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Film „Winter's Bone“ : Wölfin unter Wölfen

Sie muss ihren Vater finden, tot oder lebendig, sonst verliert die Familie ihr Heim: Jennifer Lawrence als Ree in „Winter's Bone” Bild: dapd

Tiefer hat kein Western je in die Welt des Westens geschaut: Debra Graniks Film „Winter's Bone“ erzählt meisterhaft vom Leben im Hinterhof des amerikanischen Traums. Erst zum Schluss versteht man das grausige Geheimnis des Filmtitels.

          Als nichts mehr hilft, meldet sich Ree zur Armee. Der Offizier im Rekrutierungsbüro fragt sie, warum sie sich freiwillig verpflichten wolle. Sie habe gehört, sagt Ree, dass es für Freiwillige einen Bonus von vierzigtausend Dollar gebe. Ob sie sich das auch gut überlegt habe, entgegnet der Offizier. Das habe sie, antwortet Ree, und wann sie die vierzigtausend haben könne. So einfach sei das nicht, sagt der Mann: Sie sei erst siebzehn, da brauche sie die Unterschrift ihrer Eltern. Ob es nicht ohne die Unterschrift gehe, fragt Ree. Sie gehe jetzt besser nach Hause zu ihrer Familie, rät ihr der Offizier, und komme im nächsten Jahr wieder. Da gibt Ree es auf.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist das einzige Mal, dass Ree in diesem Film aus dem engen Kreis ihrer Verwandten, Bekannten und Nachbarn heraustritt, dass sie den Kontakt mit der Außenwelt sucht, um ihre eigene Welt zu retten. Sie wird den Versuch nicht wiederholen. Dabei wäre sie eine gute Soldatin geworden. So, wie sie für ihre zwei kleinen Geschwister kämpft, für ihre apathische Mutter und für das Heim, das sie gemeinsam bewohnen, könnte sie es mit jedem Feind aufnehmen. Aber die Army gibt ihr die vierzigtausend Dollar nicht. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihren verschwundenen Vater zu finden, der für seine Kaution den letzten Besitz der Familie verpfändet hat - ein Holzhaus in den Ozark-Hügeln an der Grenze zwischen Missouri und Arkansas, dort, wo die Hinterwäldler leben, die Dropouts, die Verlierer jeglichen Booms, die Säufer, Drogenkocher und Junkies. Und Ree.

          „Winter's Bone“ ist keine Geschichte, die aus dem Nichts kommt. Die Tradition sozialkritischer Bücher und Filme über das Leben jenseits der Städte, im Hinterhof des amerikanischen Traums, ist so alt wie das Tonkino, sie beginnt mit Walker Evans' Fotoband „Preisen will ich die großen Männer“ über die Opfer der Depression und John Fords Steinbeck-Verfilmung „Früchte des Zorns“ und ist selbst in den Jahren des Nachkriegswohlstands nie ganz erloschen. In letzter Zeit nun hat sich der Hillbilly-Film, wenn man ihn so nennen darf, zur wichtigsten Spielart des Independent-Kinos entwickelt. Es ist die amerikanische Version des europäischen Spülsteinrealismus: Erzählungen aus der weißen Unterschicht vor Westernlandschaften. Debra Graniks Film, der 2010 beim Sundance Festival zwei der Hauptpreise gewann und seitdem immer neue Auszeichnungen erhalten hat, steht also bei weitem nicht allein da.

          Amerikanischer Albtraum: Leben in den Wäldern der Gestrandeten - Ree bringt ihre Geschwister zur Schule
          Amerikanischer Albtraum: Leben in den Wäldern der Gestrandeten - Ree bringt ihre Geschwister zur Schule : Bild: Verleih

          Alles dreht sich um Ree

          Dennoch ist „Winter's Bone“ in seinem Genre etwas Neues. Das liegt weder am Stoff noch am Schauplatz - auch hier erklingt das Banjo, auch hier werden Rinder versteigert und Stiere geritten, auch hier sieht man Pferde am Trog. Es liegt an der Konsequenz, mit der Debra Granik ihre Geschichte erzählt. Das Independent-Kino neigt von jeher dazu, dramaturgisch in die Breite zu gehen, es entwirft, schon aus Opposition gegen die Stromlinienform des Hollywoodfilms, lieber viele Schicksale als eines. Das macht die Handlung sozialkundlich interessant, aber unspannend. Die Kamera schweift durch die Kulisse wie durch ein Wimmelbild, bis sie den Ausgang gefunden hat.

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