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„Ich, Daniel Blake“ im Kino : Lasst euch erschüttern

Dave Johns (l.) als Daniel in einer Szene aus „Ich, Daniel Blake“ Bild: dpa

Der Filmregisseur Ken Loach ist der Chronist der britischen Wirklichkeit. In „Ich, Daniel Blake“ erzählt er von einem Mann, der seinen Anspruch auf Unterstützung durchzusetzen versucht, und einem System, das sie ihm verweigert.

          Das erste Bild ist eine Tonspur ohne Bild. Eine männliche Stimme - es ist die von Daniel Blake - telefoniert mit einer weiblichen Stimme, die zu einer „healthcare professional“ gehört, zur Mitarbeiterin eines Gesundheitsdienstes, der über Daniel Blakes Anspruch auf Krankengeld entscheidet. Daniel Blake hat einen Herzinfarkt erlitten. Das versucht er der Gesundheitsdienstleisterin zu erklären. Die aber fragt ihn, ob er seine Arme über den Kopf heben, seine Schuhe binden und ein paar Schritte geradeaus gehen könne. Daniel wird ungeduldig. Er habe einen verdammten Herzinfarkt gehabt, sagt er, und den restlichen Quatsch könne sie sich sparen. Durch sein Fluchen, antwortet die Gesundheitsdienstleisterin, schade sich Daniel nur selbst. Das Gespräch bricht ab.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die nächsten drei Szenen spielen in einer Arztpraxis, in Daniel Blakes Wohnung und auf dem Arbeitsamt. Bei seiner Ärztin erfährt Daniel, dass er vorerst auf keinen Fall arbeiten darf. Bei sich zu Hause findet er einen Brief, der ihm mitteilt, dass sein Antrag auf Krankengeld abgelehnt wurde. Als er bei dem Gesundheitsdienst anruft, wird er nach zwei Stunden in der Telefonwarteschleife auf einen späteren Termin vertröstet; man werde sich bei ihm melden. Auf dem Arbeitsamt, wo er Einspruch gegen den Krankengeldbescheid erheben und zugleich einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe stellen will, erhält Daniel Blake die Auskunft, dass Formulare nur noch online ausgefüllt werden dürfen. Er könne ganze Wohnungseinrichtungen reparieren, entgegnet er dem Mann vom Amt, aber mit Computern habe er nie etwas zu tun gehabt.

          Auf Erschütterung aus

          In einer griechischen Tragödie wären es die Götter, die Daniel Blake zugrunde richten. In der Welt, in welcher der Film „Daniel Blake“ spielt, ist es die Bürokratie. Am Verlauf der Geschichte ändert das wenig. Es ist das alte Duell von Ohnmacht und Übermacht. Der verwitwete Schreiner Daniel Blake ist neunundfünfzig Jahre alt. Das „Employment and Support Allowance“-Programm der britischen Regierung, das die Prüfung der Beihilfeansprüche von chronisch kranken Arbeitslosen an eine private Dienstleistungsfirma übertragen hat, ist seit acht Jahren in Kraft.

          Man kann dem Regisseur Ken Loach vorwerfen, dass er den Kampf zwischen Daniel Blake und ESA (wie die offizielle Abkürzung für das Beihilfeprogramm lautet) nicht etwas farbenfroher und abwechslungsreicher schildert. Aber Ken Loach ist kein Mann für Farbenfreude im Kino. Er will es uns nicht schön machen mit seinen Filmen. Er will uns auch nicht unterhalten, so wie es die Gesetze des Marktes und die Gremien der Filmförderung vorschreiben. Was Loach will, ist das, was die antiken Dramatiker mit ihren Geschichten wollten: Sie sollten uns erschüttern.

          Kino im Zeichen der Brüderlichkeit

          Auf dem Arbeitsamt lernt Daniel Blake die junge Katie kennen, die mit ihren zwei Kindern von der Londoner Wohnungsbehörde hierher nach Newcastle abgeschoben wurde. Sie hat ihren ersten Termin in der fremden Stadt verpasst und verliert deshalb einen Teil ihrer Sozialhilfe. Das Häuschen, das Katie zugewiesen bekam, ist dunkel und kalt, der Strom abgestellt, die Toilette kaputt. Daniel repariert den Spülkasten, klebt Plastikfolie vor die Fenster, hängt ein selbstgeschnitztes Mobile auf und baut eine Tischheizung aus Teelichtern und zwei Blumentöpfen. So vergeht die Zeit, die sonst im Kino mit Explosionen, Verfolgungsjagden, Schusswechseln, Sex und Geschichten von Selbstverlust und Selbstfindung gefüllt wird.

          Kinotrailer : „Ich, Daniel Blake“

          Jeder Film von Ken Loach erzählt auf die eine oder andere Weise davon, wie ein Mensch dem anderen hilft. Sein ganzes Kino, könnte man sagen, steht im Zeichen der Brüderlichkeit, auch da, wo, wie in „The Wind that Shakes the Barley“, ein Bruder den anderen verrät. Und so könnte man in „Daniel Blake“ erwarten, dass Katie und Daniel sich irgendwie zusammentun, dass sie gemeinsam den Bürokraten trotzen. Aber Loach und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty kennen ihren Stoff zu gut, um der Geschichte diese Wendung zu geben. Sie führen das Paar, das in Wirklichkeit keines ist, auf getrennte Wege. Katie (Hayley Squires) prostituiert sich, um ihre Kinder durchzubringen, und Daniel (Dave Johns) sprüht seinen Protest mit schwarzer Farbe an die Fassade der Behörde, die ihn abgewiesen hat. „Ich, Daniel Blake, verlange eine Anhörung, bevor ich verhungere.“ Eine Gruppe von Frauen in Variétékostümen auf der anderen Straßenseite jubelt ihm zu. Ein Obdachloser, der vorbeiläuft, fordert ein Denkmal für Daniel Blake. In Zukunft, hat Andy Warhol verkündet, werde jeder für fünfzehn Minuten berühmt sein. Dies ist Daniels Andy-Warhol-Moment. Dann kommt die Polizei.

          Es geht nicht mehr um Königskinder

          In Cannes, wo „Ich, Daniel Blake“ im Mai die Goldene Palme gewann, wurde Loach die Holzschnitthaftigkeit des Films vorgeworfen. Das ist so, als würde man dem Himmel über Newcastle vorhalten, dass er grau ist. In Filmen wie „Angels’ Share“ oder „Jimmy’s Hall“ hat Loach seiner Sympathie für die Charaktere, von denen er erzählt, die Zügel schießen lassen. Diese Schwäche erlaubt er sich hier nicht. „Ich, Daniel Blake“ ist eine Geschichte an der Grenze zur Fallstudie, zur Dokumentation. Nur manchmal, wenn eine Frau, die am Verhungern ist, in einer Essensausgabestelle zusammenbricht oder ein Mädchen einen Mann umarmt, der gerade seine Wohnungseinrichtung verkauft hat, erstarrt das Bild wie von selbst zur Pietà. Dann braucht man keinen Dialog, um zu verstehen, was der Film meint.

          „Ungeheuer ist viel und nichts / ungeheurer als der Mensch“, heißt es bei Sophokles. Damals ging es um Königstöchter, die gegen den Staat, und Königssöhne, die gegen die Götter rebellieren. Heute geht es um einen Schreiner, der Sozialhilfe beantragt. Der Ton hat gewechselt, das Personal auch. Aber noch immer entscheidet am Ende ein Gericht über den Fall. Oder wir alle.

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          Quelle: F.A.Z.

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