06.08.2003 · Mel Gibsons Jesus-Film "The Passion" werden antisemitische Tendenzen nachgesagt. Weil den Film noch fast niemand gesehen hat, wird der Fall aufgrund von Indizien verhandelt.
Von Heinrich WefingDer Streit um Mel Gibsons Jesus-Film "The Passion", dem schon Monate vor dem Kinostart antisemitische Tendenzen nachgesagt werden, ist auch ein Streit um das Verhältnis von Schrift und Bild. Nicht nur, weil darüber debattiert wird, ob biblische Textstellen Mel Gibsons drastische visuelle Darstellung der Leiden Christi belegen.
Zunächst einmal geht es um das Verhältnis von Schrift und Bild in einem sehr viel technischeren, für die Diskussion grundlegenden Sinne. Die Kritiker des Films, allen voran eine Expertenkommission von katholischen und jüdischen Theologen, haben ihn bislang nicht gesehen, oder, wie sie betonen würden, sie haben ihn nicht sehen dürfen, weil Gibsons Produktionsgesellschaft ihnen eine Vorabvorführung verweigert hat.
Skript gestohlen?
Alle Vorwürfe, gipfelnd in der Behauptung, der Film laste nicht den Römern, sondern den Führern der Juden den Tod Christi an, stützen sich lediglich auf eine Kopie des Drehbuchs, das der Kommission vorliegt. Gibsons Firma behauptet, das Skript sei gestohlen worden, seine Gegner geben beharrlich an, es sei ihnen von einem besorgten Gibson-Mitarbeiter zugespielt worden. Aber wie auch immer der Text in die Hände der Kritiker gelangte: Es ist, als ob über eine Symphonie nur anhand der Partitur gestritten würde. Natürlich läßt sich aufgrund des Drehbuchs manches über einen Film sagen, aber jedes Urteil, das ohne die Bilder, den Schnitt, die Musik auskommen muß, wird etwas Vorläufiges haben.
Weil der Streitgegenstand nicht vor aller Augen steht, wird der Fall aufgrund von Indizien verhandelt. Nicht über den Film selbst wird debattiert, sondern über die Gästelisten der Privatvorführungen in handverlesenem Kreis und immer stärker auch über das persönliche Glaubensbekenntnis des mehrfachen Oscar-Preisträgers - ja sogar über die Ansichten seines Vaters. Solange kein Licht auf die Leinwand fällt, liegt über der Diskussion eine stickige Düsternis, und in diesem Schattenreich blühen die Verschwörungstheorien.
Religiöse Erfahrung
Natürlich ist zu fragen, warum "The Passion" nun, da die Debatte entflammt ist, nicht weiteren Kreisen gezeigt wird. Bislang hat Gibson die Rohfassung seines Werkes ausschließlich Wohlgesinnten vorführen lassen. Und die, die den Film sehen durften, sind angemessen begeistert. Ted Haggard etwa, Präsident der "National Association of Evangelicals", nannte "The Passion" eine "wunderbare Darstellung der letzten zwölf Stunden im Leben von Jesus Christus", die mit den Überlieferungen der Apostel exakt übereinstimme.
Der ehemalige Bürgerrechtler und frischbekehrte Renegat David Horowitz, selbst Jude, schrieb, der Film komme einer religiösen Erfahrung so nahe wie nur irgendein Kunstwerk. Er sei nicht antisemitisch, sondern zeige, "daß wir alle Jesus getötet haben". Mel Gibson selbst beteuert, sein Werk solle "inspirieren, nicht Anstoß erregen".
Streit zwischen Lagern
Eingebettet ist der Streit, wie derzeit beinahe alle Debatten in den Vereinigten Staaten, in die zunehmend schrille Feindschaft zwischen dem lautstarken christlich-wertkonservativen Lager auf der einen Seite und "den Liberalen" auf der anderen. "Die Liberalen", das sind, jedenfalls nach Ansicht der Konservativen: Pazifisten, Feministen, Bürgerrechtler, Gewerkschaftler, auch Vertreter der großen Kirchen, die in Amerika eher sozial engagiert denken, die linken Eliten in den Ostküstenmedien und die Filmleute von Hollywood, von denen nicht wenige, Steven Spielberg etwa, Juden sind. In Los Angeles laufen denn auch Gerüchte um, "The Passion", abseits der großen Studios produziert, in Italien gedreht, sei so etwas wie eine Rache Gibsons an der Filmschickeria, die ihm stets fremd geblieben sei.
Das aber ist pure Spekulation. Fest steht hingegen, daß Gibson zuerst in einem Interview mit dem populistischen Kommentator Bill O'Reilly in Rupert Murdochs "Fox News" auf die Vorwürfe gegen seinen Film reagiert hat. O'Reilly war immerhin so korrekt, vor Ausstrahlung des Gesprächs zu erwähnen, daß Gibsons Filmgesellschaft eine Option für seinen Roman "Those Who Trespass" besitzt. Gleichfalls kaum zufällig zählten zu den Erwählten, die den Film sehen durften, Leute wie der Radio-Einpeitscher der Rechten, Rush Limbaugh, oder David Kuo, der stellvertretende Direktor von George W. Bushs neuer Agentur für religiöse Initiativen.
Fehde mit Zeitung
Es paßt bruchlos in diese Schlachtordnung, daß auf einem Nebenkriegsschauplatz, allerdings mit exakt gleichem Frontverlauf, zwischen Gibson und der "New York Times" gefochten wird, der Zeitung, die in den Augen der Konservativen das Zentralorgan der amerikanischen Linken ist und die ihrerseits keinen Zweifel daran läßt, daß sie "The Passion" für ein fragwürdiges Unternehmen hält.
Zwei prominent aufgemachte Texte in der "Times" haben die Fehde am Wochenende neu angefacht. In dem einen zeigte sich der Kulturkolumnist des Blattes, Frank Rich, sichtlich pikiert darüber, daß ihm ein Sprecher Gibsons kühl mitgeteilt habe, er stehe auf der Liste für eine mögliche Pressevorführung des Films weit unten, die machtgewohnte Zeitung habe nur "niedrige Priorität". Rich bescheinigte Gibson daraufhin Größenwahn und einen "Märtyrer-Komplex".
„Päpstlicher als der Papst"
Recht eigentlich begonnen hat die Fehde der "Times" gegen Gibson aber bereits im März mit einem langen Artikel im Magazin der Zeitung unter der Überschrift "Ist der Papst katholisch ... genug?" Die Scherzfrage "Is the Pope catholic?" ist eine gängige Redewendung, vergleichbar dem deutschen "päpstlicher als der Papst". Der Reporter Christopher Noxon berichtete nicht nur von dem Passions-Vorhaben Gibsons, sondern auch von der Frömmigkeit des Schauspielers und dessen Engagement in einer "traditionalistischen" Gemeinde in Los Angeles.
Die kleine, nur siebzig Gläubige starke Gemeinschaft untersteht nicht dem Erzbistum Los Angeles, lehnt die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils ab, betrachtet alle Päpste seit dem Tod Johannes' XXIII. 1963 als illegitim und zelebriert ihre Messen in lateinischer Sprache. Gut hunderttausend Anhänger zählt dieser fundamentalistische Katholizismus in den Vereinigten Staaten, aber Gibson, so Noxon, sei der "Vorzeige-Gläubige". Der Schauspieler, immer noch - eine Seltenheit in Hollywood - in erster Ehe verheiratet und Vater von sieben Kindern, dient nicht nur als Aushängeschild der Sekte, sondern finanziert sie auch. Noxon zufolge hat er unlängst den Bau eines Gotteshauses im spanischen Missionsstil, der "Holy Family Chapel" in Agoura Hills unweit von Malibu, mit fast drei Millionen Dollar unterstützt.
Katholischer Traditionalismus
Nun sind spirituelle Eskapaden unter Filmstars nichts Ungewöhnliches, wenngleich sie meist eher zu fernöstlichen Lehren neigen, und Gibson hat aus seinem Bekenntnis nie ein Geheimnis gemacht. Auch der Reporter, der unter allerlei Vorbehalten an einer Messe in "Holy Family" teilnehmen durfte, konnte dort nichts Anstößiges vermerken. Er war nur überrascht, wie wüst die Attacken gegen die Amtskirche in Rom ausfielen.
Antisemitisches aber war nicht zu hören. Das änderte sich erst, als Noxon mit Mel Gibsons Vater sprach. Auch der vierundachtzig Jahre alte Hutton Gibson ist Anhänger des katholischen Traditionalismus. Er hat sich als Autor einiger antipapistischer Pamphlete hervorgetan. Mit vollem Ernst stellte er schon 1978 die Frage: "Is the Pope catholic?" Auch sonst neigt er offenbar zu entschiedenen Ansichten.
Dem Mann von der "Times" erklärte er beispielsweise, Al Qaida habe nichts mit den Anschlägen vom 11. September zu tun, die Flugzeuge seien ferngesteuert ins World Trade Center geflogen worden - eine Verschwörungstheorie, die auch auf der Linken Anhänger hat, zu denen in Deutschland etwa der ehemalige Bundesminister Andreas von Bülow gehört. Noxon zitiert den alten Herrn aber auch mit abstrusen Einlassungen, die darauf hinauslaufen, der Holocaust habe nie stattgefunden. Zitate, betont die "Times" nun, gegen deren Abdruck weder Vater noch Sohn Gibson vorgegangen seien. Über Mel Gibsons Weltsicht freilich sagen sie nichts.
Sackgasse des Denkens
In seinem Interview mit O'Reilly beklagte sich Gibson junior vielmehr darüber, ein namentlich nicht genannter Journalist einer "angesehenen Zeitung" sei auf ihn "angesetzt" worden. Der Reporter grabe in seinem Privatleben, schnüffele in seinen Bankauszügen herum und erdreiste sich sogar, seinen Vater zu attackieren. Und auf Nachfragen O'Reillys erklärte Gibson ausdrücklich, der Reporter sei geschickt worden, um nach Schmutz zu suchen, weil er, Mel Gibson, diesen Film über Jesus mache. Nun kann man die Untertöne dieser Andeutung nur verstehen, wenn man weiß, was jedem halbwegs Informierten in Amerika bekannt ist: daß die "New York Times" Eigentum einer jüdischen Familie ist. Will sagen: Wer, wie Gibson pathetisch formuliert, die "Wahrheit" über die Leidensgeschichte Christi erzähle, werde von den Juden unter Druck gesetzt.
Es ist eine häßliche Sackgasse des Denkens, in die die Debatte da geraten ist, noch ehe der Film für das Publikum zu sehen ist. Gibson raunt von einem jüdischen Komplott gegen ihn, während jüdische Organisationen vor dem vermeintlichen Antisemitismus warnen, den "The Passion" propagiere. Ein halbwegs klares Urteil ist derzeit unmöglich. Unter Marketinggesichtspunkten allerdings ist der Streit für Gibsons Projekt ein Geschenk, nun ja: des Himmels. Mehr Aufmerksamkeit kann sich ein Regisseur für sein Werk nicht wünschen.