18.05.2009 · Wahrscheinlich wird es das mieseste Jahr, das Hotels und Restaurants, Taxifahrer und Schönheitssalons in Cannes je erlebt haben. Das Filmfestival aber erlebte ein starkes Wochenende mit rockenden Iranern, schweigsamen Aboriginals, kriminellen Korsen und brutalen Filipino.
Von Verena Lueken, CannesWahrscheinlich wird dies das mieseste Jahr, das Hotels und Restaurants, Taxifahrer und Schönheitssalons in Cannes je erlebt haben. Möglicherweise wird auch der Filmmarkt einbrechen, was bei zweitausend Marktteilnehmern weniger als in den letzten Jahren keine kühne Prophezeiung ist. Das Programm aber war, zumindest in der offiziellen Sektion, selten stärker. Bisher zumindest.
Von den Rändern her zu denken ist im Kino immer eine gute Idee, gleich in den Untergrund zu gehen nur in bestimmten Fällen nötig. Zum Beispiel, wenn man in Iran einen Film über die weitverzweigte Undergroundgemeinschaft der Musikszene drehen will. Das hat der kurdisch-iranische Regisseur Bahman Ghobadi getan, dessen Filme bisher traurige, tragische Geschichten vom kurdischen Leben in den Grenz- und Kriegsregionen erzählten. Für „Niemand versteht was von Perserkatzen“, der mit einer handlichen Digitalkamera in siebzehn Tagen gedreht wurde, ist er jetzt nach Teheran gegangen und musste, obwohl dies ein Spielfilm ist, nicht viel erfinden. Die Geschichte hat reale Bezüge, aber Ghobadi musste viel unterwegs sein - in Ställen auf dem Land, über den Dächern der Stadt auf hochgelegenen Stockwerken halbfertiger Häuser, in Hinterhöfen, Kellern, hier und da auch einer Wohnung, überall dort, wo Musik gemacht wird, die den Tugendwächtern des Landes nicht gefällt, die ein bisschen westlich klingt und in den Texten über Dinge spricht, über die man in Iran nicht sprechen darf.
In der Aboriginal-Siedlung
Die junge Negar (Shaghaghi) und ihr Freund Ashkan (Koshanejad), der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, versuchen in wenigen Tagen eine Rockband auf die Beine zu stellen, ein Konzert in Teheran zu organisieren und sich Pässe und Visa für die Ausreise nach London zu beschaffen. Dabei hilft ihnen Nader (Hamed Behdad), der das komische Zentrum des Films ist, rasend schnell spricht und alles beschaffen kann, was verboten ist. Ghobadi filmt das teilweise wie eine rasante Fahndung nach passenden Bandmitgliedern, so dass wir Musik aller Richtungen von Heavy Metal bis World Music zu hören kriegen, teilweise inszeniert er es aber auch wie einen Clip mit gerissenen Stadtansichten, gekippten Bildern, rapide aufeinanderfolgenden Schnitten. In Iran wird das auf offizieller Seite keine Zustimmung finden, im Untergrund, der offenbar immens ist, schon. Und in Cannes, wo der Film die Reihe „Un Certain Regard“ eröffnete, war die Begeisterung groß.
Vom anderen Ende der Welt kam in derselben Reihe „Samson and Delilah“ des Australiers Warwick Thornton. Er spielt in einer Aboriginal-Siedlung aus vier Häusern, zwei Autowracks und einer Telefonzelle in der südwestlichen australischen Wüste. Die Dialogliste des Films passt vermutlich auf eine Seite, was da in Blicken und Handlungen geschieht, braucht keine Worte, die Armut, die Gewalt teilen sich unmittelbar mit, auch die winzigen Zuwendungen. Samson (Rowan McNamara) nimmt morgens, aufgeweckt von drei Rockmusikern vor dem Fenster, erst mal einen tiefen Zug aus der Lackdose, Delilah (Marissa Gibson) hingegen kümmert sich am anderen Ende der Siedlung als Erstes um ihre sehr alte Großmutter, die neben ihr im Freien schläft.
Die Zeit nutzen im Gefängnis
Alles, mehr oder weniger, spielt sich im Freien ab. Die wortlose Verständigung zwischen Samson und Delilah ist zunächst nicht freundlich, aber irgendwann, als Samson sein Stück Schaumstoff, auf dem er schläft, vor Delilahs Haus legt, nennt die Großmutter ihn Delilahs Mann. Als die Großmutter stirbt, gehen Samson und Delilah auf eine Reise, die sie in einen Touristenort führt. Die Verlorenheit der Figuren im Raum nimmt einem den Atem, aber hilflos ist selbst Samson, der immer tiefer in die Sucht sinkt, lange nicht. Was in Städten street smart heißt, beherrschen sie für die Wüste, und nur deshalb kann Thornton in seinem Filmdebüt der Geschichte am Ende eine Hoffnung lassen.
Der Wettbewerb wurde übers Wochenende dominiert vom Franzosen Jacques Audiard mit seinem Film „Ein Prophet“, einem Gefängnisthriller eigener Art. Auch hier war das Thema Überleben, und Audiard ist wie immer so nah an seinen Figuren dran, dass wir das Existenzielle ihrer Aktionen begreifen, ohne dass wir zu einer moralischen Position gezwungen würden. Es wird getötet, betrogen, geschlagen, verraten, jede Art von Droge konsumiert, bestochen, im Stich gelassen, und zwar mehr oder weniger von allen Figuren: den Insassen, die sich in einer korsischen und einer muslimischen Bande organisieren, den Wärtern, den Anwälten, den Freunden draußen. Die zentrale Figur, Malik El Djebena (Tahar Rahim), ist neunzehn und gerade zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, „diesmal bei den Großen“, wie sein Anwalt es nennt. Der erste Mann, den er töten wird, rät ihm, die Zeit zu nutzen, um klüger aus dem Gefängnis herauszukommen, und diesen Rat befolgt Malik in jeder Hinsicht.
Ungewohnte Zentralfigur
Er lernt lesen und schreiben. Lernt, wie die Korsenmafia funktioniert. Wie sich die Machtverhältnisse verschieben, als ein großer Teil der Korsen verlegt wird. Wie die Muslime aufsteigen. Womit sie zu ködern sind. Wer draußen die Fäden zieht und wie man das ändern kann. Wo eine Lücke für eigene Geschäfte bleibt und wann die Zeit gekommen ist, den gesamten Laden zu übernehmen. Oder nicht. Das Ganze hat einen erheblichen poetischen Anteil, der nichts mit Romantik zu tun hat, sondern mit Audiards Ansatz, einen Genrestoff mit einer komplexen, ganz ungewohnten Zentralfigur zu erzählen, sie auf eine Bildungsreise zu schicken und mit Phantasien auszustatten, wie sie das Genre eigentlich nicht vorsieht.
Mit einem Thriller kam auch Brillante Mendoza von den Philippinen in den Wettbewerb. Er filmt, was das Zeug hält, jährlich einen, meistens aber zwei Filme, im vergangenen Jahr war er auch schon hier und wurde ausgebuht. Sein diesjähriger Beitrag „Kinaty“ ist wieder ein Film, den viele nicht ausgehalten haben, weil er laut ist, so milchig dunkel, dass man oft kaum etwas erkennen kann, mit wilder Handkamera gedreht, quälendem Elektrosound überlagert und unfassbar brutal.
Die Persönlichkeit wird völlig zerstört
Es geht nach einem Prolog in dem Durcheinander des Straßenlebens von Manila eigentlich nur darum, dass eine Frau in ein Auto gezerrt, getreten, geschlagen und in einer endlos wirkenden Autofahrt durch die Nacht in ein Haus gebracht wird, wo sie vergewaltigt, ermordet, zersäbelt und in Tüten gepackt wird. Dann kommt die Rückfahrt, auf der ihre Einzelteile an unterschiedlichen Stellen aus dem Auto geworfen werden.
Erzählt wird das ohne ausbeuterischen Effekt aus der Perspektive eines Polizeischülers, der nebenher ein paar Kleinganovengeschichten mitgemacht hat und hier in etwas geraten ist, das seine Persönlichkeit völlig zerstört. Man kann das nicht mögen. Aber die Energie, die Ernsthaftigkeit, mit der hier ein Regisseur arbeitet, verdient unbedingt Respekt.