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Film „Mein Leben als Zucchini“ : Puppenkinder erobern die Welt

So rasant wie elegant: Zucchini (rechts) fährt schnell Schlitten im Kulissenschnee. Bild: Polyband Medien

Mit viel Gespür für skurrile Kombinationen erzählt „Mein Leben als Zucchini“ von Claude Barras die Geschichte gebeutelter Waisenkinder. Der Trickfilm ist völlig zurecht für den Oscar nominiert.

          Um über diesen Film zu reden, der jetzt ins Kino kommt und für den Oscar nominiert ist, muss man sich an einen anderen erinnern, der in Deutschland vor zwei Jahren zu sehen war und leider nicht zu Oscar-Ehren kam. In „Bande de filles“, der Geschichte von vier farbigen Mädchen aus der Pariser Vorstadt, gibt es eine Szene, in der das Quartett sich in einem Schlafzimmer mit schicken Kleidern und Make-up inszeniert, zur Musik von Rihannas Welthit „Diamonds“. Ich hätte Schwierigkeiten, eine ergreifendere, schönere, vielsagendere Filmszene aus den letzten Jahren zu nennen, weil in der wortlosen Gemeinschaftlichkeit von vier benachteiligten Mädchen zum subtil geträllerten Pathos eines Megastars das Versprechen auf Überwindung von Gegensätzen mehrerer Art liegt – und das ohne falschen Zungenschlag. Dieses Kunststück verdankt sich den Schauspielerinnen und einer fünften Frau, die das Drehbuch zu „Bande de filles“ schrieb und Regie führte: Céline Sciamma. Und sie schrieb auch das Drehbuch zu dem Film, um den es hier eigentlich gehen soll.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der heißt „Mein Leben als Zucchini“ und ist ein Animationsfilm, Puppentrick im Stop-Motion-Verfahren, um genau zu sein, also Bild für Bild mit dreidimensionalen Figuren in gebauten Kulissen inszeniert und abfotografiert. Nichts ist gezeichnet. Deshalb kennen die Protagonisten auch jeweils nur einen Gesichtsausdruck: denjenigen, den man ihren Puppen eben gegeben hat. Die großen Augen immerhin sind beweglich.

          Kinotrailer : „Mein Leben als Zucchini“

          Zum Lachen und zum Weinen

          Und das hat mit Céline Sciamma zu tun, die hier allerdings keinen eigenen Stoff entwickelt hat, sondern von dem Schweizer Trickfilmregisseur Claude Barras gebeten wurde, sich für ihn eines Romans anzunehmen, der in Frankreich 2011 erschienen ist und Furore machte: „Autobiographie d’un Courgette“ von Gilles Paris. Auf Deutsch ist das Buch bei Knaus erschienen, eben als „Mein Leben als Zucchini“, denn Courgette ist das französische Wort dafür, und „Zucchini“ lautet der Spitzname des Ich-Erzählers im Roman, eines Neunjährigen, dessen Vater mit einer jungen Frau durchgebrannt ist und dessen Mutter bei einem vom Sohn verschuldeten Sturz stirbt. Zucchini kommt ins Waisenhaus, und dort trifft er auf Kinder, die ähnlich vom Leben gebeutelt wurden, doch die individuellen Geschichten klären sich erst nach und nach, obwohl es mit dem dreisten Simon einen Jungen gibt, der alle Geheimnisse kennt. Rivalitäten, Rätsel, Rangeleien – alle Ingredienzen eines Internatsromans kommen aufs schönste zusammen, nur dass hier das Elend eines Waisenhauses den Schauplatz abgibt.

          Die Protagonisten haben nur einen Gesichtsausdruck: denjenigen, den man ihren Puppen eben gegeben hat. Die großen Augen immerhin sind beweglich.
          Die Protagonisten haben nur einen Gesichtsausdruck: denjenigen, den man ihren Puppen eben gegeben hat. Die großen Augen immerhin sind beweglich. : Bild: Polyband Medien

          Kann so etwas komisch sein? Ja, denn schon das Buch endet nicht nur gut, es ist auch höchst skurril erzählt. Und Céline Sciamma spitzt seine Stärken noch zu und merzt ein paar für den Film als Schwächen erscheinende Elemente aus; unter anderem reduziert sie die Zahl der Kinder auf sieben, die jeweils ein individuelles Profil bekommen, das die knappe Laufzeit von nur 65 Minuten nicht überstrapaziert.

          Lachen kann man oft in diesem Film, weinen durchaus auch, und es gibt eine Szene, die es mit der eingangs geschilderten aus „Bande de filles“ aufnehmen kann, bezeichnenderweise wieder eine zu Musik. Bei einem gemeinsamen Ausflug in die winterlichen Berge wird ein Tanzabend veranstaltet, und dazu spielt der im Original französischsprachige Film ein deutsches Lied ein: „Eisbär“ von Grauzone aus den frühen achtziger Jahren. Trickfilmkinder tanzen zur Neuen Deutschen Welle, und die ironische Tristesse des Textes passt perfekt zur Stimmung der Szene. Was hat Sciamma für ein Gespür!

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