwart wie in der Rückblende gibt, verwirren sich die Dinge nur so weit, dass wir nicht den Überblick verlieren. Und doch fehlt dem Film in all seiner Schönheit, seinem Witz und seinem Melo etwas, das man eine Seele nennen kann, etwas, das seinen Bezug nicht nur im Kino hat.
Einmal liegen Lena und Mateo auf dem Sofa und sehen sich in einem winzigen Fernseher Rossellinis „Viaggio in Italia“ an, und zwar jene Szene, in der Ingrid Bergman und George Sanders nach Pompeji fahren und zuschauen, wie ein Paar ausgegraben wird, das eng umschlungen vom Feuer überrascht wurde. Für Ingrid Bergman ist das der Augenblick, in dem ihr klar wird, was in ihrer Ehe fehlt. Die Szene veranlasst Mateo, mit dem Selbstauslöser ein Foto von sich und Lena aufzunehmen, wie sie umarmt daliegen. Dieses Foto, ausgelöst von einer Emotion auf der Leinwand, verkleinert ins Fernsehformat, nachgestellt von seinen Figuren und festgehalten mit der Kamera – das ist die Quintessenz dieses Films. Was er daraus macht allerdings, sieht ganz nach Pedro Almodóvar aus, der seinerseits inzwischen ein Klassiker ist.