23.05.2008 · Vieles von dem, was auf dem Festival in Cannes läuft, wird nie ins deutsche Kino kommen. Aber das heißt nicht, dass es ohne Bedeutung wäre: Filme von Charlie Kaufman, Atom Egoyan und Paolo Sorrentino in Cannes.
Von Michael Althen, CannesFilmfestivals leben ja nicht nur von der Anschauung, sondern auch von den Begleitgeräuschen. Zu jedem Film, den man liebt, findet sich jemand, der aufs Heftigste widerspricht, und kein Film, der überall Ablehnung erfährt, hat nicht doch irgendwo einen Fürsprecher. Und immer gibt es jemanden, der schon im Vorfeld etwas gehört hat, ehe irgendwer sonst den fraglichen Film zu Gesicht bekommen hat.
So konnte man schon zu Beginn der zweiten Festivalhälfte vernehmen, dass nun nichts mehr käme, was der Rede wert wäre. Das behaupteten zumindest die Einkäufer, die auf dem Filmmarkt vieles schon vorher gesehen haben. Andererseits ist das Verkäufliche ja auch nicht unbedingt das, wofür man hierherkommt. Als Kritiker geht man ja auch auf ein Festival, um Filme zu sehen, die nie den Weg in unsere Kinos finden werden, wie faszinierend sie auch sein mögen. Das ist mehr und mehr der ganze Witz an den Festivals.
Nicht ohne Bedeutung
Das gesamte Wettbewerbsprogramm des Donnerstags – Philippe Garrels hübsche, aber auch etwas gespreizte Amour fou „La frontière de l’aube“, „Adoration“, Atom Egoyans verwirrend steriles Erzählspiel um Schuld und Vergebung, und Paolo Sorrentinos ungewöhnlich elegant in Szene gesetzte Politsatire um Giulio Andreotti, „Il Divo“ – wird wahrscheinlich nie ins deutsche Kino kommen. Aber das heißt nicht, dass es ohne Bedeutung wäre. Und selbst dort, wo sich die Filme bedeutender gebärden, als sie sind, haben sie ihre Berechtigung auf dem Festival. Weil das Kino eben nicht nur aus dem Gelungenen besteht, sondern im selben Maß aus dem Unvollkommenen und Gescheiterten, aus dem Verrückten, Verqueren und Verkorksten. Kino, das ist die Geschichte, an der alle mitschreiben, und nicht nur das, was unterm Strich übrig bleibt.
Völlig verkorkst ist das Regiedebüt des Drehbuch-Gurus Charlie Kaufman. Wo er schon in „Being John Malkovich“, „Vergissmeinnicht“ und „Adaption“ gern Geschichten entworfen hat, die sich in den Schwanz beißen, da frisst sich sein „Synekdoche, New York“ gleich völlig auf. Schon der neunmalkluge Titel deutet an, dass es ums Ganze gehen könnte, und nach heiter absurdem Beginn, in dem der Hypochonder Philip Seymour Hoffman von seinen schlimmsten Befürchtungen heimgesucht wird, geht es direkt ins Zentrum von Schaffenskrise und Schöpfungsakt. Dem Theaterautor gehen Leben und Ehe in die Brüche, und das Stück, das er daraus konstruiert, wächst sich zu einem monströsen Verwirrspiel aus Doppelungen und Wiederholungen aus, bei dem irgendwann keiner mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden kann. Spätestens ab der Hälfte des Films hört man auf, sich noch über irgendwas zu wundern – und sich für irgendwas zu interessieren.
Überfrachtetes Post-9/11-Stück
Ähnlich verschlungen, wenn auch nicht ganz so drastisch ist das Spiel, das der Kanadier Atom Egoyan in „Adoration“ treibt. Auch hier leisten Erfindung und Erinnerung der Wirklichkeit auf eine Weise Widerstand, dass man sie bald nicht mehr auseinanderhalten kann. Stimmt die Geschichte, dass die Eltern eines Jungen beim Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind, oder liegt die Wahrheit darin, dass sie in ein Attentat verwickelt waren? „Where the Truth Lies“ hieß Egoyans letzter Film, und darin kam er der Wahrheit jedenfalls viel näher als in diesem überfrachteten Post-9/11-Stück.
Wo die Wahrheit liegt, fragt sich auch Paolo Sorrentino in „Il Divo“, und das ist bei dem mehrfachen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, dessen Mafia-Verbindungen in diversen Prozessen ans Licht gebracht wurden, kein einfaches Unterfangen. Das Überraschendste an diesem Film ist, mit welcher Eleganz er die Politfarce um die zur Karikatur erstarrte Maske von Andreotti choreografiert. In langen Kamerafahrten und kunstvoll komponierten Einstellungen werden die Kulissen der Macht in Szene gesetzt, in denen wie ein Lemur ein von ständigem Kopfweh getriebenes Männlein sitzt, das alle Welt und vor allem seine Frau mit hohlen Sinnsprüchen langweilt und dabei die Fäden zieht, an denen die anderen zappeln.
Sorrentino hat begriffen, dass Farce nicht heißen muss, dass sich alles in grellen Farben überschlägt, sondern dass man sie auch als Politthriller in Superzeitlupe inszenieren kann. So wird das Salbungsvolle der Politik offengelegt, die Eitelkeit aufs Gnadenloseste bedient – und doch eine Spannung erzeugt wie in den Filmen von Rosi oder Damiani. Und am Ende wird der Monotonie und der Wiederkehr des Ewiggleichen in der italienischen Politik mit dem Song „Da da da“ der deutschen Band Trio die passende Melodie vorgespielt. Man wünscht sich geradezu, irgendjemand würde die deutsche Politik mal ähnlich genüsslich auseinandernehmen: Da da da.